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Jugend-Abenteuer im zerstörten Bautzen

Lesung. Große Resonanz fand die Lesung vonKarl Heinz Welder mitseinen Erinnerungenan die Nachkriegszeit.

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Von Carmen Schumann

Karl Heinz Welder ist heute 70 und lebt in Northeim bei Göttingen. Geboren ist er in Hermsdorf in Thüringen. Als Kind zog er häufig um, denn sein Vater war Zollbeamter. Welder hat dadurch zehn Schulen besucht. Als der Siegeszug der Roten Armee im Frühjahr 1945 auch das Zollhaus an der russisch-polnischen Grenze hinwegfegte, zog die Familie zu den Großeltern nach Bautzen. Denen gehörte die Schloßschänke, die sie als Gasthaus mit Fleischerei bewirtschafteten.

Fast 100 Zuhörer konnten diese Ereignisse jetzt mit den Augen eines zehnjährigen Jungen hautnah miterleben. Welder las auf Einladung des Altstadtvereins in Bautzen. Lebhaft erinnerte er sich daran, wie er mit seiner Mutter ausgerechnet am 13. Februar 1945 mit dem Zug über Dresden nach Thüringen fuhr. Gerade noch so entkamen sie dem Inferno. In seinem Geburtsort Hermsdorf freundet sich der Junge mit den GI‘s an und schließt Bekanntschaft mit dem amerikanischen Kaugummi. Im Juni 1945 beschließt seine Mutter zu seinem Verdruss, nach Bautzen zurückzukehren. Die Schloßschänke ist ausgebrannt; die Familie kommt völlig beengt in der Messergasse unter. Zusammen mit Gleichaltrigen stromert der Junge durch die Straßen, nutzt den Kriegsschrott als Abenteuerspielplatz. Jungenbanden liefern sich Straßenschlachten. „Es war die Zeit der blutigen Köpfe“, erinnert sich der Autor.

Buch steht in der Bibliothek

Obwohl die Familie alsbald den Schutt der Schloßschänke beräumt, darf diese nicht wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung entsprechend genutzt werden. Erst 1996 kann Karl Heinz Welder mit großer Freude der Wiedereröffnung beiwohnen. Im November 1945 steht für den Jungen der nächste Umzug an, denn der Vater wird wieder als Zollbeamter eingesetzt, jetzt in Steinigtwolmsdorf. Doch bereits ein Jahr später entschließt sich das Familienoberhaupt zur Flucht in den Westen, die Familie folgt kurz darauf. Karl Heinz Welder hat seine Erinnerungen in dem Buch „Ach du liebe Zeit! Ach du meine Zeit!“ aufgeschrieben, das in der Stadtbibliothek ausgeliehen werden kann.