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Junge Leute aus Nebraska beten in Lohmen

Lohmen

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Dass zu Sonntagsgottesdiensten neben der Orgel auch Gitarrenklänge zu hören sind, ist längst nichts Außergewöhnliches mehr. Auch moderne, englischsprachige Lieder werden immer wieder gern gesungen. Eine englischsprachige Predigt eines amerikanischen Pfarrers, welcher die Predigt selbst zugleich ins Deutsche übersetzt, ist in unserer Region dagegen höchst selten zu hören. Doch genau das konnten die Besucher der evangelisch-lutherischen Philippus-Gemeinde Lohmen am vergangenen Sonntag erleben.

In der Gemeinde sind 27 Amerikaner aus Lincoln/Nebraska zu Gast. Die Freundschaft zwischen der Lohmener Kirchgemeinde und der Westminster Presbyterian Church Lincoln begann bereits 1984, als Vertreter der amerikanischen Bundeskirche bei einer Europa-Tour auch in die DDR reisen wollten. Dabei fiel die Wahl auf Lohmen eher zufällig, wie Gemeindeglied Jens Michel berichtet. „Die Anfrage kam aus dem Landeskirchenamt. So sollten die Gäste vor 25 Jahren bei Gastfamilien unterkommen, und der Anruf aus Dresden ereilte die damalige Pfarrersfrau, deren Mann gerade nicht da war. Sie sagte am Telefon zu.“

Wieder zurück in Amerika, besann sich ein Mitglied auf eine junge Lohmenerin, an die er sein Herz verloren hatte, wie Jens Michel weiter berichtet. Gemeinsam mit einem amerikanischen Pfarrer, der in Berlin studierte, wurde der Kontakt in den Jahren bis zur Wende aufrecht erhalten. „Das ging damals natürlich nur per Brief“, erzählt Jens Michel weiter.

Als die Lohmener im November 1989 ihren 200. Jahrestag der Kirchweihe feiern wollten, luden sie sich auch Gäste aus Lincoln ein, unter ihnen war auch der Pfarrer der Westminster Presbyterian Church Lincoln. Dessen Gasteltern Roland uns Margit Hippe erinnern sich noch gut an diese Tage. „Sie landeten damals in Westberlin. Im Ostteil der Stadt haben wir sie abgeholt. Wenige Tage später saßen wir vor dem Fernseher, als der Bericht über die Maueröffnung übertragen wurde. Das war ein gewaltiger Moment, wir konnten es nicht glauben“, erzählt Monika Hippe noch immer gerührt.

Am Tag der Abreise konnten die Lohmener ihre amerikanischen Gäste dank der offenen Grenze direkt bis zum Flughafen begleiten. Ein Jahr später wurde Jens Michel bei einem ersten privaten Besuch in Nebraska als Dank und Anerkennung für die Aufrechterhaltung der Freundschaft zum Ehrenbürger des Landes ernannt. Zwei Jahre nach der politischen Wende feierten die Lohmener und Lincoln einen parallel stattfindenden Gottesdienst mit einer Telefonverbindung, ehe 1993 eine erste Delegation der Lohmener Kirchgemeinde nach Lincoln reiste. Seitdem finden regelmäßige gegenseitige Besuche statt.

Von kaltem Wetter überrascht

Derzeit sind zum zweiten Mal junge Besucher aus Lincoln in Lohmen. Nach dem gemeinsamen Sonntagsgottesdienst erzählt die 16-jährige Anna Schoettger, dass in ihrer Heimatgemeinde mehr Besucher zum Gottesdienst kommen. „Und unsere Kirchen sind alle jünger“, ergänzt die 15-jährige Field McDonald.

Ihr Bruder Edison wollte dabei sein, wenn es nach Deutschland geht. „Ich hatte mitbekommen, wie fasziniert unsere älteren Gemeindeglieder über die Begegnungen mit den Lohmenern gesprochen haben“, berichtet Edison. Da die jungen Gäste bei derzeit 20Grad Celsius in Lincoln kaum Pullover oder Socken bei sich hatten, haben die Gastfamilien für warme Kleidung gesorgt.