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Johns letzter Feindflug

Vor 69 Jahren sprang John W. Paul jr. über der Dippser Heide aus seiner B 17. Ein Hobbyforscher sucht nach Wrackteilen.

Von Jörg Stock

Ein Wald bei Reinberg. Ich folge einem Mann, der eine Metallsonde, einen Spaten und einen Aktenordner bei sich hat. Wir passieren den Tierfriedhof „Lieblings Ruh“. Matthias Schildbach, der Mann mit dem Schatzgräberzeug, schreitet zielsicher aus. Er weiß genau, wo er hin will: zu diesem Stück Erde, auf dem bis kürzlich ein mächtiger Sandsteinbrocken lag. Der Brocken ist weg. Gut möglich, sagt Schildbach, dass er eine Art Grabstein war, nicht für Hund oder Katz, sondern für die Überreste eines amerikanischen Bombenfliegers.

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Ausgebuddelte Ausrüstungsteile eines Fliegers, etwa Stücke der Splitterschutzweste und der Fallschirmgurtung.
Ausgebuddelte Ausrüstungsteile eines Fliegers, etwa Stücke der Splitterschutzweste und der Fallschirmgurtung.
Am 17. April 1945 stieg Lieutenant John W. Paul jr. in seine B-17 (kl. Bild), um Dresden anzugreifen. Die Aufnahmen entstanden kurz vor dem Start auf dem Flugfeld der 92.Bombergruppe in Podington, England. Fotos: privat/Sammlung Schildbach (2), K.-L. Ober
Am 17. April 1945 stieg Lieutenant John W. Paul jr. in seine B-17 (kl. Bild), um Dresden anzugreifen. Die Aufnahmen entstanden kurz vor dem Start auf dem Flugfeld der 92.Bombergruppe in Podington, England. Fotos: privat/Sammlung Schildbach (2), K.-L. Ober

Der Absturz passierte vor 69 Jahren, am 17. April 1945. Fast 600 Bombenflugzeuge dröhnten gegen Dresden, auch die B-17 von Lieutenant John W. Paul jr. aus Baltimore, Maryland. Er ist damals 25 Jahre alt und ein erfahrener Krieger auf seiner 34. Mission. Die vierzehn Sprengbomben an Bord sollen Eisenbahnanlagen treffen. Doch etwas kommt dazwischen. Wolken. Der Verband geht tiefer. Paul schert aus, will mit den anderen eine 360-Grad-Kurve fliegen. Da setzt der Blackout ein. Im nächsten Moment baumelt Paul am Fallschirm. Die Nachbarmaschine hat mit den Propellern seine B-17 zersägt. Beide „Fliegende Festungen“ bersten noch in der Luft.

Matthias Schildbach, 36, Hobbyhistoriker aus Kreischa, spürte diesem Unfall seit vierzehn Jahren nach. Als letzten Herbst elf Fliegerbomben in der Dippser Heide auftauchten, erzählte er die Geschichte erstmals öffentlich. Er hatte im Wald zahllose Bruchstücke einer B-17 aufgelesen. Ein Typenschild verriet ihm, dass sie zur Maschine von Pauls Unfallgegner, Lieutenant Arthur Huether, gehörten. Offenbar galt das auch für die Bomben. Alle vierzehn sind inzwischen entdeckt und entschärft. Wo ist Pauls Flugzeug? Wo sind seine Bomben?

Der Rummel um den Bombenfund hat die Zeitzeugen aufgeweckt. Doch kein Tipp half weiter. Umsonst suchten Kampfmittelräumer die bezeichneten Gegenden ab. Keine Bombe, kein Wrack. Hobbyforscher Schildbach glaubt nun, dass die Trümmerspur, die sich zwei Kilometer lang durch die südöstliche Heide und bis hier herauf an den Reinberger Weg zieht, von beiden Fliegern zugleich verursacht wurde, und dass hier, am Ende der Schneise, wohl die Reste des Paul’schen Bombers niedergingen. Wir sind da. Ein kahler Fleck, daneben die Steinplatte, die sicher Jahrzehnte auf ihm lastete, bis Vertraute Schildbachs sie neulich wegräumten. Matthias Schildbach legt seine Sachen unter eine alte Fichte. Nebenbei liest er einen grünlich schimmernden Gegenstand auf. „Hier geht’s schon los“, sagt er. Aluminium. Zweifelsfrei ein Stückchen „Fliegende Festung“. Er klemmt sich die Metallsonde an den Unterarm und schwenkt sie über den Boden. Der Apparat gongt erregt. Irgendwas ist da unten.

Schildbach nimmt den Spaten. Aus Berichten der Alten, penibel notiert in jenem Aktenordner, weiß er, dass hier in der Nähe größere Wrackteile eines Bombers lagen, auch ein Rumpf, vielleicht mit Toten darin. Nachweislich sind bei dem Unfall elf Flieger gestorben. Man begrub sie in der Heide. 1947 holten die Amerikaner sie heim. Aber waren die Leichen vollständig?

Es heißt, dass Kriegsgefangene damals die Trümmer aufräumen mussten. Die Bewachung dürfte kurz vor Kriegsende eher lasch gewesen sein, denkt Matthias Schildbach. Was, wenn die Gefangenen auf Leichenteile gestoßen sind? Was, wenn sie eine Mulde ausgehoben haben, die Überreste darin versenkten und den praktischerweise vorhandenen Steinklotz darüberwälzten? Im Sinne der Arbeitserleichterung wäre es die einfachste Lösung gewesen, denkt Schildbach. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Mühsam dringt das Spatenblatt durch den Wurzelfilz. Die Erde ist rabenschwarz. Was Schildbach lose bekommt, legt er am Rand der Grabungsstelle ab. Er scannt alles mit der Sonde. „Gong!“ Ein Druckknopf. „Gong!“ Eine Sicherheitsnadel. „Gong!“ Ein Metallblättchen, quadratisch, fünfmal fünf Zentimeter groß. Da! Noch eins! Was ist das? Es sind Panzerplatten aus einer Splitterschutzweste, sagt Schildbach. Die Flieger legten diese „Flak-Vest“ an, sobald sie in den Machtbereich der deutschen Abwehrkanonen kamen. Definitiv ein persönliches Ausrüstungsstück. Daumendicke Plexiglassplitter tauchen auf. In dem schwarzen Dreck blinken sie wie Edelsteine. Vielleicht stammen sie vom Cockpit oder von einem der Maschinengewehrstände. Die Splitter sind bräunlich gefärbt. Sie waren im Feuer. Schildbach hantiert jetzt mit einem Ziegelhammer in der Kuhle. Ja, die Schatzsuche, sinniert er, „irgendwie wird man dabei zum kleinen Jungen.“ Schätze sucht Schildbach nicht. Er sucht Gewissheiten, er will Schicksale klären. Sollte er Knochen finden, wird er sofort die Kripo anrufen.

Die Sonde gongt und gongt. Noch mehr Panzerplatten, Ösen, Draht, Aluminiumfetzen, ein seltsam ovaler Knopf mit Stoffrest. Schildbach kennt die Sorte. Gesäubert trägt er die Prägung „Boston Massachusetts“. Ist das eigentlich legal, was er hier macht? Der Hobbyforscher zieht die Schultern hoch. Eine Erlaubnis vom Waldbesitzer hat er nicht direkt. Ein Platzverweis könnte ihm drohen, meint er. Aber wieso? Die Leute wüssten, dass er keine unlauteren Absichten hege. Er macht ja nichts kaputt, sagt er.

Nach Dresden in friedlicher Mission

Nun kommt angekohlter grüner Stoff ans Licht, Schnallen, ein rostgepanzerter Karabinerhaken. Ein Fallschirmverschluss, vom Flieger direkt vor der Brust getragen. Dass hier jemand verbrannt ist, steht für Matthias Schildbach fest. Aber menschliche Überreste findet er nicht. „Auch gut“, sagt er. „So gibt es keine Fragen und keinen Ärger.“ Er verfüllt das Loch und räumt die Artefakte in eine Pappkiste. Abmarsch.

Und was wurde aus Lieutenant John W. Paul jr.? Matthias Schildbach hat ihn ausfindig gemacht. Er lebt noch immer in Baltimore. Pauls Kriegsbericht steckt auch in Schildbachs Ordner. Demnach sprang Paul damals deutschen Soldaten direkt in die Arme. Anfang Mai 1945 befreiten ihn Landsleute aus einem Kriegsgefangenenlager bei Pilsen. Er kehrte heim zu seiner Frau Jane, mit der er drei Töchter bekam. Es folgten fünf Enkel und acht Urenkel. John, der eine bayrische Großmutter hatte, kam mehrmals zurück nach Deutschland, in friedlicher Mission. 1984 besuchte er Dresden, die Stadt, die er einst bombardieren sollte.

John Pauls letzte Nachricht erhielt Matthias Schildbach Weihnachten 2013. John, inzwischen 94, ließ ihn wissen, dass er seine Bomben damals nicht hatte abwerfen können. Sie seien bei dem Absturz im Flugzeug gewesen. Aber wo sind sie jetzt? Wurden sie fortgeräumt? Oder schlummern sie noch irgendwo in rostiger Agonie gefährlich vor sich hin? Die Suche geht weiter.