merken
PLUS

Jugendfreunde begründen Städtepartnerschaft

Die Städtepartnerschaft zwischen Waldheim und Landsberg am Lech wäre wohl nie zustande gekommen, wenn es Dietmar Hack und Jost Handtrack nicht geben würde. Schon als Kinder waren sie dicke Freunde – und sind es heute noch.

Von Dirk Westphal

Die Städtepartnerschaft zwischen Waldheim und Landsberg am Lech wäre wohl nie zustande gekommen, wenn es Dietmar Hack und Jost Handtrack nicht geben würde. Schon als Kinder waren sie dicke Freunde – und sind es heute noch. Allerdings war es jahrelang gar nicht so einfach, diese Freundschaft aufrecht zu halten. Denn Jost Handtrack ging 1957 mit seiner Familie illegal in den Westen.

TOP Reisen
TOP Reisen
TOP Reisen

Auf ins Weite, ab in die Erholung! Unsere Top Reisen der Woche auf sächsische.de!

„Wir haben immer Mittel und Wege gefunden, in Kontakt zu bleiben“, sagt Dietmar Hack. In ihren Briefen erzählten die beiden anfangs über Spielzeug und Sport, später über die Freundin, das Studium und die Armeezeit. „Bei allen Themen wurde uns klar, dass wir viele Gemeinsamkeiten hatten, die in Ost und West oft verfälscht wurden“, so der heute 62-Jährige. Die beiden kamen zu dem Schluss: „Das kann’s doch nicht gewesen sein.“ Sie träumten von einem gemeinsamen Deutschland.

Gemeinsamer Urlaub in Ungarn

Mitte der 1970er Jahre sahen sich die beiden als junge Männer wieder. Jost Handtrack kam mit seiner Mutter in den Osten. Mit gemischten Gefühlen fuhren sie über die Grenze. Für einen Moment waren sich Dieter und Jost fremd. „Dann merkten wir, dass wir noch die gleichen sind“, so Hack. Bei dem Besuch und später gab es immer wieder unendliche Diskussionen. Die drehten sich überwiegend um ein Thema: Wie können Ost und West aufeinander zugehen?

„Als uns dann unsere Frauen fest im Griff hatten und die Kinder da waren, planten wir gemeinsame Urlaube. Die verbrachten wir in Ungarn oder in Waldheim“, erinnert sich Dieter Hack. Im dritten Jahr konnten sie den Kindern dann nicht mehr erklären, dass es Zufall war, dass sie Familie Handtrack zufällig trafen. „Da war viel pädagogisches Geschick notwendig, damit die Kinder später nichts ausgeplaudert haben“, meint der Waldheimer.

Die Jahre vergingen. Plötzlich tauchte Gorbi auf. Er gab den Männern die Hoffnung, dass sich im Kalten Krieg das Klima erwärmen könnte. Dieter Hack trug T-Shirts mit der Aufschrift „Pflugscharen statt Schwerter“ und einen Gorbi-Anstecker. Er wurde Mitglied der NDPD und Stadtverordneter in Waldheim.

Die Situation spitzte sich zu. Viele Menschen wanderten aus. Dieter Hack blieb hier. Die Montagsdemos begannen. Der Runde Tisch wurde gegründet und in der Nicolaikirche trafen sich 1000 Waldheimer zum Bürgerforum.

In all den Wirren keimte wieder die Idee einer Städtepartnerschaft. Geboren wurde sie bereits 1987. In diesem Jahr durfte Dieter Hack zum ersten Mal als Begleitperson seiner Mutter nach Niederbayern reisen. „Dort war ich nur kurz. Ich bin sofort zu Jost weitergefahren“, sagt er. Jost Handtrack wohnte in Landsberg am Lech. Dort meldete sich Hack als Waldheimer Stadtverordneter beim damaligen Oberbürgermeister Franz Xaver Rößle an – und wurde empfangen. Hack erzählte von der Stadt Waldheim, die viel Gemeinsames mit Landsberg hat. Rößle hörte so aufmerksam zu, dass Dieter Hack spontan die Partnerschaft beider Städte vorschlug.

Behörden lehnen Antrag ab

„Ich war selbst erschrocken, denn weder die Waldheimer Abgeordneten noch der Bürgermeister wussten von dem Vorhaben“, sagt Hack. Später informierte er sie. Fast alle waren einverstanden. Doch der Rat des Kreises und alle anderen Behörden lehnten das Anliegen ab. Auf der anderen Seite der Grenze beschloss der Landsberger Stadtrat die Partnerschaft mit Waldheim. Dann trat in dieser Beziehung Ruhe ein.

Im Wendeherbst `89 wurde das Thema zu Dauerbrenner in Waldheim. Dank Reisefreiheit konnte Dieter Hack am 21. November 1989 erneut zu Franz Xaver Rößle fahren und ihm das Interesse von Waldheim an einer Partnerschaft mit Landsberg erklären. „Wie schnell die sich entwickeln würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand“, so Hack.

Auch ohne Unterschrift unter einem Partnerschaftsvertrag kam aus Landsberg Hilfe bei der Sanierung von Häusern, bei der Vorbereitung des Gewerbegebietes und in Versicherungsfragen. Waldheim TV wurde gegründet und war mit seinen Informationen näher am Volk als die Zeitung.

Am Runden Tisch kam plötzlich eine zweite Partnerstadt ins Gespräch – Barsinghausen. „Um Demokratie auszuüben haben wir in beide Städte Delegationen geschickt“, so Dieter Hack. Wieder am Runden Tisch fiel mit einer Gegenstimme die Entscheidung für Landsberg am Lech. Auch die Stadtverordneten stimmten zu.

Es konnte losgehen – und es ging richtig los. Es gab Beratungen mit dem Handwerk, dem Gewerbe, der JVA, Vereinen und der Schule. Gegenseitige Besuche wurden über ein acht Kilo schweres Mobiltelefon auf dem Massneier Berg besprochen. Am 2. April 1990 traf die erste offizielle Landsberger Delegation in Waldheim ein. Zu der gehörte auch Jost Handtrack. Er brachte Schulbücher und einen Kopierer für die Mittelschule mit. OB Rößle hatte eine Menge Westpäckchen dabei und lud 100 Waldheimer Kinder nach Landsberg ein.

Auf einer Wellenlänge

Am 6. Mai wurde Karl-Heinz Teichert zum neuen Waldheimer Bürgermeister gewählt. Die Oberhäupter beider Städte hatten eine Wellenlänge. „Sie passten zusammen wie zwei alte Latschen“, meint Dieter Hack schmunzelnd. Die Partnerschaftsurkunde wurde am 10. November 1990 in Waldheim und am 16. September 1991 in Landsberg am Lech unterzeichnet.