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Jugendamt holt über 200 Kinder aus ihren Familien

Die Behörde macht in Extremfällen von einem besonderen Recht Gebrauch. Oftmals weil die Eltern überfordert sind.

Manche Kinder müssen in ihrer Familie schreckliches Leid erfahren. Nicht nur körperliche, auch psychische Gewalt sorgt immer wieder für Probleme. In manchen Fällen gibt es für das Jugendamt keinen anderen Weg, als die Kinder in Obhut zu nehmen.
Manche Kinder müssen in ihrer Familie schreckliches Leid erfahren. Nicht nur körperliche, auch psychische Gewalt sorgt immer wieder für Probleme. In manchen Fällen gibt es für das Jugendamt keinen anderen Weg, als die Kinder in Obhut zu nehmen. © Silvia Marks/dpa-tmn

Landkreis. Anfangs ist es nur der vage Verdacht einer aufmerksamen Lehrerin. Doch als die siebenjährige Teresa* eines Abends allein durch die Straßen irrt, wird es bittere Gewissheit: Ihre Mutter ist Alkoholikerin und mit der Erziehung der Siebenjährigen völlig überfordert. 

Das Jugendamt muss eingreifen und Teresa in Obhut nehmen. Auch andere Kinder im Kreis Meißen mussten diese Erfahrung bereits machen. Mehr als 200 Inobhutnahmen führte das Jugendamt in den vergangenen beiden Jahren durch. Damit liegt der Kreis im sachsenweiten Vergleich an hinterer Stelle. 

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Nur in den Landkreisen Leipzig und Mittelsachsen kamen weniger Kinder in Obhut. Spitzenreiter ist die Stadt Dresden. Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Mit welcher Begründung werden Kinder aus ihrer Familie geholt?

Der häufigste Grund, den das Kreisjugendamt in den vergangenen beiden Jahren für die Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen anführte, ist die Überforderung der Eltern. Insgesamt 77 Fälle sind in dieser Kategorie registriert. Mehr als ein Drittel aller Fälle der vergangenen beiden Jahre. 

Am zweithäufigsten begründete das Jugendamt die Inobhutnahme mit Anzeichen für eine Vernachlässigung des Kindes. Hier sind 37 Fälle vermerkt. An dritter Stelle kommen in der Statistik Anzeichen für eine körperliche oder psychische Misshandlung des Kindes, insgesamt 27 Fälle.

Auf Anfrage der SZ verweist das Jugendamt allerdings darauf, dass es sich bei den genannten Gründen lediglich um „Felder der Statistikbögen“ und somit um unspezifische Angaben handle. „Die tatsächlichen Gründe der Durchführung einer Inobhutnahme spalten sich innerhalb dieser Bezeichnungen in vielseitigere und detailreichere Gründe“, erklärt Kreissprecherin Kerstin Thöns. 

Dass diese Details aber nicht in der Statistik auftauchen, habe unter anderem mit laufenden Gerichtsverfahren zu tun. Die Statistik kann also nur eine grobe Orientierung bieten, aus welchen Gründen das Jugendamt tätig werden musste.

Welche Rolle spielen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge?

Laut Angaben des Sozialministeriums auf die Kleine Anfrage der ehemaligen Landtagsabgeordneten Janina Pfau (Die Linke) gehörte in den vergangenen Jahren auch die unbegleitete Einreise von Minderjährigen zu den Situationen, in denen die Jugendämter besonders häufig eingreifen mussten. 

Doch mittlerweile ist die Zahl der Fälle wieder deutlich zurückgegangen. Musste das hiesige Jugendamt im Jahr 2017 noch 44 Kinder und Jugendliche in Obhut nehmen, die unbegleitet ins Land eingereist waren, waren es 2018 nur noch 5. Diese Entwicklung der Fallzahlen ist auch sachsenweit zu beobachten.

Wie entwickelt sich die Zahl der Inobhutnahmen im Kreis?

Im vergangenen Jahr fanden in Deutschland mehr als 52.000 Inobhutnahmen statt, 14 Prozent weniger als im Vorjahr. Im Kreis Meißen ist laut Jugendamt aber kein Trend erkennbar. Im Jahr 2017 fanden insgesamt 115 Inobhutnahmen statt, im Jahr danach wurden 112 Fälle registriert. 

Für das laufende Jahr ist die Zählung noch nicht abgeschlossen. Regionale Schwerpunkte innerhalb des Landkreises, also Orte, an denen Inobhutnahmen besonders häufig vorkommen, gibt es nicht.

Was passiert bei einer Inobhutnahme mit den Kindern?

Die Inobhutnahme gilt mit als das schärfste Mittel, das dem Jugendamt zur Verfügung steht. Es kommt besonders dann zur Anwendung, wenn das Jugendamt von einer Gefahr für das Wohl des Kindes ausgehen muss. Um die Kinder und Jugendlichen von dieser Gefahr zu befreien, können sie durch das Jugendamt aus ihren Familien heraus in Obhut genommen werden. 

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Dem Landkreis Meißen stehen dafür zwei freie Träger zur Verfügung, die Inobhutnahmeplätze bereit halten. Dort werden die Kinder vorübergehend untergebracht. Je nach Schwere des Falls geht es für sie danach zurück in ihre Familie oder in Pflege.

*Name von der Redaktion geändert

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