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Jugendherbergen bangen um Existenz

Die Corona-Krise hat Gruppenhäuser in der Sächsischen Schweiz hart getroffen. Einige wurden in der Not erfinderisch. Andere fühlen sich komplett allein gelassen.

Leere Betten, große Verluste: Heiko Weist von der Natur- und Familienoase in Halbestadt.
Leere Betten, große Verluste: Heiko Weist von der Natur- und Familienoase in Halbestadt. © Daniel Schäfer

Die Covid-19-Pandemie hat Jugendherbergen und Gemeinschaftsunterkünfte in der Sächsischen Schweiz inzwischen in existenzielle Nöte gebracht. Durch die Krise blieben und bleiben Schulklassen aus. Viele Bundesländer erlauben Reisen in Klassenstärke nicht. Damit bricht die Haupteinnahmequelle etlicher Gästehäuser weg. Denn Abstandhalten, wie es derzeit flächendeckend nötig ist, ist mit Gemeinschaftsduschen oder Mehrbettzimmern in der Praxis nicht vereinbar. 

Die Politik schnürte zwar Hilfspakete, darin sielten Jugendherbergen anfangs aber keine Rolle. Erst seit Juli können Herbergen Finanzspritzen beantragen, die der Bund trägt. Das hilft oft jedoch nur kurzfristig. Wie sich die Gruppenhäuser aktuell durch die Krise kämpfen? Sächsische.de stellt sieben Häuser aus der Sächsischen Schweiz und ihre größten Probleme vor?

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Familienoase: Familien statt Schulklassen

"Die Corona-Krise hat bei uns für einen Totalausfall gesorgt", sagt Heiko Weist, Geschäftsführer der Natur- und Familienoase in Halbestadt bei Königstein. Gemeint sind die Klassenfahrten, die im Frühling und Sommer reihenweise storniert wurden. Das Haus mit 108 Betten, das zugleich Jugendherberge und Gästehaus für Familien und Behindertengruppen ist, hat sich deshalb in der Krise auf den Individualtourismus gestürzt. "Bei Familien konnten wir deutlich punkten", sagt Weist.  Vom Trend, im eigenen Land Urlaub zu machen, habe man profitieren können. Im Juli und August hätte man damit fast zum Normalbetrieb zurückkommen können. 

Dennoch: "Den Verlust können wir damit bei Weitem nicht ausgleichen", klagt er. Denn das wichtigste Standbein, die Klassenfahrten, brach weg. Ende August checkten zwar die ersten Schüler in der Natur- und Familienoase ein. Dabei handelt es sich jedoch um eine  Klasse einer Privatschule aus Nordrhein-Westfalen. "Sie wollten trotz Krise kommen", erklärt der Geschäftsführer. Privatschulen können sich im Gegensatz zu staatlichen Schulen an eigenen Regeln im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie orientieren. Öffentliche Schulen sind von den Vorgaben des Schulträgers, also der Kommune und damit dem jeweiligen Bundesland abhängig. "Zwei andere Klassen, die für August bei uns gebucht hatten, haben deshalb absagen müssen", erklärt Heiko Weist.

Zirkelsteinresort: Halbe Million Umsatz verloren

Eines der größeren Gästehäuser in der Sächsischen Schweiz ist das Zirkelsteinresort in Reinhardtsdorf-Schöna. Etwa 130 Betten gibt es auf der weitläufigen Anlage. Schulklassen, Familien oder Vereine gehören zu den Stammkunden. Doch fast alle Betten blieben bis zum Start der Schulferien frei. "Bei uns sind mehr als 50 Klassenfahrten, die bereits fest gebucht waren, weggefallen", sagt Geschäftsführer Sascha Martin. Allein das mache ein Umsatzvolumen von rund 200.000 Euro aus. Zählt Martin die Familien und Vereine dazu, dann muss er dieses Jahr auf etwa eine halbe Million Euro Umsatz verzichten. Ein riesiger Verlust für den Herbergsbetrieb. 

Wenn mehr als 50 Klassenfahrten wegbrechen: Geschäftsführer Sascha Martin vom Zirkelsteinresort in Reinhardtsdorf-Schöna.
Wenn mehr als 50 Klassenfahrten wegbrechen: Geschäftsführer Sascha Martin vom Zirkelsteinresort in Reinhardtsdorf-Schöna. © Daniel Schäfer

"Wir haben uns in der Not deshalb auf Familienurlaube konzentriert", sagt Martin. Der Aufwand sei im Vergleich zu Klassenfahrten zwar größer und der Ertrag am Ende geringer. Dennoch zähle jeder Gast. Sascha Martin hofft, dass das Zirkelsteinresort im Herbst langsam wieder zum Normalbetrieb übergehen kann. Die Hoffnung darauf schwindet jedoch. Denn ab September hätte er schon wieder erste Stornierungen zu verbuchen. "Die Verunsicherung an Schulen und unter Lehrern ist groß. Niemand will in der Krise so viel Verantwortung übernehmen und mit Kindern und Jugendlichen verreisen", sagt er. Martin geht deshalb davon aus, dass es weitere Absagen geben wird. 

Kinderdorf Erna: Flaute kommt im Winter

Mit ganz ähnlichen Problemen kämpft das Kinder- und Jugenddorf Erna in Papstdorf, das vom Verein Erholung und Natur betrieben wird. Auf dem mehr als neun Hektar großen Gelände könnten zeitgleich an die 240 Personen übernachten. Von ausgebucht kann Vereinsvorsitzende Gesine Witt jedoch nicht sprechen. Nicht nur Schulklassen würden fehlen. "Es kommen auch deutlich weniger Familien zu uns", sagt sie. Auch sie fühle eine Verunsicherung bei den Urlaubern. Auch, weil es von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Beschränkungen im Zusammenhang mit der Corona-Krise gibt. "Das macht es unübersichtlich. Außerdem ändern sich die Vorgaben regelmäßig", sagt sie. Wer solle da noch den Überblick behalten?

"Es kommen auch deutlich weniger Familien zu uns. " Gesine Witt vom Kinder- und Jugenddorf Erna in Papstdorf.
"Es kommen auch deutlich weniger Familien zu uns. " Gesine Witt vom Kinder- und Jugenddorf Erna in Papstdorf. © Daniel Schäfer

Für den Herbst gäbe es zum Glück wieder einen Zuwachs bei den Buchungen. Die Ausfälle vom Frühjahr und Hochsommer seien damit aber nicht kompensierbar. "Wir brauchen mindestens zwei Jahre, bis wir einen einigermaßen sicheren Stand wieder haben", schätzt Gesine Witt. Große Sorgen bereitet ihr die nahende Wintersaison. Das Kinder- und Jugenddorf durch diese besucherarme Zeit zu bringen, werde schwierig. 

Ochelbaude: Hauptsaison ist futsch

Mit einer Kapazität von maximal 80 Betten haben in der Ochelbaude in Rathmannsdorf zwei größere Schulklassen Platz. Ende September hätte sich eine Schule angemeldet, sagt René Hofmann, dem nicht nur die Ochelbaude, sondern auch Kanu Aktiv Tours in Königstein gehört. "Es sieht in beiden Bereichen aktuell nicht gut aus", klagt der Unternehmer. 

Doppelte Flaute in der Ochelbaude in Rathmannsdorf und bei Kanu Aktiv Tours in Königstein: Geschäftsführer René Hofmann kämpft.
Doppelte Flaute in der Ochelbaude in Rathmannsdorf und bei Kanu Aktiv Tours in Königstein: Geschäftsführer René Hofmann kämpft. © Daniel Schäfer

Wer in der Ochelbaude übernachtet, nutzt oft auch die Angebote von Kanu Aktiv Tours. Paddeln, Klettern, Höhlentouren, vieles machen Hofmann und sein Team möglich. Durch die Corona-Krise fehle die Hauptsaison, die im Frühjahr beginnt und bis zu den Sommerferien dauert. Dann kämen die meisten Schulklassen, dann würden die meisten Schlauchboote gebucht werden. Wegen der Pandemie brachen jedoch beide Geschäftszweige abrupt weg. "Ich bin im Frühsommer nur noch frustriert durch die Welt gegangen", schildert der Geschäftsführer die Situation. Die fehlenden Einnahmen könne er nicht ansatzweise aufholen. Auch, wenn der Tourismus in der Sächsischen Schweiz inzwischen wieder brumme. "Es macht wirtschaftlich einen Unterschied, ob ich einer Klasse ein großes Schlauchboot vermiete oder einer Familie ein kleines Boot", erklärt er. 

Auch fehlende Firmenevents sorgen bei Hofmann für ein dickes Minus. Dieses Geschäft komme derzeit zwar langsam wieder in Gang. "Viele Betriebe zögern aber auch, weil sie selbst in finanziellen Nöten sind und sich solche Dinge nicht mehr leisten können", sagt René Hofmann.

Burg Hohnstein: Wanderer statt Gruppen

"Wir versuchen, irgendwie zu überleben", sagt André Häntzschel, Geschäftsführer der Burg Hohnstein Betriebsgesellschaft und zugleich Hohnsteins Tourismuschef. Den Betrieb hätte man seit dem Neustart Ende Mai auf Individualtourismus umgestellt. Das heißt kaum Gruppen, dafür viele Familien und Wanderer, die die rund 200 Betten nutzen. "Im Moment haben wir täglich etwa 100 Übernachtungsgäste auf der Burg", sagt Häntzschel. Alle auf Hotel und Herberge verteilt. Hohnstein profitiere damit vom Boom im Bereich Wandertourismus. Die Nähe zum Malerweg, die Lage in der Burg an sich, das alles komme an.  

Profitiert vom Wandertourismus: André Häntzschel, Geschäftsführer der Burg Hohnstein Betriebsgesellschaft.
Profitiert vom Wandertourismus: André Häntzschel, Geschäftsführer der Burg Hohnstein Betriebsgesellschaft. © Daniel Schäfer

Dennoch: für die Mitarbeiter wurde Kurzarbeit angemeldet. "Das wollen wir gern auch über den Winter nutzen, wie es beispielsweise im Baugewerbe üblich ist", sagt Häntzschel. Mit der Arbeitsagentur stehe er im regen Kontakt. Erste Aussagen dazu seien positiv. Firmen, die ihre Angestellten bereits in den vergangenen Jahren "überwintern" konnten, sollen weiter Kurzarbeitergeld bekommen können, hieß es. Ob es tatsächlich so kommt, ist aber offen.  Ungewiss ist indes auch die Frage, wie es mit der geplanten Sanierung der Burg weitergehen soll. Die Planungsleistungen wurden europaweit ausgeschrieben. Wegen der Corona-Krise stockt das Millionenprojekt jetzt jedoch. 

Kiez: Finanzpolster für den Winter fehlt

Zwei Monate ging nichts mehr im Kinder- und Jugenderholungszentrum Kiez in Sebnitz. Von März bis Mai blieben die 450 Betten leer. "Uns hat es heftig getroffen", sagt Geschäftsführerin Katja Hartmann. Nach dem Neustart hätte man sich auch im Kiez auf  den Individualtourismus gestützt. Viele Familien seien nach Sebnitz gekommen. "Im Moment sind wir recht gut belegt", sagt Hartmann. Das Ergebnis vom August 2019 sei sogar erreicht worden.  Acht Wochen Totalausfall könnten damit aber nicht ausgeglichen werden. 

Bangt um die Wintersaison: Katja Hartmann vom Kinder- und Jugenderholungszentrum Kiez in Sebnitz.
Bangt um die Wintersaison: Katja Hartmann vom Kinder- und Jugenderholungszentrum Kiez in Sebnitz. © Daniel Schäfer

Auch beim Blick auf den September bleibt Katja Hartmann skeptisch. Es gäbe zwar wieder Buchungen. "Auf Gruppen aus Brandenburg müssen wir dabei aber komplett verzichten, alles wurde abgesagt", erklärt sei. Im Nachbar-Bundesland gäbe es strenge Corona-Beschränkungen, gerade im Bereich der Klassenfahrten. Für den Herbst und Winter macht sich die Geschäftsführerin keine großen Hoffnungen. Der Grund sind erste Absagen bei Chorgruppen. Mehrere Gesangsvereine hatten sich im Oktober und November in Sebnitz  angekündigt. "Chöre dürfen im Moment jedoch nicht zusammen proben", sagt Katja Hartmann. Der Unichor aus Dresden hätte seine Fahrt deshalb bereits abgesagt. Sie vermutet, dass es weitere Stornierungen geben wird. Damit fehlen wieder Einnahmen. "Und unser Polster für den Winter", sagt sie. Bei der Arbeitsagentur hätte das Kiez bereits eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes für die Mitarbeiter beantragt. Ob das genehmigt wird, ist offen.

Schneckenmühle: Umbaupläne gestorben

Es sind bange Monate, die hinter dem Kinderdorf Schneckenmühle in Liebstadt liegen. "Und es werden weitere bange Monate kommen", sagt Ivo Gebert vom gleichnamigen Verein, der das Feriendorf betreibt. Für bis zu 150 Kinder und Betreuer ist die idyllische Anlage im Seidewitztal ausgelegt. Auch im Winter sind hier Übernachtungen möglich, dann jedoch auf 55 Plätze reduziert. "Dass wir so klein sind, hat uns bislang gerettet", sagt Gebert. Gemeint ist nicht das Feriendorf, sondern der Verein dahinter. Fünf Mitarbeiter gibt es, dazu viele Ehrenamtliche und Bundesfreiwillige, die die Kinder im Ferienlager betreuen. Die Schneckenmühle hat dadurch niedrige Personal- und Fixkosten - das helfe in der Krise.

Mitarbeiter retten oder in Umbauten investieren? Ivo Gebert vom Kinderdorf Schneckenmühle in Liebstadt.
Mitarbeiter retten oder in Umbauten investieren? Ivo Gebert vom Kinderdorf Schneckenmühle in Liebstadt. © Egbert Kamprath

Das wenige Geld, das sich der Verein auf die hohe Kante gelegt hat, sollte eigentlich in dringende Umbauarbeiten fließen. "Dieser Speck ist weg", wie Gebert sagt. Die Schneckenmühle sei aus jeglichen Investitionsprogrammen ausgeschlossen. Der Ausfall des Osterferienlagers und der Klassenfahrten hätte bislang einen hohen fünfstelligen Betrag gekostet, rechnet er vor. Der Verein hätte sich entscheiden müssen: "Entweder die Mitarbeiter über den Winter bringen oder die Schneckenmühle  weiter ausbauen", sagt er. 

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Kredite nützen den Gruppenhäusern wenig, um die Verluste aus der Corona-Zeit auszugleichen. Sie haben andere Vorstellungen. Und konkrete Ideen.

Ivo Gebert ist froh, dass der Betrieb im Sommer wieder anlaufen konnte und erste Ferienlager stattfanden. Die Auslastung im Juni sei sogar besser gewesen als im Vorjahresmonat. Das schaffe eine vorläufige Sicherheit. Gebert hofft, dass dieser Trend anhält und kein zweiter Lockdown kommt. "Noch so eine Situation und es wird für die Schneckenmühle existenziell", sagt er.

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