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Kalte Wende

Weil ein Schulbus im Erzgebirge wegen Schneebruchs sein Ziel nicht erreichte, drehte er um. Um die Kinder kümmerte sich niemand.

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Von Thomas Wittig

Etwa zwölf Kilometer lang ist der tägliche Schulweg von Tim Kaufmann. Der elfjährige Junge aus Jöhstadt besucht das Gymnasium der Evangelischen Schulgemeinschaft Erzgebirge in Annaberg-Buchholz. Für die Fahrten zwischen Heimatort und Schule nutzt der Sechstklässler den Schulbus. So auch am vergangenen Donnerstag. „Der Bus kommt immer so kurz vor halb vier auf dem Markt in Jöhstadt an. Zehn Minuten später ist Tim dann in der Regel zu Hause“, erzählt seine Mutter Jacqueline Kaufmann. Vorigen Donnerstag kam Tim nicht nach Hause.

Seine Mutter machte sich Sorgen. Dann endlich klingelte ihr Telefon. Über sein Handy informierte Tim die Mutter, dass er in Königswalde stehe – sechs Kilometer von zu Hause. Gemeinsam mit seinen Klassenkameraden musste er aus dem Bus aussteigen, weil der umgedreht und zurück nach Annaberg gefahren sei. „Ich war zunächst sprachlos, wusste nicht, was ich tun sollte. Da ich behindert bin, war ich nicht in der Lage, mein Auto von den Schneemassen zu befreien. Mein Mann konnte ebenfalls nicht einspringen, da er dienstlich unterwegs war“, sagt Jacqueline Kaufmann. Ihr Sohn kam glücklicherweise bei einem Schulfreund in Königswalde unter.

Trotzdem kann die Jöhstädterin noch immer nicht verstehen, wie der Busfahrer die Kinder in der Kälte stehen lassen konnte. Man dürfe das Alter der Kinder schließlich nicht vergessen.

Katie Wydwaldt saß ebenfalls in dem Bus. Die Fünftklässlerin wohnt in Schmalzgrube. Für sie waren es sogar noch circa zehn Kilometer bis nach Hause. Im Gegensatz zu Tim hat sie aber keine Freunde in Königswalde. Zum Glück erreichte sie per Handy ihren Vater. Er habe alle beruflichen Termine abgesagt, um seine Tochter abzuholen, erzählt Kai Wydwaldt. Sie erzählte ihm auf der Heimfahrt, dass der Busfahrer angehalten und gesagt hat, dass alle aussteigen sollen. „Worte, die ich so nicht nachvollziehen kann“, sagt Kai Wydwaldt.

Gestern Abend gab es zu dem Vorfall vom Busunternehmen Regionalverkehr Erzgebirge (RVE) eine Erklärung. In dieser wird mitgeteilt, dass das Fahrpersonal bei Verkehrsbehinderungen generell verpflichtet ist, sich bei der Einsatzleitung zu melden und weitere Schritte abzuklären. Bei besagter Fahrt sei das auch passiert. Wegen Schneebruchs sei die Anweisung zum Wenden gegeben worden. Der Fahrer habe daraufhin die Fahrgäste informiert und einen Ausstieg in Königswalde angeboten, was auch von allen betroffenen Fahrgästen angenommen wurde.

Die RVE bedauerte aber, dass es wegen der witterungsbedingten Ausnahmesituation zu dem Vorfall gekommen ist.

Für Jacqueline Kaufmann bleibt das Verhalten trotzdem unverständlich. Sie hätte sich gewünscht, dass in einem solchen Fall Hilfskräfte eingesetzt werden. (fp)