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Jüdischer Erfolgsautor übertölpelt Nazis

Trotz eines Aufführungsverbots brachte Hans José Rehfisch noch 1937 ein Stück am Stadttheater Meißen unter.

Von Bernhard Spring

Am zweiten Oktober 1937 war es soweit: Am Stadttheater Meißen wurde in der Abendvorstellung das Abenteuerdrama „Wasser für Canitoga“ gegeben. Das Stück, das anderthalb Jahre zuvor erstmals am Deutschen Volkstheater Wien aufgeführt worden war, hatte bereits in vierzig deutschen Städten Premiere gefeiert, bevor es in Meißen auf die Bühne kam. Bis zum August 1939, als das Theaterstück unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkriegs von den Spielplänen verschwinden musste, um kriegspropagandistischen Stücken Platz zu machen, wurde „Wasser für Canitoga“ in 78 Städten im Deutschen Reich gespielt. Ein Sensationserfolg ohnegleichen.

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Nur war im NS-Staat niemandem so recht klar, wer dieses Theaterstück eigentlich verfasst hatte und wem man die üppigen Tantiemen nach Wien und später London überwies. Der Autor nannte sich schlicht Georg Turner und schien nordamerikanischer Herkunft zu sein. Zumindest vermuteten das einige Theaterkritiker, war doch die Handlung von „Wasser für Canitoga“ in Kanada angesiedelt.

Und die Ufa machte den Coup komplett: 1939 verfilmte sie Turners Abenteuerstück mit Hans Albers in der Hauptrolle für damals wahnwitzige 1,3 Millionen Reichsmark Produktionskosten. Albers lockte nicht nur Hunderttausende Deutsche in die Kinos, das halbe Reich trällerte bald seinen Gassenhauer „Goodbye Johnny“, den der Starschauspieler erstmals in „Wasser für Canitoga“ zum Besten gab.

Was der deutschen Öffentlichkeit nicht bekannt war: Hinter dem Pseudonym Georg Turner verbarg sich der Berliner Schriftsteller Hans José Rehfisch (1891-1960), der aufgrund seiner liberalen politischen Einstellung und seiner jüdischen Herkunft bereits 1933 emigriert und im Juni 1939 offiziell ausgebürgert worden war.

Rehfisch gehörte zu den führenden Dramatikern der Weimarer Republik. Seinen Durchbruch hatte er mit der heiteren Komödie „Wer weint um Juckenack?“ erlangt. Darin muss ein Anwalt auf dem vermeintlichen Sterbebett erkennen, dass niemand so recht über sein Ableben trauern will. Kaum genesen, bemüht er sich um Besserung, kann aber mit dieser überraschenden Wandlung nicht überzeugen und bleibt allein. Rehfischs „Juckenack“, das im Februar 1924 in Leipzig uraufgeführt wurde, ging bis zur Emigration des Autors über insgesamt 162 Bühnen.

Als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, emigrierte Rehfisch nach Wien. Die Nazis führte er allerdings schon wenige Monate darauf an der Nase herum, als er unter dem Pseudonym Sydney Philips die Komödie „Gentlemen“ auf die Berliner Bühne brachte. Den weitaus größeren Erfolg erzielte Rehfisch jedoch mit „Wasser für Canitoga“, das allein in Sachsen von acht Bühnen angenommen wurde.

Unerkannt konnte sich Rehfisch somit noch einmal die deutschen Bühnen, von denen er vertrieben worden war, zurückerobern. Dass ein jüdischer Autor einen derartigen Erfolg in Hitlers Deutschland feiern konnte, blieb einzigartig in der deutschen Theatergeschichte.

Nach dem Weltkrieg wurde der Erfolgsautor von seinem deutschen Publikum nicht wiederentdeckt. Zwar wurde sein Heimkehrerdrama „Oberst Chabert“ in den 50er Jahren in Dresden, Bautzen und Plauen aufgeführt, daneben kamen „Bumerang“ (1960) und „Verrat in Rom“ (1961) in Leipzig zur Uraufführung. Die große Renaissance blieb jedoch aus.