merken
PLUS Görlitz

Kohleausstieg vor 25 Jahren: So lief es im Tagebau Berzdorf

Joachim Neumann erlebt schon seinen zweiten Kohleausstieg. Am Sinn zweifelt er, aber beim Geld ist der Görlitzer zuversichtlich.

Joachim Neumann steht vor der Gedenktafel für tödlich verunglückte Bergleute, ausgestellt in der evangelischen Kirche in Tauchritz.
Joachim Neumann steht vor der Gedenktafel für tödlich verunglückte Bergleute, ausgestellt in der evangelischen Kirche in Tauchritz. © Nikolai Schmidt

Joachim Neumann hat schon von ganz anderen Kohleausstiegen gehört. Nicht in Deutschland, auch nicht in Europa, sondern in manchen Teilen der USA: „Da wurde ein Zaun um die stillgelegte Grube gebaut und fertig“, berichtet der 71-jährige Kunnerwitzer, der seit 2008 den Verein „Oberlausitzer Bergleute“ leitet.

Seit 1972 im Tagebau gearbeitet

Der gebürtige Görlitzer und studierte Elektrotechniker weiß, wovon er spricht: Seit 1972 hat er als Schichttagebauleiter im Tagebau Berzdorf bei Görlitz gearbeitet, ab 1991 war er dann als Betriebsführer für Hilfsgeräte, Entwässerung und vieles mehr zuständig, bevor er schließlich ab 1996 als Regionalprojektleiter Ostsachsen zum Bergbausanierer LMBV ging und dort bis zum Beginn seiner Altersteilzeit 2006 für die Bergbausanierung zwischen Neiße und Schwarzer Elster zuständig war.

Oppacher Mineralquellen
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Dieser Blick in den Braunkohletagebau bei Deutsch Ossig in Richtung Landeskrone ist im Jahr 1989 festgehalten worden. Noch bis 1997 ist in der Berzdorfer Grube Kohle abgebaut worden - mehr als 170 Jahre lang.
Dieser Blick in den Braunkohletagebau bei Deutsch Ossig in Richtung Landeskrone ist im Jahr 1989 festgehalten worden. Noch bis 1997 ist in der Berzdorfer Grube Kohle abgebaut worden - mehr als 170 Jahre lang. © Jens Trenkler
Eines der letzten Fotos aus dem Tagebau Berzdorf  von 1997: Hier wird die letzte Kohle zutage gefördert.
Eines der letzten Fotos aus dem Tagebau Berzdorf  von 1997: Hier wird die letzte Kohle zutage gefördert. © Foto: Marion Gröning
Das Foto vom März 2002 zeigt den Blick in das bald entstehende Hafenbecken des späteren Berzdorfer Sees.
Das Foto vom März 2002 zeigt den Blick in das bald entstehende Hafenbecken des späteren Berzdorfer Sees. © Foto: Jens Trenkler
Die letzten vier Kühltürme des 1997 stillgelegten Kraftwerkes Hagenwerder wurden am 5. Mai 1999 gesprengt.
Die letzten vier Kühltürme des 1997 stillgelegten Kraftwerkes Hagenwerder wurden am 5. Mai 1999 gesprengt. © Jens Trenkler
Am 10. Oktober 2003 wurden auch die vier stählernen 80 Meter hohen und 174 Meter langen Dampfkessel des  ehemaligen Maschinenhauses des Kraftwerkes Hagenwerder gesprengt.
Am 10. Oktober 2003 wurden auch die vier stählernen 80 Meter hohen und 174 Meter langen Dampfkessel des  ehemaligen Maschinenhauses des Kraftwerkes Hagenwerder gesprengt. © Foto: Jens Trenkler
Am 5. Dezember 2015 wurde als letztes Gebäude schließlich auch noch das  ehemalige Maschinenhaus des Kraftwerkes Hagenwerder gesprengt.
Am 5. Dezember 2015 wurde als letztes Gebäude schließlich auch noch das  ehemalige Maschinenhaus des Kraftwerkes Hagenwerder gesprengt. © Pawel Sosnowski/80studio.net
Den Ortsteil Hagenwerder (im Vordergrund) und die Landeskrone trennt inzwischen ein beachtlicher Berzdorfer See. Seit Februar 2013 ist er voll.
Den Ortsteil Hagenwerder (im Vordergrund) und die Landeskrone trennt inzwischen ein beachtlicher Berzdorfer See. Seit Februar 2013 ist er voll. © Foto: Peter Radke/LMBV
Segler vor der Kulisse der Landeskrone sind mittlerweile ein vertrautes Bild auf dem Berzdorfer See.
Segler vor der Kulisse der Landeskrone sind mittlerweile ein vertrautes Bild auf dem Berzdorfer See. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Das Ende der Berzdorfer Grube hat er also hautnah mitgemacht. Jetzt erlebt er seinen zweiten Kohleausstieg. Bundestag und Bundesrat haben am vergangenen Freitag abschließend über den Kohleausstieg bis 2038 entschieden – und über die 40 Milliarden Euro, mit denen den Kohlerevieren der Strukturwandel gelingen soll. Für die Lausitz sind zahlreiche Projekte angekündigt, allen voran Ausbau und Elektrifizierung der Bahnstrecken von Berlin und Dresden nach Görlitz und der sechsspurige Ausbau der A4 zwischen Dresden und Görlitz.

40 Milliarden sind gewaltige Summe

Zum Sinn des Kohleausstieges hat Neumann seine eigene Meinung: „Damals in Berzdorf war das zwingend erforderlich, aber jetzt schließen wir Tagebaue trotz hoher Wirtschaftlichkeit und billigster Energie.“ Trotzdem: Bei den 40 Milliarden Euro ist auch er zuversichtlich: „Das ist eine gewaltige Summe, da kann schon was draus werden.“ Und in manchen Dingen sei der Unterschied zu damals auch gar nicht so enorm: „Auch das Ende im Tagebau Berzdorf lief geordnet.“ Begriffe wie „Strukturwandel“ oder gar „Strukturstärkungsgesetz“ waren zwar noch nicht erfunden, letztlich habe es aber auch damals viel Geld vom Bund gegeben, um den Kohleausstieg für die Region erträglich zu gestalten.

In einer Zahl wird das für Neumann ganz besonders deutlich: „Zwischen 1993 und 2003 wurden 170 Millionen Kubikmeter Abraummassen für Stützkippen und Ufergestaltung bewegt“, berichtet er. Das Ausmaß wird vor allem dann deutlich, wenn man es mit einer zweiten Zahl in Relation setzt: In seinen besten Zeiten hatte der Tagebau eine Jahresleistung von 30 Millionen Kubikmetern. Es ist also auch damals schon richtig viel Geld für die Rekultivierung in die Hand genommen worden – auch noch nach 1993 und letztlich bis heute. Nötig war das vor allem wegen der gewaltigen Tiefe des Tagebaus. „Bei uns war die tiefste Stelle 110 bis 120 Meter tief, im heutigen Lausitzer Seenland nur 30 bis 40 Meter“, sagt Neumann. Entsprechend war der Aufwand hier deutlich größer.

6.000 Menschen zur Wendezeit

Doch es ging um weit mehr als nur Rekultivierung. Um 1989 arbeiteten etwa 6.000 Menschen in Grube und Kraftwerk, schätzt Neumann. Zur Außerbetriebnahme 1997 waren es höchstens noch 400 bis 500 Leute. Doch die anderen wurden nicht einfach alle entlassen. Klar, viele gingen in Rente oder Altersteilzeit, andere aber in Ausgründungen, Sanierungsbetriebe oder Umschulungen. Ausgründungen gab es in allen Bereichen, bei Schlossern, Schweißern, Elektrikern, sogar Reinigungsfirmen. Neumann hat das Gefühl, dass die, die zeitig gegangen sind, im Nachhinein besser klargekommen sind als jene, die sich noch lange ans Kraftwerk geklammert haben. Und manche Betriebe, die als Ausgründungen entstanden sind, existieren bis heute, die BMS zum Beispiel oder die SKS.

Und der jetzige Kohleausstieg bis 2038? „Die Wirtschaft geht da hin, wo es am billigsten ist und wo es Straße und Eisenbahn gibt“, sagt Neumann. Insofern begrüßt er den geplanten Ausbau der Infrastruktur in der Lausitz. Ob alle vorgesehenen Projekte gut sind, könne er nicht beurteilen, aber einige auf jeden Fall: „Wasserstoff ist die Zukunft. Das, was in dieser Richtung passiert, sehe ich positiv.“ Letztlich sei das ein sinnvoller Ersatz für die Kohle, die endlich ist: „Irgendwann ist sie abgebaggert.“

Tagebau war eher unwirtschaftlich

Beim Tagebau Berzdorf sei schon zu DDR-Zeiten klar gewesen, dass die Vorkommen maximal bis etwa 2004 reichen. Und im Vergleich zu anderen Tagebauen sei er unwirtschaftlich gewesen. Dass er überhaupt bis 1997 betrieben wurde, sei eigentlich nur der Lage an der Grenze zu verdanken: „Wir hatten in Hagenwerder ein neues Kraftwerk an der Schnittstelle nach Osteuropa.“ Doch bis 1997 wurde das Ost-West-Energienetz erfolgreich aufgebaut, außerdem wäre ab 1997 eine Rauchgasentschwefelung zwingend erforderlich gewesen. Diese beiden Punkte bedeuteten den Todesstoß für Tagebau und Kraftwerk. Aber den Berzdorfer See in seiner heutigen Form möchte keiner mehr missen, auch Neumann und die anderen Bergleute nicht. Insofern ist doch vieles ganz gut gelaufen.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz