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Jüdenhof feiert sächsisch-bayrisch

Gestern war Richtfest für den Nachbau am Neumarkt. Der wächst schneller als geplant. Probleme bleiben trotzdem.

Von Lars Kühl

Leben und Genuss

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Im Netz vorm Gerüst am Jüdenhof fehlt ein Streifen. So ist am gestrigen Abend der Blick auf den fast fertigen Rohbau frei. Die vielen Besucher beim Richtfest des Gebäudes am westlichen Neumarkt sehen: Hier wächst etwas, was zum historischen Ambiente an Dresdens Vorzeigeplatz passt. Im August kommenden Jahres soll das Ensemble samt Innenhof fertig sein.

Eigentlich könnte Michael Kimmerle verkünden, dass man sogar eher übergeben kann, denn schon jetzt liegt die beauftragte Firma DIW Bau sechs Wochen unter der Vorgabe. Doch der 41-Jährige ist lieber vorsichtig. Schließlich läuft nicht alles rund beim Vorzeigeobjekt, das die Familie in Dresden angepackt hat. Immer noch ungeklärt ist, ob bei rund 60 Prozent des Komplexes Fenster eingebaut werden dürfen, die zu öffnen sind. Und zwar hauptsächlich zur Rosmarin- und zur Schössergasse hin.

Denn direkter Nachbar des Jüdenhofes ist der Kulturpalast. Wenn dort nach künftigen Konzerten Technik verladen wird, kann es in der Nacht laut werden. Zuviel Belästigung für die Anlieger, sagt das Umweltamt. Auf das und insbesondere dessen Chef Christian Korndörfer ist Michael Kimmerle deshalb mächtig sauer. Wie soll er den Hotelgästen und Bewohnern erklären, dass die Fenster zu sind.

Noch hofft er zusammen mit den Investoren USD Immobilien und Baywobau, die ebenfalls von den ungewöhnlichen Schallschutzauflagen betroffen sind, auf eine Klärung. Doch die Zeit drängt, dieses Jahr müsste ein Kompromiss gefunden werden.

Gestern wollte Michael Kimmerle aber nicht zu viel an den „Millionenverlust“ durch die Fensterposse denken. Zum Richtfest gab es vor allem Dank an alle Beteiligten – vom Planer bis zum Ausführenden – und ein Hoch auf gute Beziehungen. Der Zimmermannsspruch war eine bayrisch-sächsische Co-Produktion. Denn nichts passt besser zum Bauherren.

Vater Rudolf Kimmerle kam vor 25 Jahren aus dem südlichen Freistaat mit dem krassen Dialekt in den tiefsten Osten, wo im anderen Freistaat ebenso krass, nur anders, gesprochen wurde. Doch Kimmerle-Senior verstand schnell und begann zu investieren. „Wir haben Schulden gemacht, dass es krachte“, erzählt er. Gompitz wurde zum Niederlassungsstandort. „Ich habe den ganzen Osten abgefahren, von Wismar bis Zwickau. Doch mir war klar, ich bleib in Dresden, mir gefällt’s hier.“ Inzwischen hat ihn zwar eines seiner Kinder, Michael, als Statthalter abgelöst, aber an den Objekten ist die ganze Familie beteiligt.

Der Jüdenhof macht den 72-Jährigen besonders stolz und seinem Sohn zollt er großen Respekt. Auch für den Mut, solch ein anspruchsvolles Objekt begonnen zu haben. Denn viel, vor allem bei den Fassaden, wird nach historischem Vorbild gestaltet. Die zwei Leitbauten sind das Triersche und das Dinglinger-Haus. Letzteres war der Wohnort von Georg Christoph Dinglinger, einer der Brüder, die am Dresdner Hof von August dem Starken Europas bekannteste Goldschmiede-Werkstatt betrieben. Jener Dinglinger hatte einen Kartoffel-Keller. Bei den Grabungen für den Jüdenhof wurden von diesem Originalsteine gefunden, die Kimmerle jetzt wieder verbaut hat.

Nach Fertigstellung werden genau dort die Gäste des italienischen Restaurants Vapiano sitzen, einem der neuen Gastro-Mieter. Das belegt dann 700 der insgesamt 12 000 Quadratmeter Nutzfläche. Allein 4 000 davon sind für den Hotelbereich vorbehalten. Der Vertrag mit einer österreichischen Kette steht kurz vor dem Abschluss. Neben Büro- wird es auch Gewerberäume geben. Einige sind schon vermietet, unter anderem an eine italienische Eisdiele und einen Klamottenladen. Die Tiefgarage hat 54 Stellplätze. Von den 19 Wohnungen, die sich auf 2 300 Quadratmeter Fläche verteilen, sind noch 15 frei. Die Quadratmetermiete variiert je nach Ausstattung zwischen 15 und 18,50 Euro.

Das Gebäudeensemble soll nicht verkauft, sondern im Familienbesitz bleiben. Insgesamt investieren Kimmerles in den Jüdenhof 30 Millionen Euro. Den Richtfest-Schmaus spendierte allerdings das Vapiano: Es gab natürlich Sächsisch-Bayrisches: Spanferkel aus der Region und Augustiner-Bräu aus München.