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Aus "Stinkwut" zum Brandstifter?

Ein 47-jähriger Dresdner hat im Keller seines Wohnhauses gezündelt - und dann die Tür verschlossen. Angeblich war er mit der Beerdigung seiner Mutter überfordert.

Ein BRandstifter muss sich vor dem Amtsgericht Dresden verantworten.  Unklar, ob er für seine Tat verurteilt werden kann.
Ein BRandstifter muss sich vor dem Amtsgericht Dresden verantworten. Unklar, ob er für seine Tat verurteilt werden kann. © Peter Steffen/dpa

Die Beurteilung der Tat von Michael R. ist weniger das Problem als die Frage, ob er dafür verurteilt werden kann. Im Juni dieses Jahres hat der 47-jährige Landschaftsgärtner in seinem Wohnhaus in Dresden Feuer gelegt. Seit Montag muss er sich deshalb vor dem Amtsgericht Dresden wegen schwerer Brandstiftung verantworten. 

Der Mann räumt den Vorwurf ein – aber Fragen dazu kann er nicht beantworten. Er leidet nicht nur an einer Lese- und Rechtschreibschwäche, er wird auch wegen seiner Angstzustände behandelt, seit ihm im Jahr 1994 mutmaßlich Neonazis mit Springerstiefeln auf dem Kopf herumgetrampelt sind.

R. stammt aus der Oberlausitz und war aufgrund seiner intellektuellen Minderbegabung angeblich nur zwei Jahre in der Schule. Wie lange er im Heim war, kann er schon nicht beantworten. Er habe fünf Kinder mit seiner geschiedenen Frau, die noch in der Lausitz lebe. Nun sei er in Dresden – wie lange schon? Fehlanzeige. So viel zu den Problemen des Schöffengerichts, den persönlichen Hintergrund des Angeklagten zu erfragen. Die Vorsitzende Richterin kann sich auch nicht mit früheren Verurteilen helfen, R. ist strafrechtlich noch nicht aufgefallen, heißt es.

Laut Anklage hat der 47-Jährige am 6. Juni gegen 23.35 Uhr Altpapier und Pappe im Kellergeschoss eines Mehrfamilienhauses in der Pfotenhauerstraße angesteckt. Als dann zufällig anwesende Handwerker den kleinen Brand löschen wollten, habe R. vor ihrer Nase die Tür geschlossen. Schließlich haben die Maler den Brand aber doch gelöscht. 

Der Vonovia als Eigentümerin des Hochhauses entstand durch den Brand ein Schaden von 22.349 Euro – vor allem durch die Beseitigung von Verrußungen an Wänden und Decke. Bis ins erste Obergeschoss sei die starke Rauchentwicklung vorgedrungen.

"Alles schiefgegangen, was schiefgehen konnte"

Verteidiger Andreas Gumprich erklärt für seinen Mandanten, die Vorwürfe seien zutreffend. R. stehe unter Betreuung.  Nur wenige Tage vor der Tat sei seine Mutter verstorben. Er habe nicht gewusst, wo ihm der Kopf steht und sei mit den Formalitäten der Beerdigung überfordert gewesen. Außerdem habe er eine „Stinkwut“ gehabt aufgrund der Unordnung im Haus aufgrund der Bauarbeiten. Niemand habe trotz seiner Hinweise die Unordnung beseitigen wollen. R. sei sauer auf den Vermieter gewesen. „Mein Mandant weiß, dass das rechtswidrig war und nicht zu entschuldigen ist“, so Gumprich.

R. selbst sagt, an jenem Tag beziehungsweise in jenen Tagen sei „alles schiefgegangen, was schiefgehen konnte“, er habe aber niemanden in Gefahr bringen wollen. Er sei Döner essen gewesen und habe dann den Stapel Papier mit einem Feuerzeug angesteckt. „Ich habe aber selbst die Feuerwehr gerufen“, sagt er. Die Handwerker, die er nicht ins Haus ließ, habe er nicht in Gefahr bringen wollen.

Thomas S. (53) ist einer dieser Handwerker. Er berichtet, dass sie zu dritt nachts Böden gestrichen haben. Der Dienst habe um Mitternacht begonnen, weil dann kein Publikumsverkehr mehr störe. Das Mehrfamilienhaus wurde im Sommer umfangreich rekonstruiert. Daher mussten die Bewohner das Haus auch über den Keller betreten, der Haupteingang war gesperrt. 

Als S. und seine Kollegen gegen Mitternacht zur Arbeit kamen, sei ihnen gleich der Brand aufgefallen. „Vielleicht ein halber Quadratmeter brannte, nichts Großes.“ Papier, Fahrradschläuche, ein Kinderroller. Die Männer hätten sich das kurz angesehen und seien dann zum Nachbarhaus, um ihre Eimer mit Wasser aus einem Baustellenanschluss zu befüllen. 

Schon da sei R. aufgeregt um sie herum gesprungen. „Als wolle er uns vom Löschen abhalten“, sagt S. Dann sei die Tür zu gewesen. „Aber wir hatten ja einen Generalschlüssel.“ Drei Eimer Wasser genügten, um die Flammen zu löschen. Es sei dennoch schwierig gewesen, weil Keller und Treppenhaus inzwischen stark verqualmt gewesen seien. Dann brachten die Männer die qualmenden Reste hinaus und löschten auch die ab, noch ehe die Feuerwehr eingetroffen war.

R. hat die Tat später in einer Vernehmung bei der Polizei zugegeben. Unklar sind die genauen Zeiten. Ein erster Notruf von R. sei bereits um 23.35 Uhr eingegangen, die Handwerker dagegen berichteten, sie hätten den Brand um 23.55 Uhr bemerkt, als sie ins Haus gekommen seien, sagt Ermittler Eckhard K. (41) von der Dresdner Kriminalpolizei-Inspektion. R. sei den Beamten schon mehrfach aufgefallen, stets im Zusammenhang mit Anrufen im Lagezentrum der Polizei. Schon im April habe er einen Notruf abgesetzt, weil die provisorischen Toilettencontainer vor dem Haus brannten. 

"Muss es denn erst brennen, ehe etwas passiert?"

Als Verursacher konnte aufgrund des engen Zeitfensters „eigentlich nur“ der Angeklagte in Betracht kommen, so der Beamte. Darüber hinaus habe es zuvor weitere Anrufe zu Sachverhalten gegeben, die sich jedoch nicht bewahrheitet hätten. „Muss es denn erst brennen, ehe etwas passiert?“, soll R. damals gegenüber den Beamten gesagt haben. 

Am Tag der Vernehmung habe R. die Vorwürfe schnell eingeräumt. „Als wäre eine Last von ihm gefallen“, sagt der Ermittler. Er sei etwa verärgert gewesen wegen der Reko-Maßnahmen im Haus, wegen der Toiletten und weil nicht auf eine Beschwerde, die seine Betreuerin geschrieben habe, reagiert worden sei.

In der Tatnacht habe R. bei seinem Notruf behauptet, im Keller stehe ein Elektroroller in Flammen. Später stellte sich heraus, dass es ein Kinderroller war. Auch seine Schwäche für Zahlen ergibt sich aus dem Tonbandmitschnitt des Notrufs. Als Hausnummer nannte er die „2“ und die „3“, nicht die 32. Der Disponent im Lagezentrum gab dem Angeklagten den Rat, die Tür zu verschließen und nach draußen zu gehen, um der Feuerwehr den Weg zu zeigen. Eine Streifenpolizistin, die als erste am Brandort war, sagt, der Angeklagte sei sehr aufgeregt gewesen, habe mehrfach gefragt, ob er alles richtig gemacht habe, „wollte von uns gelobt werden“.

Geständnis, Zeugenaussagen, Notrufmitschnitt, Schadensprotokoll – das wird alles in der Beweisaufnahme erledigt. Ein Problem jedoch bleibt die subjektive Seite des Angeklagten, der, wie nun bekannt wird, mehrfach in der Psychiatrie in Großschweidnitz behandelt wurde, möglicherweise nicht nur wegen der traumatischen Erlebnisse aus dem Jahr 1994. 

Das Gericht setzte die Verhandlung nach einer zweiten Beratungspause aus. Der Angeklagte soll sich zunächst einem psychiatrischen Gutachter vorstellen, der sich auch mit den Krankenakten der Klinik befassen möge – im Hinblick auf die Frage der Schuld- und Steuerungsfähigkeit des 47-Jährigen. Der Prozess muss im kommenden Jahr neu aufgerollt werden.   

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