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Wie bleibt man fit bis 103?

In Pulsnitz feiert Irma Roitsch ein seltenes Jubiläum. Trotz ihres hohen Alters kümmert sie sich um ihre Mitbewohner. Einen Heiratsantrag lehnte sie aber ab.

Irma Roitsch feiert am Freitag dieser Woche ihren 103. Geburtstag. Ihre Tochter Barbara Stipta ist dazu aus Ungarn angereist.
Irma Roitsch feiert am Freitag dieser Woche ihren 103. Geburtstag. Ihre Tochter Barbara Stipta ist dazu aus Ungarn angereist. © René Plaul

Pulsnitz. Die Frisur sitzt. Am Morgen hat die Friseurin das graumelierte Haar der Seniorin in Form gebracht. Das ist Irma Roitsch wichtig. Denn sie feiert am Freitag dieser Woche ihren 103. Geburtstag, im Pflegeheim Pulsnitztal in Pulsnitz. Dabei kommt die betagte Dame eher wie eine 80-Jährige daher. Das bringt ihr viele Komplimente ein. In Pulsnitz lebt sie seit anderthalb Jahren, nach einem Sturz und Knochenbrüchen in ihrer früheren Wohnung in Ullersdorf. Dort ist sie im Haus der Großeltern geboren. Über 100 Jahre lebte sie in der kleinen Ortschaft.

Der Pflegedienst hatte nie viel zu tun: „Tür auf, Tür zu“, erzählt die alte Dame. Die Mutter „ist eben eine Kämpferin“, sagt Tochter Barbara Stipta. Über ihr hohes Alter wundert sich Irma Roitsch gar nicht so sehr: „Das liegt in der Familie.“ Vor allem väterlicherseits seien alle mit über 80 Jahren sehr alt geworden. 

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Das ganze Arbeitsleben lang im selben Betrieb

Sie sei aber nie ein Gesundheitsapostel gewesen und habe sich immer normal ernährt: „Mir schmeckt alles.“ Vielleicht hat sie ja der tägliche Weg über Kilometer zur Arbeit in das damalige Keradenta-Werk im benachbarten Radeberg fit gehalten. Meist mit dem Fahrrad, im Winter auch zu Fuß. „Und schön gerutscht am Berg“, sagt sie. Künstliche Zähne wurden damals in dem Werk hergestellt, berichtete die Seniorin. Ihr ganzes Leben lang habe sie dort gearbeitet bis zur Rente.

Ergotherapeutin Ulrike Micklich bemerkt: „Damals war das so üblich, heute kaum noch denkbar“. Das Werk gibt es immer noch. Heute werden dort von der Firma B. Braun Avitum Saxonia künstliche Nieren hergestellt.

Immer Ruhe zu bewahren und immer etwas zu tun, sei das Rezept, um alt zu werden, sagt die Jubilarin. So habe sie die Wohnung immer allein in Schuss gehalten, bis ins hohe Alter. Und Tanz ist bis heute ihre Leidenschaft. Vielleicht ein bisschen moderater als in jungen Jahren.

Die Zerstörung Dresdens miterlebt

Das Leben sei nicht einfach gewesen. So habe sie neben der Arbeit jahrelang ihre rheumakranke Mutter gepflegt. Ihr erster Mann sei schon in den 1950-er Jahren in den Westen gegangen. Frauen, die allein waren, seien zu wenig unterstützt worden, sagt die Seniorin. Das Geld habe nie gereicht. Später fand sie eine neue Liebe.

„Man muss sich ein bissel zusammenreißen“, ist noch immer der Anspruch von Irma Roitsch. An einem Tag, der ganz besonders im Gedächtnis haften geblieben ist, fiel das allerdings schwer. Es war der 13. Februar 1945, als Dresden zerstört wurde. Irma Roitsch schließt die Augen, schüttelt den Kopf und ist wieder den Tränen nahe. Sie möchte gar nicht daran denken. „Es war so furchtbar, der Feuerschein und das Donnern der Bomben, das nicht aufhören wollte. „Der Verstand blieb stehen.“ Damals habe die gesamte Verwandtschaft ihrer Schwägerin in den Flammen ihr Leben verloren. Was dieser Krieg den Menschen angetan habe, sei nicht wieder gut zumachen.

Videochat mit der Verwandtschaft

All diese Erfahrungen sind vielleicht auch ein Grund, warum  Irma Roitsch noch heute sehr sozial eingestellt sei, sagt Heimleiterin Solveig Wahlicht. Trotz des hohen Alters kümmere sie sich um andere Heimbewohner, wenn sie Sorgen haben. „Sie kann anderen Menschen an schweren Tagen viel Mut machen. Sie lacht viel und macht gern einen Scherz.“ Die betagte Dame schaut verschmitzt: „Das gehört zu mir.“ Auch ein Rezept, alt zu werden. Und sie habe  nie über die Stränge geschlagen.  Aber zur Geburtstagsparty darf es schon ein Glas Sekt sein.

Zum Geburtstag ist auch Tochter Barbara aus Ungarn angereist, wo sie seit vielen Jahren lebt. Ebenso wie  die vier Enkel und Urenkel. Sie wären auch gern mitgekommen.  Wegen Corona sei es aber schwierig gewesen, erklärt die Tochter. Aber Irma Roitsch chattet jetzt per Video mit der Verwandtschaft. Der Videochat werde vom Heim auch nach Corona angeboten. Eine gute Lösung, um Kontakt halten zu können, sagt die Chefin. Bisher sei das Heim gut und ohne Infektionen durch die Krise gekommen. Einschränkungen zum Schutz der Senioren gibt es aber noch.  Eine telefonische Anmeldung ist für alle Besucher erforderlich, ebenso der Eintrag in eine Kontaktliste und das Tragen von Mundschutz.

Heimbewohner werden immer älter

Die Bewohner werden immer älter, schätzt Solveig Wahlicht ein. Ein Drittel der Frauen und Männer ihrem Heim sei inzwischen über 90 Jahre alt. Als sie vor 30 Jahren in der Pflege angefangen habe, seien die 90. Geburtstage so groß gefeiert worden wie heute die 100. Jubiläen, weil sie noch selten waren.

Noch in der Kaiserzeit geboren, erlebte Irma Roitsch die Weimaer Republik, den Zweiten Weltkrieg, die DDR, den Bau der Mauer und wie sie fiel. Da kann einen nichts mehr überraschen. Oder? Am Freitag will es das Heim-Mannschaft versuchen. Das Stationsteam hat eine Party vorbereitet, die Tanzgruppe Tanzmäuse aus Ohorn kommt, und es gibt eine große Torte.

Bevor es soweit ist, dreht die Jubilarin erstmal eine Runde mit dem Rollator, gemeinsam mit der Tochter und dem SZ-Fotografen fürs Geburtstagsfoto. Im Vorjahr habe sie sogar einen Heiratsantrag bekommen. Den lehnte die Seniorin aber ab, wegen des Altersunterschieds.

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