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Jubel, Trubel, Heiserkeit

Dank Public Viewing werden Fußballspiele zu Feten. Das lockt nicht nur in Horka junge Menschen an.

© André Schulze

Von Alexander Kempf und André Schulze

Sven Sommer hat verloren. Trotzdem ist er nicht traurig. Ganz im Gegenteil. Er strahlt. Denn auch wenn der Kassenwart des Jugendclubs Villa Horka eine Wette verloren hat, wird seine Mannschaft doch das Spiel gewinnen. Und das tröstet am Montagabend in der Reithalle in Horka über alles hinweg. Schon zu Halbzeit führt Deutschland mit drei Toren gegen Portugal. „So stark hätte ich sie nicht erwartet“, sagt Sven Sommer. Er ist von einem Unentschieden mit zwei Toren auf beiden Seiten ausgegangen.

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Während das Spiel sehr eindeutig ausfällt, steht das Public Viewing in Horka zunächst auf der Kippe. Die Übertragung hat sich erst sehr kurzfristig am vergangenen Donnerstag ergeben. Ohne eine gelungene Mannschaftsleistung von Reitverein und Jugendklub hätte es die Veranstaltung vielleicht nicht gegeben. Die Reiter stellen Raum und Technik zur Verfügung. Der Jugendklub sorgt für die Getränke. Die braucht es auch, um die heiseren Kehlen zu kühlen. Die Jugend liebt das Mitfiebern. Die Fußballspiele gleichen mehr und mehr Feten. Die Fans kostümieren sich mit Fahnen und Farbe im Gesicht.

Besonders bunt geht es in Weißwasser zu. Denn während die Horkaer Reithalle schon das eine oder andere Public Viewing während der vergangenen Europameisterschaft erlebt hat, sind Fanfeste im Jahnbad der Glasmacherstadt Neuland für Veranstalter Timo Schutza. Der muss dann auch gleich Lehrgeld bezahlen. Die Sonne steht zum Anpfiff noch hoch am Himmel und lässt die Leinwand ziemlich blass aussehen. „Du gewinnst den Krieg gegen die Sonne nicht“, stellt Timo Schutza in der Halbzeitpause fest.

Vielleicht hätte ein Zelt die Sicht verbessert. Doch genau das will der Veranstalter auch in Zukunft nicht aufstellen lassen. „Dann geht ja die ganze Atmosphäre flöten“, sagt Timo Schutza. Wenn schon Public Viewing, dann auch Freiluftfernsehen. In Zukunft sollen im Jahnbad nur noch die Spiele der deutschen Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft gezeigt werden, die spät am Abend stattfinden. „Versucht haben wir es“, sagt der Veranstalter beinahe entschuldigend.

Die Besucher, die im Jahnbad bleiben, scheinen dennoch zufrieden. Sie haben dem Spiel offensichtlich entgegengefiebert und sich eigens in Schale geworfen. Die Farben Schwarz, Rot und Gold sind omnipräsent. Sogar ein Baby steckt schon im Nationalmannschaftsstrampler. Dabei sein ist seit der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land alles. Geschaut wird gemeinsam. Das ist in Weißwasser nicht anders als in Horka. Viel von Fußball verstehen müssen die Besucher der Fanfeten nicht.

Auch die eingeschränkte Sicht im Jahnbad stört nicht alle. „Ich will ja nur schreien. Wenn die anderen schreien, schrei ich ooch“, sagt eine junge Besucherin. Sie schaut das Spiel mit drei Bekannten. Fußball wird dabei schnell zur schönsten Nebensache der Welt. Die jungen Leute verstehen die Partie eher als eine Party und sind nie um einen flotten Spruch verlegen.

„Kann es sein, dass Deutschland spielt?“, fragt einer der Begleiter der jungen Frau. „Da steht Germania. Ich bin mir aber nicht ganz sicher“, antwortet sie ihm. Ein Dritter unterbricht sie. „Können wir jetzt mal in Ruhe Fußball hören?“, fragt er und sorgt für Lacher. Wer wirklich nur wegen des Fußballs gekommen ist, verlässt das Jahnbad nach und nach.

Die Jugend aber kommt auf ihre Kosten. „Sind wir jetzt schon Weltmeister?“, fragt ein junger Mann nach dem deutschen Führungstreffer schelmisch. „Gleich“, antwortet ihm ein Freund. Wenn das Spiel verflacht, drehen die Hobbykommentatoren auf. Gerd Gottlob, die Stimme aus dem Fernsehen, mag mehr Fußballkompetenz haben. Die jungen Weißwasseraner hingegen bringen die deutlich lustigeren Sprüche. „Ich sehe den Puck nicht mehr“, nörgelt einer. Seine Freunde lachen.

Jubel, Trubel und Heiserkeit machen in großen Gruppen ganz einfach mehr Spaß. Über den Lieblingsverein lässt sich vortrefflich streiten, in Sachen Nationalmannschaft sind sich die Fans in Weißwasser und Horka einig. Schon am Sonnabend soll in der Reithalle das zweite Spiel Deutschlands gezeigt werden. Sven Sommer bietet sich dann die nächste Chance, auf das richtige Pferd zu setzen.