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Ein Job nicht nur für harte Kerle

Ihr Ausbildungsberuf ist eigentlich eine Männerdomäne. Alexandra Weiß stört das nicht. Sie steht da im wahrsten Sinne des Wortes drüber.

Von Elke Braun
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Alexandra Weiß lernt in Roßwein den Beruf der Gerüstbauerin. Auch wenn dort fast ausschließlich Männer arbeiten, macht ihr die Ausbildung großen Spaß.
Alexandra Weiß lernt in Roßwein den Beruf der Gerüstbauerin. Auch wenn dort fast ausschließlich Männer arbeiten, macht ihr die Ausbildung großen Spaß. © Dietmar Thomas

Roßwein. Den ganzen Tag im Büro sitzen? Für die heute 17-Jährige war das von Anfang an keine Option, als es um die Berufswahl ging. „Ich wollte lieber etwas machen, wo ich an der frischen Luft bin“, erzählt sie.

Über Prospekte wird sie auf die Roßweiner Gerüstbaufirma Gemeinhardt aufmerksam und meldet sich kurzentschlossen zu einem zweiwöchigen Schulpraktikum an. Schon nach wenigen Tagen steht für Alexandra fest: „Ich werde Gerüstbauerin.“ Gedacht – getan: Nach ihrem Hauptschulabschluss absolviert sie seit dem 1. August die dreijährige Ausbildung in dem Roßweiner Unternehmen und ist begeistert.

Höhenangst ist ein Fremdwort für die zierliche junge Frau, die mit ihren Eltern in Zschaitz wohnt. „Vielleicht habe ich das von meinem Vater in die Wiege gelegt bekommen“, sagt Alexandra Weiß und lacht. Der habe nämlich Dachdecker gelernt. Von ihren Eltern bekomme sie jegliche Unterstützung. „Die finden es gut, dass ich diesen Beruf lerne.“ Der zwölfjährige Bruder sei stolz auf seine Schwester. „Der wird aber definitiv kein Gerüstbauer. Er hat nämlich Höhenangst“, so Alexandra Weiß.

Alle vier Wochen trifft sie auf eine Mitstreiterin. Immer dann, wenn die theoretische Ausbildung in der Berufsschule „Max Bill“ in Berlin ansteht. Ein Mädchen aus Cottbus lernt ebenfalls Gerüstbauerin. Ansonsten ist sie aber ausnahmslos von männlichen Mitschülern umgeben. Das macht ihr nichts aus. Vor etwaigen Sprüchen vonseiten der Jungs fürchtet sie sich nicht. „Bis jetzt ist das auch noch nicht vorgekommen“, sagt sie.

Dass es auch während der praktischen Ausbildung in Roßwein nicht dazu kommt, darauf hat Ausbilder Holger Bauschke ein Auge. Der Gerüstbauer der Firma Gemeinhardt hat derzeit fünf Lehrlinge unter seinen Fittichen – allesamt im ersten Lehrjahr. Die Lehrlinge des Vorjahres sind inzwischen alle wieder weg.

 „Das hat einfach vom Verhalten her nicht gepasst. Die müssen sich schon an einige Regeln halten. Gerade in unserem Beruf ist Teamarbeit wichtig. Da muss man sich zu 100 Prozent aufeinander verlassen können“, sagt Bauschke. Von „seiner Azubine“ ist er begeistert. „Schon als sie das Schulpraktikum gemacht hat, habe ich gesehen, dass das was werden könnte. Sie ist ohne Zögern die Leitern hochgeklettert“, sagt der 38-Jährige.

Dass ein Mädchen für den Beruf nicht genügend Kraft haben könnte, bestätigt der Ausbilder nicht. „Die Kraft kommt mit der Zeit. Auch die Jungs müssen erst Muskeln aufbauen, die haben auch sie in dem Alter in den seltensten Fällen“, weiß er aus Erfahrung. Außerdem würde die Ausbildung so gestaltet, dass die Lehrlinge nicht von Anfang an schwere Teile tragen. „Schon aus biologischer Sicht achte ich bei Alexandra noch mehr darauf, dass sie sich nicht übernimmt.“

Dass der Beruf so abwechslungsreich ist, gefällt Alexandra besonders. „Ich finde es klasse, dass wir als Lehrlinge schon selbstständig Gerüste aufbauen dürfen“, sagt sie. Die Vorderseite des ehemaligen „Herkules“ auf dem Roßweiner Markt zum Beispiel haben die Lehrlinge im vergangenen Jahr alleine eingerüstet. 

Die Sicherheitsbestimmungen sind hoch. Deshalb lässt Holger Bauschke seine Azubis während solcher Arbeiten auch nicht aus den Augen. „Irgendwann hat jeder die Handgriffe zur Eigensicherung verinnerlicht, weiß, wo er hintreten muss und wie er sich richtig einhakt.“ Dazu steht den Gerüstbauern die sogenannte PSA GA zur Verfügung – die Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz.

Eigentlich ist mindestens der Hauptschulabschluss Voraussetzung für die Ausbildung zum Gerüstbauer. „Wenn Bewerber lernbereit sind, werden wir aber auch nicht nein sagen, wenn sie keinen Abschluss haben“, so Bauschke. Um Lehrlinge werben die Roßweiner an diesem Wochenende bei der Messe Karrierestart in Dresden. Am Freitag war auch Alexandra mit am Messestand.

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