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Kaffee mit Ausblick

Ins Turmcafé am Schweren Berg in Weißwasser kommen wieder Besucher aus nah und fern. Auch der Kohle wegen.

Ein grandioser Ausblick: Claudia Szonn (links), Leiterin des Turmcafés, und Michaela Weigang, die von Beginn an dabei ist, bleibt normalerweise wenig Zeit, mit einem Kaffee die Sicht über die renaturierte Fläche des Tagebaus Nochten zu genießen.
Ein grandioser Ausblick: Claudia Szonn (links), Leiterin des Turmcafés, und Michaela Weigang, die von Beginn an dabei ist, bleibt normalerweise wenig Zeit, mit einem Kaffee die Sicht über die renaturierte Fläche des Tagebaus Nochten zu genießen. © Joachim Rehle

Nudeln mit Wurstgulasch und einen Kaffee gönnt sich Kerstin Wießner. Die Leipzigerin macht am Bärwalder See Urlaub. Mit dem Fahrrad ist sie zum Turm am Schweren Berg gekommen. Zwar kennt sie Teile der Oberlausitz, weil ihre Schwester in Görlitz lebt, in Weißwasser aber und noch dazu am Schweren Berg war sie noch nie. Kerstin Wießner ist des Lobes voll. Auch über die perfekten Radwege, wie sie schnell noch anfügt. Mit ihren Enkelkindern aus Köln möchte sie in den nächsten Tagen die Gegend erkunden.

Während sie erzählt, trudeln die nächsten Radler ein, ihrem Dialekt nach aus Norddeutschland. Der Parkplatz am Kommunikations- und Naturschutzzentrum Weißwasser ist ebenfalls gut gefüllt. Der Aussichtsturm am Schweren Berg lockt die Urlauber an. Unter den besonderen Umständen 2020 offenbar noch mehr als sonst. Silke Brüderlein füllt zwei heiße Schokoladen in die Tassen und setzt ihnen Sahnehäubchen auf. Und schon bestellt der nächste Gast die Wurstnudeln.

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Hausgemachtes aus der Region

Nach der corona-bedingten wochenlangen Schließung hatte das Turmcafé am Schweren Berg zu Pfingsten erstmals wieder geöffnet, danach an Wochenenden. In den Ferien ist wieder regulär offen – und ordentlich Betrieb.

Vier Mitarbeiterinnen kümmern sich um die Gäste. Es sind Spaziergänger aus Weißwasser mit ihren Hunden, Radwanderer aus ganz Deutschland, die das Lausitzer Seenland durchstreifen, zunehmend aber auch Besucher aus Polen und Tschechien, erzählt die Leiterin Claudia Szonn. Dass seit Ende vorigen Jahres zu ihrem Team eine polnische Mitarbeiterin gehört, erleichtere da so einiges.

Seit 2017 betreibt der Bergbautourismusverein Stadt Welzow das Turmcafé am Schweren Berg. Nachdem es längere Zeit leer stand, hatte die Lausitz Energie Bergbau AG (Leag) einen Betreiber dafür gesucht und den Verein angesprochen. „Das passt ganz gut zu uns“, hatte man daraufhin in Welzow befunden.

Der Verein bewirtschaftet eine Gaststätte in Schwarzkollm, wo für das Turmcafé in Weißwasser und den eigenen Catering-Service gekocht wird. Dabei setzt man, so Claudia Szonn, auf regionale Produkte. Soljanka und Kartoffelsalat, beides hausgemacht, sind als schnelle Essen bei den Radwanderern besonders beliebt. Im Herbst gibt es dann auch wieder Zwiebelkuchen. Und nicht wenige Besucher kommen extra wegen der Stachelbeer-Sahne-Baiser-Torte. Diese ist wie die Holunderblütenlimonade ebenfalls selbst gemacht. Die Karte wechselt je nach Jahreszeit.

Für einen Kaffee auf der Terrasse des Besucherzentrums am Schweren Berg hat Claudia Szonn eher selten Zeit. Aber sie mag ihn, diesen Ausblick über den Tagebau Nochten. Dieser Blick ist umso schöner, je höher man den Aussichtsturm besteigt. „Die Landschaft sieht heute ganz anders aus als zu der Zeit, da wir hier angefangen haben“, erzählt sie. Mitunter kämen Gäste, die sich den Tagebau Nochten vor Jahren schon mal angeschaut haben – als noch der Kohlebagger nahe des Turmes stand. Mittlerweile kann man sogar ein Stück der renaturierten Abbaufläche betreten.

Spaziergang am neuen Südhang

Erst Anfang Juli waren die barrierefreien Wege in ein Naturschutzvorranggebiet eröffnet worden. Sie führen über Terrassen, die zur Gestaltung der Bergbaufolgelandschaft 2015 angelegt worden waren. Der neu geschaffene Südhang des Schweren Berges am Rande von Weißwasser war bis 2008 Tagebau.

Unter Beachtung einiger Sicherheitshinweise können Besucher ein 10,5 Hektar großes Areal selbst erkunden. „Wir haben überlegt, ob wir Führungen anbieten“, sagt Claudia Szonn. Doch von dieser Idee habe man vorerst wieder Abstand genommen. Es sei zu unklar, wie sich der Tourismus während Corona entwickelt.

Im Frühjahr 2018 hatte sie das erste Turmfest am Schweren Berg organisiert. 2019 wurde ein zweites gefeiert – an dem auf Technik fokussierten Denkmalstag im September. Da bot die Waldeisenbahn Muskau Fahrten mit der Tonbahn zum Turm an. 2020 hätte es ein drittes Turmfest geben sollen. Doch dazu kam es nicht: Corona ... Wie die Chancen 2021 stehen, vermag Claudia Szonn nicht zu sagen. Man wolle sehen, wie sich die Lage entwickelt.

Seit 2012 ist die studierte Tourismus-Expertin beim Bergbautourismusverein beschäftigt. Den gibt es seit 2007. Drei Jahre später richtete er sein Besucherzentrum Excursio im Bahnhof Welzow ein. Von dort aus kann man zu einer geführten Tour in den aktiven Tagebau aufbrechen. Im Tagebau Nochten gibt es derlei Ausfahrten „in die aktive Kohle“ nicht. Silke Brüderlein bedauert das ein bisschen. „Was man sieht und wie die frische Kohle riecht, das sind schon besondere Eindrücke. Die bekommt man so nie wieder“, begründet sie.

Seit einem Jahr arbeitet die 52-Jährige im Turmcafé. Ursprünglich im Handel beschäftigt, war sie der Familie halber lange Zeit zu Hause. Über die Anstellung im Turmcafé ist die Weißwasseranerin froh und dankbar. Es mache ihr Spaß. Eben, weil sie nicht nur Essen und Getränke verkauft. Die Besucher hätten viele Fragen – und nicht wenige ganz falsche Vorstellungen. Wie jener junge Mann, der die Lausitz als totes Land erwartet hatte. „Ein totes Land sind wir ganz und gar nicht“, sagt Silke Brüderlein voller Überzeugung. Aber sie weiß auch, dass gerade „die Gegend um Weißwasser jetzt junge Menschen mit vernünftigen Ideen braucht“, damit der Landstrich nach der Kohle nicht verödet. Tourismus trage dazu bei, die Region bekannt zu machen. „Tourismus ist eine tolle Sache. Aber das alleine genügt nicht, wenn überall die Wirtschaft einbricht“, sagt sie.

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