merken
PLUS

Wo die Kunst zu Hause ist

Hausbesuch bei Sabine Schubert, Vorsitzende des Ernst-Rietschel-Kulturrings. Sie engagiert für das Schöne und Gute.

Sabine Schubert und ihr Mann Siegmar haben es sich für das Foto auf der alten Ledercouch bequem gemacht. Aber nur kurz. Er muss los, und sie hat „noch einiges auf der Halde liegen, das gemacht werden muss“. Das Engagement des kunstinteressierten Ehepaares
Sabine Schubert und ihr Mann Siegmar haben es sich für das Foto auf der alten Ledercouch bequem gemacht. Aber nur kurz. Er muss los, und sie hat „noch einiges auf der Halde liegen, das gemacht werden muss“. Das Engagement des kunstinteressierten Ehepaares © René Plaul

Pulsnitz. Der Hausbesuch bei Sabine Schubert in Ohorn bestätigt alle Erwartungen. Eine engagierte Streiterin für eine Schönheit, die Wesentlichem verpflichtet ist, wird sich auch zu Hause besonders wohlfühlen wollen. Nicht zu allererst in einem trauten Heim, sondern umgeben von Dingen, die einem wichtig sind. Ohne dass sie gleich vordergründig nützlich wären ...

Das Haus der Schuberts in Ohorn ist alt, sehr alt. Gebaut wurde es 1812, als Napoleon mit seiner Grand Armee nach Russland aufbrach, um dort grandios zu scheitern. Ursprünglich hatte es ein Umgebinde wie viele Häuser in der Lausitz , aber um 1900 herum wurde daraus ein Lehmfachwerk. Mit immer noch typisch kleinen Fenstern, versteht sich. 1988 erwarb es die Familie, vor allem, weil der Weg für Ehemann Siegmar Schubert von Berlin bis ins Defa-Trickfilmstudio nach Dresden zu weit geworden war.

Anzeige
Auf in den Augusto Sommergarten!
Auf in den Augusto Sommergarten!

Vom 24. Juni bis 5. September findet am Haus der Presse der Augusto Sommergarten statt. Freuen Sie sich auf beste Unterhaltung!

 „Wir haben eine Weile gesucht und dann gleich ein Gefühl für das Haus gehabt, das zum Verkauf stand.“ Mit Streuobstwiese am Schafsborn, mit einigen unbeheizbaren Räumen und Wasser aus dem Brunnen. Das ehemalige Bauernhaus mit seinen niedrigen Decken („Einer unserer beiden Söhne misst 1,90 Meter, der holt sich schon mal eine Beule.“) strahlt eine urige Gemütlichkeit aus, was nicht an Überhitzung liegt. „Bei uns gibt es keine 25 Grad in den Räumen, und das fördert die Gesundheit. Das kann ich Ihnen sagen!“

Kümmert sich um das künstlerische Erbe der Nesslers

Sabine Schubert zeigt gern die Einrichtung, die nichts vermissen lässt. Im Gegenteil: Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Zum Beispiel vor einem limitierten Abguss der Weihnachtskrippe von Ernst Rietschel, die im Original in der St. Nicolaus-Kirche in Pulsnitz steht. Und gleich links neben dem kleinen Ledersofa in der Wohnstube hängt ein irgendwie bekanntes Bild. Es zeigt Erica Nessler, wie sie ihr Mann Walter Nessler 1953 gesehen hat. Und gemalt. 

Der Ernst-Rietschel-Kulturring kümmert sich seit Jahren um das künstlerische Erbe Nesslers. Sabine Schubert hatte das Ehepaar 1997 in London kennengelernt und für eine Stiftung in Sachsen begeistert. Sie wurde 2002 in Pulsnitz gegründet, hat heute ihren Sitz im Geburtshaus Ernst Rietschels. 

Mittlerweile werden etwa 1.000 Werke verschiedenster Techniken verwaltet. Die „Erica Nessler“ freilich gehört nicht dazu. Sie ist Privateigentum der Schuberts. Nach dem Tode von Nessler haben sich die Ohorner sehr um das Wohlergehen der Witwe, die aus Wien stammt, verdient gemacht. 

Walter Nessler ist heute gemeinsam mit Erica, die 2009 starb, in Pulsnitz begraben. Das ehrliche Engagement für einen wichtigen deutschen Maler, der beinahe in Vergessenheit geraten wäre, hat am Ende dazu geführt, dass die „Erica“ nun mit ihren großen, runden Augen für ein Leuchten in Schuberts Stube sorgt. Und viele unvergessliche Erinnerungen.

Nun ist schon wieder ein neues Jahr angebrochen. Für Sabine Schubert, die eigentlich seit zwei Jahren im Unruhestand ist, war es arbeitsreich gewesen wie all die anderen. Der Kulturring nimmt sie weiter voll und ganz in Anspruch. Er ist eine Kunstinstitution, die weithin ausstrahlt. Gern zitiert Sabine Schubert Carl Valentin: „Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit.“ Nicht nur für den Künstler selbst, sondern auch für jene, die für die Werk-Rezeption zuständig sind. Als Mäzene, als Galeristen, als Multiplikatoren im besten Sinne. 

Im vergangenen Jahr gab es drei große Ausstellungen des Kulturrings – mit Jürgen Cominotto, Christiane Latendorf und Lausitzer Künstlern. Und besonders gute Erinnerungen hat Sabine Schubert an das Herbstferienprojekt in der Aktion „Kultur macht stark“, das vom Bundesbildungsministerium nun verlängert bis 2022 die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen befördern soll. An sechs Tagen hatte in der Ostsächsischen Kunsthalle in Pulsnitz die Malerin und Grafikerin Christiane Latendorf zwölf Mädchen und Jungen zwischen sieben und 16 Jahren den Scherenschnitt und die Materialcollage nahe gebracht. „Es ist wichtig, auch auf diese Weise Kinder an die Kunst heranzuführen.“

Viele Veranstaltungen im Schloss

Insgesamt habe man bei allen Veranstaltungen – auch bei den Konzerten im Saal der Helios-Schlossklinik – eine sehr gute Besucherresonanz gehabt. Und im Schloss geht es ja schon gleich im Januar zügig weiter. Am 9. Januar stellt der Regisseur und Kameramann Werner Kohlert drei seiner Filme (über Ludwig Richter, Bergmänner und Albert Ebert) vor. Am 12. Januar gibt es einen Klavierabend mit dem Südkoreaner Seulgi Lee und am 16. Januar (jeweils um 19 Uhr) folgt „Unterwegs nach Ithaka“, eine Hommage von Heidrun Sünderhauf aus Dresden an den Maler Hernando Leon zu dessen 85. Geburtstag. 

Die beiden Hochglanz-Flyer des Kulturringes zum Programm 2019 weisen 14 Konzerte, genau so viele Sonderveranstaltungen und noch einmal sieben Ausstellungstermine in der Kunsthalle aus. „Ich habe noch einiges auf Halde liegen, das gemacht werden muss“, sagt Sabine Schubert.

Weiterführende Artikel

Pulsnitz zeigt Strawalde-Werke - und keiner sieht sie

Pulsnitz zeigt Strawalde-Werke - und keiner sieht sie

In der Kunsthalle stellt einer der bedeutendsten deutschen Künstler aus. Doch bisher bleiben die Türen zu. Warum Jürgen Böttcher trotzdem begeistert ist.

Vom Dipl.-Ing. zur Kunstexpertin

Vom Dipl.-Ing. zur Kunstexpertin

Sabine Schubert hat einst Ökonomie studiert. Das half und hilft ihr auch in Kulturdingen, die ja viel Förderung benötigen.

Lieblinsgericht: Thüringer Klöße

Lieblinsgericht: Thüringer Klöße

Sechs neugierige Fragen an Sabine Schubert.

Irgendwann aber, das stehe fest, werde sie den Ehrenamtsvorsitz im Rietschel-Kulturring in jüngere Hände geben. Vielleicht wäre das dreißigjährige Jubiläum des Vereins 2021 ein guter Anlass? Eines aber steht fest: „Ich will mich auch dann gern weiter engagieren.“ Und die Erica Nessler neben der Couch vernimmt es mit großen Augen.