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Jüdische Grabsteine stehen wieder

Die Gemeinde in Teplice feiert 600 Jahre Bestehen. Freiwillige aus Sachsen leisten dazu einen besonderen Beitrag.

Von Steffen Neumann

Es ist Zentimeterarbeit. Mit einem selbst gebauten Dreibock bugsieren Matthias Wagner und Gunter Strienz den Grabstein langsam nach oben und setzen ihn behutsam auf den Sockel. Jetzt ist die Inschrift wieder gut zu lesen: Jakob Saar, geboren 1853, gestorben 1916. Bis eben lag der mächtige Granitstein noch mit der Vorderseite auf dem Boden. So wie viele andere Steine, die eine Gruppe der Organisation Aktion Sühnezeichen in den letzten Tagen auf dem jüdischen Friedhof von Teplice (Teplitz) wieder aufgerichtet hat.

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Gunter Strienz (links) und Matthias Wagner aus Dresden richten Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Sobedruhy (Soborten) wieder auf.
Gunter Strienz (links) und Matthias Wagner aus Dresden richten Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Sobedruhy (Soborten) wieder auf.

„Wenn wir das nicht machen, dann macht das keiner“, sagt Matthias Wagner. Der 63-jährige Landschaftsgärtner aus Dresden hat extra fünf Tage Urlaub genommen. Übernachtung und Fahrtkosten zahlt er selbst. Auch das Werkzeug wird größtenteils selbst mitgebracht. Es ist nicht sein erster jüdischer Friedhof, den er in Ordnung bringt, und er wird nicht das letzte Mal im Teplitzer Stadtteil Sobedruhy sein.

Bevor die Gruppe mit ihrem einwöchigen Arbeitscamp begann, war der Friedhof überwuchert von Efeu, Brombeersträuchern und anderen Pflanzen. Grabsteine lagen wild umher. Viele fehlen ganz.

Gefragter Baustoff

„Die Granitsteine waren zu sozialistischen Zeiten ein gefragter Baustoff“, erklärt Tomas Pulc von der Jüdischen Gemeinde in Teplice lakonisch. Trotzdem ist der Friedhof noch in einem vergleichsweise guten Zustand. Die älteren Grabplatten aus Sandstein stehen noch, einige wurden sogar restauriert. Und wenn nicht bereits Jugendliche aus Sachsen oder im letzten Jahr die Kriegsgräberfürsorge den Friedhof von den größten Pflanzen bereinigt hätte, die Gräberstätte wäre wohl nicht mehr zu sehen.

Vor allem die Abgelegenheit des Ortes sorgte dafür, dass Friedhof und Synagoge auch nach der Vernichtung der früher großen jüdischen Gemeinde lange unbeschadet blieben. Erst als die Friedhofsmauer abgerissen wurde, waren Vandalismus Tür und Tor geöffnet.

Für Tomas Pulc sind die Freiwilligen, die wie Matthias Wagner größtenteils aus dem nahen Dresden kommen, deshalb ein Geschenk, „denn die Gräber sind das Einzige, was uns von der Gemeinde geblieben ist.“ Nur bruchstückhaft sind noch Sterbebücher erhalten, aber die meisten Informationen sind die Grabsteine selbst. Deshalb ist es ein besonderer Glücksfall, dass sich unter den Freiwilligen mit Gil Hüttenmeister ein absoluter Experte aufhält. Der Judaist hat in seinem Leben schon unzählige Grabinschriften entschlüsselt. „Manche Grabsteine gehen ganz schnell, an manchen sitze ich aber auch einen halben Tag“, sagt er. Wichtig ist vor allem viel Licht. Er nutzt auch einen Spiegel, um die Sonne auf den Stein zu lenken, um den Steinen Stück für Stück ihr Geheimnis zu entreißen.

Die ältesten Grabsteine stammen aus dem 17. Jahrhundert und zählen damit zu den ältesten noch erhaltenen in ganz Böhmen überhaupt. Bereits 1669 wurde der Friedhof gegründet. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren die Juden aus Teplice vertrieben worden und ließen sich in Sobedruhy nieder. Noch bis zum Zweiten Weltkrieg waren die meisten Einwohner des Städtchens Juden.

Das Besondere an dem Friedhof ist, dass hier auch viele Dresdner Juden begraben worden sind, ehe Mitte des 18. Jahrhunderts der dortige Friedhof angelegt wurde. Das war für Matthias Wagner auch die Motivation, bei der Aktion mitzumachen. Diese Gräber hat Hüttenmeister aber noch nicht gefunden. Dafür aber zwei Mordopfer. „Juden waren als fahrende Händler eine leichte Beute“, sagt Pulc.

Pulc kennt den Friedhof aus Kinderzeiten, sein Elternhaus stand nur wenige Hundert Meter entfernt. Zum Judentum kehrte er erst später zurück, und das mit aller Konsequenz wie der koscheren Ernährung.

In Teplice, wo es nur noch 121 Mitglieder der jüdischen Gemeinde gibt, fällt das nicht leicht. „Durch meine Entscheidung habe ich viele Freunde verloren, die Themen werden andere. Aber ich kann auch nicht einfach mit ihnen in eine Gaststätte gehen“, erzählt er. Die nächsten Restaurants mit koscherem Essen gibt es in Karlovy Vary und Prag. In der Hauptstadt kauft er jede Woche sein Fleisch, Brot bäckt der Mann mit dem grauschwarzen Rauschebart selbst zu Hause. Durch seine Erscheinung fällt er auf, paradoxerweise vor allem den in Teplice lebenden Arabern, die ihn freundlich mit „Salem aleikum“ grüßen – auf Hebräisch klingt das ähnlich: „Schalom alechem“. Belästigt wurde er, weil er Jude ist, noch nicht. „Wir sind einfach zu wenige“, meint Pulc.

Ein neuer Zaun aus Sachsen

Dabei lebte in Teplice einmal die zweitgrößte Gemeinde in ganz Böhmen und Mähren. Gerade in diesem Jahr erinnert sich die Gemeinde ganz besonders an ihre Tradition, denn sie wird 600 Jahre alt. Eine Ausstellung im Regionalmuseum widmet sich der stolzen Geschichte der Juden in der Kurstadt. Und das Abschlusskonzert der Beethoven-Festspiele (19. Juni, 19 Uhr, im Kulturhaus, Eintritt 260 Kronen) ist dem jüdischen Leben in Teplice gewidmet. An diesem Tag erwartet die Gemeinde Juden aus aller Welt, deren Vorfahren einmal in der Kurstadt gelebt haben.

Einige von ihnen dürften dann auch den Friedhof in Sobedruhy besuchen und sich an den hergerichteten Gräbern erfreuen. Im Herbst soll sogar dank Spenden aus Sachsen ein neuer Zaun um den Friedhof errichtet werden. Die Helfer von Aktion Sühnezeichen haben ihren Aufenthalt indes noch verlängert, auch Gil Hüttenmeister. Jetzt, da die Sonne wieder mehr scheint, wird er mehr Grabsteine entziffern können.