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"Ein schwarzes Baby!"

Michael Endes ewig junge Märchenfigur Jim Knopf wird 60. Millionen Fans lieben sie unverdrossen, obwohl Jim immer wieder unter Rassismus-Verdacht gerät.

Innig geliebte Insulaner: Jim Knopf und sein Freund Lukas, der Lokomotivführer.
Innig geliebte Insulaner: Jim Knopf und sein Freund Lukas, der Lokomotivführer. © imago

Mitten im Meer liegt sie, die Insel Lummerland, milde regiert von König Alfons dem Viertelvorzwölften. Sein Reich verfügt über zwei Berge, ein winziges Städtchen, eine Handvoll Bewohner, eine Eisenbahn und einen Superstar: Jim Knopf, Lehrling von Lokomotivführer Lukas. Zwei Bücher hat Michael Ende über seine Helden und deren Abenteuer geschrieben, in 33 Sprachen wurden sie übersetzt und bis heute, 60 Jahre nach der Geburt von Jim, Lukas & Co., über 5,5 Millionen Mal verkauft. 

Noch erfolgreicher geworden durch die TV-Serie der Augsburger Puppenkiste, ist Jim Knopf eine der populärsten Märchenfiguren Deutschlands. Aber Endes Buch hat nicht nur Freunde. Denn Jim Knopf ist ein schwarzes Findelkind und, so vereinzelte Einwürfe, beinhalte Klischees, die rassistisch seien. Wer Jims Geschichte wirklich kennt, dem dürfte diese Deutung durchaus seltsam vorkommen.

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Ohnehin war Jims Geburt keine leichte. Sein Vater Michael Ende (1929 – 1995) war damals ziemlich pleite und darauf angewiesen, dass schon sein erster richtiger Schreibversuch ein Erfolg wird. Doch er hatte die Feder nicht halten können: 700 Seiten umfasste das Manuskript – viel zu viel für ein Kinderbuch. Ein Verlag nach dem anderen winkte ab.

Die Marionetten "Jim Knopf" und "Lukas" stehen zusammen mit der Lokomotive "Emma" im Puppentheatermuseum.
Die Marionetten "Jim Knopf" und "Lukas" stehen zusammen mit der Lokomotive "Emma" im Puppentheatermuseum. © dpa/Stefan Puchner

 Erst die Lektorin Lotte Weitbrecht vom Thienemann-Verlag in Stuttgart erkannte die Kraft der Geschichte mit dem Scheinriesen Tur Tur und dem Halbdrachen Nepomuk. Der Deal: Ende teilt seine Geschichte auf zwei Bücher auf, und Thienemann verlegt sie. So erschien am 9. August 1960 „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“, zwei Jahre später folgte „Jim Knopf und die Wilde 13“.

Die Aufteilung war weder der Geschichte noch Michael Ende abträglich. Schon das erste Buch wird von Publikum und Kritik abgefeiert und der Urheber zum gefragten Autor. Es ist der Grundstein einer Weltkarriere, deren Höhepunkte heißen „Momo“ (1973), „Die unendliche Geschichte“ (1979) und „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ (1989).

Doch erst unlängst hat die Geschichte von Jim Knopf erneut kritische Blicke auf sich gezogen. Das geschah vor dem Hintergrund der jüngsten Zunahme fremdenfeindlicher und rassistischer Einstellungen und, damit verbunden, der ebenfalls zunehmenden Sensibilisierung für unseren Umgang mit Sprache, wenn wir über andere Ethnien reden. Tatsächlich wird zunehmend erkannt, dass manche Worte, die vor Jahrzehnten als unbedenklich galten, einen ausgrenzenden oder gar abwertenden Charakter haben können. Wie etwa die Begriffe „Indianerjunge“ und „Eskimokind“, die auch bei Jim Knopf vorkommen.

Gegenentwurf zur NS-Ideologie

So beklagte vor zwei Wochen eine Pädagogin aus Hamburg in einem vielbeachteten Interview der Wochenzeitung Die Zeit, „Jim Knopf“ werde „leider noch oft gelesen“. Denn das Buch reproduziere „viele Klischees, zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen. Jim Knopf ist so, wie sich Weiße ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen.“ Wobei leider nicht klar wird, inwieweit sich Endes Darstellung des lustigen, frechen, schwarzen Jim Knopf von den Darstellungen lustiger frecher, weißer Helden in anderen Kinderbüchern unterscheiden.

Umstritten ist vor allem die Textstelle, in der Jim als „Neger“ bezeichnet wird: Als die Bewohner Lummerlands rufen: „Ein schwarzes Baby!“, bemerkt Inselbewohner Herr Ärmel: „Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein.“ Der Thienemann-Verlag will das heute für schwarze Menschen als rassistisch geltende Wort vorerst erhalten. „Kein Verlag kann und wird ohne Rücksprache und Zustimmung des Autors oder seiner Erben in einen Text eingreifen“, sagte Verlegerin Bärbel Dorweiler der Deutschen Presseagentur. 

Außerdem komme das Wort nur in einer Szene vor, ergänzt der Literaturagent und einstige Ende-Freund Roman Hocke. „Man muss sich doch fragen, warum er das Wort bei einem schwarzen Kind nur einmal auf siebenhundert Seiten benutzt. Ich denke, Ende hat ein Gespür gehabt, dass man das Wort nicht zu oft benutzen sollte.“

Wie kurios der Rassismus-Vorwurf ist, zeigt am deutlichsten die Gesamtaussage von „Jim Knopf“. Denn ein Höhepunkt ist die Befreiung einer bunten Gruppe von Kindern unterschiedlichster Herkunft aus der Erziehungsanstalt von Frau Mahlzahn. Und über dem Tor von Kummerland, das ein böser Drache beherrscht, steht: „Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten“ – keine Zufälle, wie Julia Voss schon 2009 im Buch „Darwins Jim Knopf“ schlüssig belegt hat.

Für die Historikerin ist „Jim Knopf“, 15 Jahre nach Kriegsende erschienen, sogar der direkte (und ziemlich christliche) Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Ideologie. Von Beginn an spiele Ende mit NS-Motiven und verkehre sie ins Gegenteil. Kinderbefreiung, rassistischer Drache sowie Jims Umgang mit Halbdrache Nepomuk, der sich für sein Mischlingsdasein schämt und durch Endes Helden neue Freunde und ein neues Leben findet; Julia Voss resümmiert: „Sie machen aus Lummerland, das so klein“ – und ethnisch homogen – „wie eine Wohnung ist, einen Staat, der so groß wie ein Kontinent ist und alle Völker der Welt aufnehmen kann und in Frieden zusammenleben lässt.“

Allen voran den schwarzen Jim Knopf und die chinesische Prinzessin Li Si, die am Ende von Ende die Ehe schließen. (mit dpa)

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