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Jubiläum ohne Dampf

175 Jahre nach der Saxonia fährt ein schnörkelloser ICE in den Bahnhof und später über die Gleiskurve durch Priestewitzer Land. Nicht allen gefällt das.

Von Britta Veltzke

Um Punkt 15.39 Uhr rollt der Jubiläumszug aus Leipzig in den Riesaer Bahnhof – genau 175 Jahre, nachdem die Lok Saxonia erstmals die Elbestadt mit den sächsischen Metropolen verbunden hat. Ein Junge auf den Schultern seines Großvaters kommentiert dieses denkwürdige Ereignis mit den Worten: „Dampft ja gar nicht!“ Dann sieht er dabei zu, wie anstatt eines rauchenden Dampfrosses der nahezu geräuschlose ICE vor ihm anhält. Von seinem exponierten Platz aus sieht er dabei zu, wie sich der Riesaer Riese durch die Besucher schiebt und winkend die Gäste begrüßt. Der sächsische Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) steigt ebenso aus dem vordersten Abteil wie Bahnchef Rüdiger Grube. Aber die scheinen den Jungen weniger zu interessieren. Inzwischen zupft er gelangweilt an den Haaren seines Opas.

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Wenn schon der Jubiläumszug nicht an die Anfänge der Fernbahnstrecke erinnert, so tun es wenigstens die verkleideten Statisten, die gestern mit an Bord waren. Kostümiert war auch Gunter Spies mal wieder. Der Riese durfte sogar mitfahren. Foto: Alexander S
Wenn schon der Jubiläumszug nicht an die Anfänge der Fernbahnstrecke erinnert, so tun es wenigstens die verkleideten Statisten, die gestern mit an Bord waren. Kostümiert war auch Gunter Spies mal wieder. Der Riese durfte sogar mitfahren. Foto: Alexander S

Er ist nicht der Einzige, der von dem Festakt enttäuscht ist. „Sehr viel hat sich die Bahn für heute nicht einfallen lassen“, sagt Oberbürgermeisterin Gerti Töpfer (CDU), die gestern in ihrer Rede über Riesa als „die Mitte“ der ersten Fernbahnstrecke Deutschlands sprach. Töpfer endete mit dem Satz: „Für das 200. Jubiläum wünschen wir uns wieder die Saxonia her!“

Zwei Herren, die das kleine Spektakel mit einigen Schritten Abstand zum Zug, beäugen, waren auch schon vor 25 Jahren, beim 150. Jubiläum, dabei. „Das ist gar kein Vergleich“, sagt Manfred Berkner. Tausende Besucher seien damals gekommen. Nach offiziellen Angaben waren am 8. und 9. April 1989 rund 330 000 Menschen am Bahnhof. Berkners Kumpel, Wolfram Beeg, pflichtet ihm bei: „Da kamen etliche alte Loks, die schön langsam über die Strecke fuhren. Da hatte man noch viel zu gucken.“

So pünktlich, wie der Zug gekommen ist, rollt er auch wieder ab. Nach einem kurzen Plausch mit dem Jubiläumslokführer steigt der Riese mit einem riesigen Rollkoffer ein. Grube und Morlok folgen ihm. Viele Zurückgebliebene winken. Um 16.09 Uhr sehen der Junge von den Schultern seines Opas aus und alle anderen Besucher auf dem Bahnsteig nur noch das schnörkellose Ende von Deutschlands modernstem Zug. Er fährt am Priestewitzer Bahnhof vorbei Richtung Dresden.