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Junge Konzepte gesucht

Wochenmärkte haben eine unsichere Zukunft. Regionalprodukte stabilisieren den Absatz.

© momentphoto.de/bonss

Von Joachim Göres

Die Kundschaft wird immer älter, die Umsätze erreichen nur noch ein Drittel des Wertes von vor 20 Jahren. Viele Händler finden keine Nachfolger und geben auf. Deutschlands Wochenmärkte stehen vor einer unsicheren Zukunft, vor allem in kleineren Städten. Das ist die Botschaft, die Gerhard Johnson bei einer Tagung der Industrie- und Handelskammer Hannover an seine Zuhörer richtete.

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Er weiß wovon er spricht, schließlich ist Johnson Vorstandssprecher der Deutschen Marktgilde (DMG), mit 120 Wochenmärkten größter privater Veranstalter von Wochenmärkten in Deutschland – und auch in Sachsen aktiv.

Kunden: Arbeitslose, Muttis, Rentner

Regionale Produkte spielen seit einigen Jahren eine sehr große Rolle, Kunden achten mehr auf die Herkunft der Lebensmittel. „Davon profitieren unsere Wochenmärkte“, sagt Brigitte Weigel von der DMG-Niederlassung Ost. Sie betreut zehn Märkte in Dresden sowie weitere in der näheren Umgebung, wo meist zwischen sechs und 15 Händler ihre Produkte anbieten. „Meißen, Pirna, Radeberg und Radeburg sind sehr gute Standorte mit stabilen Umsätzen. Wie in den meisten Dresdner Standorten erreichen wir dort vor allem Arbeitslose, Muttis und Rentner. Auch wenn man die Öffnungszeiten nach hinten ausweitet, kommen nicht mehr Berufstätige“, ist Weigel überzeugt. Gemischter sei das Publikum nur an den drei Dresdner Top-Standorten Schillerplatz, Münchner Platz und Lingnerallee mit bis zu 160 Händlern. Die DMG strebt an, dass mindestens die Hälfte der Stände frische Ware anbietet, damit der Markt durch viele Anbieter von textilen Billigprodukten nicht wie ein Flohmarkt wirkt. An einigen Standorten sind Kleidung, Taschen und Körbe tabu.

„Textilien werden immer weniger gefragt und die Händler bleiben weg. In kleineren Orten besteht aber schon ein Bedarf für Kurz- und Haushaltswaren, denn solche Geschäfte gibt es vielfach gar nicht mehr“, sagt Weigel. Auf der IHK-Veranstaltung wurde das schlechte Erscheinungsbild vieler Märkte kritisiert, zu dem beispielsweise schmutzige Kisten, alte Planen, wenig Auswahl und nicht ausreichende Qualität beim Sortiment beitragen.

Lothar Geißler, Geschäftsführer der Fahrzeugwerke Borco-Höhns aus Rotenburg/Wümme, Europas größter Hersteller von Verkaufswagen für Wochenmärkte: „Das Verkaufspersonal weiß häufig zu wenig über die Produkte Bescheid, die Präsentation der Ware lässt zu wünschen übrig. Die Veranstalter kümmern sich meist zu wenig um ihren Wochenmarkt.“ Rund 90 Prozent der Märkte werden von Kommunen organisiert, meist als Zuschussgeschäft und ohne genügend Personal. Zunehmend wird deshalb versucht, die Märkte an private Betreiber zu übergeben.

Vor übertriebenen Erwartungen an eine Privatisierung warnt ausgerechnet Johnson: „Wenn ich die immer häufigeren hilfesuchenden Anfragen von kleinen und kleinsten Kommunen sehe, ob wir mit einem Wochenmarkt deren Nahversorgung sichern und der Verödung ihrer Innenstadt abhelfen können, dann frage ich mich schon, ob der ökonomische Aspekt dabei auch nur annähernd realistisch eingeschätzt wird.“ Laut Johnson verzichten mittlerweile immer mehr Kommunen auf überzogene Forderungen für die Nutzung des Marktplatzes. Auch würden bei einer Privatisierung zum Teil höhere Gebühren für die Händler fällig.

Modell: Verlagerung in den Abend

Auf der Tagung wurden verschiedene Modelle vorgestellt, durch die mehr Menschen erreicht werden sollen. So gebe es zunehmend Wochenmärkte am Abend, wenn Berufstätige Zeit haben. Teilweise könne man seine vollen Einkaufstaschen an einer Station abgeben und sie später wieder abholen oder sie sich nach Hause bringen lassen. Auch saubere und schöne Toiletten in der Nähe würden beitragen, dass man auf dem Wochenmarkt nicht nur einkauft, sondern sich dort gerne mit Freunden zum Essen und Trinken trifft.

Bundesweit gibt es rund 50.000 Markthändler und 3.300 Wochenmärkte, davon 230 in Sachsen. 1,2 Prozent der frischen Lebensmittel werden in Ostdeutschland auf Wochenmärkten eingekauft, in Norddeutschland ist dieser Anteil viermal höher. In den letzten fünf Jahren sind nach jahrelangem Rückgang die Umsätze auf den Wochenmärkten stabil geblieben.