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Kalte Trennung bringt 200 Jobs

Siltectra arbeitet mit einer einmaligen Technik zum Metall-Spalten. Dabei will der Chef nur Plastikfolien verkaufen.

© kairospress

Von Georg Moeritz

Man nehme: einen Metallblock, den man spalten will. Eine Glibberfolie aus einem geheimen Kunststoff-Material, damit wird der Metallblock umhüllt. Taucht man diesen Block nun in dampfenden Flüssigstickstoff bei 196 Grad Kälte, dann wird die Hülle hart wie Glas, ein Knacken ist zu hören – das Metall reißt entzwei. Mit dieser Methode „Cold Split“, also mit kaltem Spalten, will Wolfram Drescher 200 Arbeitsplätze in Sachsen schaffen. In vier Jahren soll das geschafft sein.

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Die neue Rektorin der TU Dresden hat viel vor. Sie denkt global, will die Exzellenz in Forschung und Lehre stärken und die Uni stärker für Ältere öffnen.

Wolfram Dreschers Firma Siltectra GmbH im Dresdner Norden hat 50 Patente um die Kunststofffolie angemeldet, die bei Kälte gewaltige Spannung erzeugt. Gerne lässt er Gästen aus der Halbleiter-Industrie die Technik vorführen. Der Chemie-Ingenieur Anas Ajaj setzt dann eine Schutzbrille auf und zeigt die Spaltung am Beispiel von Silizium, wie es als Rohstoff für die Fotovoltaik und für die Mikrochip-Produktion genutzt wird. Ajaj ist einer der ersten zwölf Angestellten von Siltectra. Der 32-jährige stammt aus Syrien, ist seit zehn Jahren in Deutschland und hat einen deutschen Pass. Der nächste Mitarbeiter wird laut Chef Drescher wohl ein Flüchtling aus Syrien sein, den Kollegen kennengelernt haben.

In vier Jahren soll Siltectra einen Umsatz von 100 Millionen Euro erwirtschaften, mit rund 200 Angestellten in der sächsischen Zentrale samt eigener Produktion. Davon werden 30 bis 40 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung arbeiten, schätzt Drescher. Denn seine Kraft-Folie lässt sich vermutlich noch verbessern, auch wenn das Ursprungspatent von Harvard-Forschern kommt, die es gegen Geld allein der Firma Siltectra zur Nutzung überlassen haben. Laut Drescher ist es „weltweit einmalig“, dass man dünne Siliziumscheiben oder auch Glas kalt in zwei Scheiben zerreißen kann. Üblicherweise verwenden die Hersteller Drahtsägen zum Zerteilen der Rohstoffblöcke, doch dabei fällt teures Sägemehl ab. Die Hälfte des Materials werde bisher verschwendet, sagt Drescher. Weltweit entstünden damit pro Jahr zehn Millionen Tonnen unnötiger Abfall – zum Teil sehr teurer, wenn es um Rohstoffe wie Siliziumkarbid oder Galliumnitrid geht.

Noch ist Dreschers Technik allerdings nicht marktreif. Er testet sie zunächst mit Maschinenbaufirmen, die sich mit Lasern auskennen. Denn damit beim kalten Spalten die gewünschten glatten Brüche entstehen, muss die Sollbruchstelle vorher per Laser perforiert werden.

Siltectra will nicht selbst in die Scheibenproduktion einsteigen, auch nicht die Lasermaschinen liefern. Vielmehr setzt Dreschers Geschäftsmodell allein auf das Verbrauchsmaterial: Er will die Kunststofffolien liefern. So wie Besitzer von Kaffee-Automaten auf die Kaffeekapseln angewiesen sind, so werden künftig Fabrikanten von Rohlingen für die Chip-Industrie die Folien von Siltectra für ihre Maschinen brauchen. Um dieses Geschäft aufzubauen, ist Drescher von den Geldgebern der Firma angeworben worden. Der 49-Jährige kennt sich mit dem Aufbau von Firmen aus. Drescher hat in Dresden Elektrotechnik studiert und mehrere Unternehmen aufgebaut. „Ich rede ungern Leuten nach dem Mund“, sagt er. Die Arbeit auf Weisung von fernen Zentralen sei nichts für ihn. Seine früheren Firmen Systemonic und Blue Wonder Communications beschäftigten sich mit Mobilfunk-Technik und wurden von Konzernen gekauft. Nach dem letzten gelungenen Verkauf flog Drescher erst einmal zum Kitesurfen mit seinem Sohn in die Südsee. Doch ein Headhunter machte dem Millionär die neue Firma schmackhaft; Drescher bewarb sich als Geschäftsführer und kaufte auch einige Anteile.

Mitte des Jahres soll die Kleinproduktion beginnen, für Anfang nächsten Jahres hofft Drescher auf die Lasermaschinen. Ob seine Folienfabrik im Raum Dresden oder Freiberg stehen wird, das weiß er noch nicht. Kunden könnten Siltronic und Freiberger Compound Materials sein, die Scheiben für Chipfabriken herstellen.