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Flugzeuge made in Kamenz

Eine kleine Firma baut eigene Ultraleichtflieger. Jahrelang haben die Macher an einem neuen Modell getüftelt - jetzt hoffen sie auf die Zeit nach Corona.

Auf dem Kamenzer Flugplatz baut Dr. Gerd-Peter Kuhn (r.) mit seiner Firma Ultraleichtflugzeuge. Mit von der Partie ist dabei auch Paul Dornik.
Auf dem Kamenzer Flugplatz baut Dr. Gerd-Peter Kuhn (r.) mit seiner Firma Ultraleichtflugzeuge. Mit von der Partie ist dabei auch Paul Dornik. © René Plaul

Kamenz. Das Sonnenlicht spiegelt sich im rot-weißen Lack der Maschine. Sie ist der Stolz von Dr. Gerd-Peter Kuhn. Liebevoll streicht seine Hand über den Rumpf des Ultra-Leicht-Flugzeugs (UL), den Eurostar SLW-Sport. Der ist etwas Besonderes: in Kamenz als neues Modell konzipiert, geplant und mit Teilen des tschechischen Herstellers Evektor  völlig eigenständig gebaut. Das Flugzeug wird ausschließlich in Kamenz produziert.

Sieht man sich den Eurostar SLW-Sport an, wirkt eher nicht wie ein Ultraleichtgewicht. Die Ultraleichten seien längst nicht mehr solche Dinger mit einem Flügel, ein paar Aluteilen und einigen Drähte, an denen Motor und Sitz für den Piloten hängen, sondern richtige Flugzeuge, so Kuhn. Genau in diesen wachsenden Markt will das kleine Team mit zwei Flugzeugmechanikern plus Chef vordringen.

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Die Firma heißt Flugsportzentrum (FSZ) Bautzen. In der Kreisstadt lagen die Wurzeln beim Start 1995. Davon ist aber seit langem nur noch der Name geblieben. Der Stammsitz befindet sich seit über zehn Jahren am Kamenzer Flugplatz. Hier warten die FSZ-Mitarbeiter Ultra-Leicht-Flugzeuge, passen sie den Wünschen der Besitzer an und bauen auch neu.

Paul Dornik schraubt derzeit an einer Unfallmaschine und ersetzt die Kraftstoffleitung. Er ist Quereinsteiger. Der Chef selbst kommt aus der Branche, war technischer Offizier zu DDR-Zeiten, mit Ausbildung in Kamenz und blieb mit seiner Firma der Materie treu.

Kunden kommen aus ganz Deutschland

In den 1990er-Jahren sei durch einen Zufall der Kontakt zum tschechischen Flugzeugbauer Evektor-Aerotechnik entstanden. Der suchte einen Fachmann für den Vertrieb auf dem deutschen Markt. Daraus entwickelte sich dann die eigene Firma mit neuer Flugzeughalle in Kamenz, um die Kunden besser bedienen zu können. „Die standen allerdings nicht sofort reihenweise vor unserer Firma“, erinnert sich Kuhn an die ersten schweren Jahre. Inzwischen kommen sie aus ganz Deutschland und auch  aus Österreich.

Die Chance, selbst Flugzeuge zu bauen, ergab sich vor rund zehn Jahren. Damals gaben die Tschechen ein Modell auf, für das sie keine Zukunft mehr sahen. Da griffen die Kamenzer zu. Es war der Schritt vom Vertrieb zum Flugzeugbauer. Bereits 2012 kam die Zulassung für ein leichteres Modell; jetzt die für das Schwergewicht unter den Ultraleichtfliegern mit bis zu 600 Kilogramm Startgewicht. 

Die Evektor-Maschine war die Grundlage für den Eigenbau: mit leicht verringerter Flügelspannweite und einem veränderten Rumpf, um die Flugeigenschaften noch zu verbessern und Gewicht zu sparen, was im Ultraleichtsektor wichtig sei. Auf gut sechs Meter bringt es der Flieger trotzdem. Den nahmen die Prüfer des Deutschen Aeroclubs nun unter die Lupe und erteilten die Lizenz.

Früher hätten sich die Piloten oft beim Gesamtgewicht an den Grenzen der Legalität bewegt. Seit kurzen sind bis zu 600 Kilogramm Startgewicht mit Besatzung erlaubt. Jahrelang tüftelten die Kamenzer für die Lizenzen für insgesamt drei veränderte Evektor-Modelle. „Damit wurde Entwicklungen Rechnung getragen, zum Beispiel auf dem Gebiet der Elektronik und Sicherheit“, erklärt Gerd-Peter Kuhn. Die Ausrüstung sei komplexer und damit auch schwerer geworden. 

Virus bremst Verträge

Nun bremste dass Coronavirus gerade in der Startphase den Verkauf des neuen Modells. Es sei ein katastrophaler Einbruch, räumt Gerd-Peter Kuhn ein. Bis Juni mussten alle Flugzeuge auf dem Boden bleiben – kein Service, keine Wartung, keine Einnahmen. „Gerade jetzt fallen auch noch alle Messen aus, wo wir sie dringend brauchen.“ Denn der Verkauf müsse ja in Gang kommen nach den Entwicklungs- und Zulassungskosten im sechsstelligen Bereich. „Wir hoffen, dass wir die Talfahrt durchstehen, dazu brauchen wir Verträge", sagt Kuhn. Bis zu sechs Flugzeuge könnten die Kamenzer derzeit im Jahr bauen.

Die Teile lässt das FSZ beim tschechischen Partner anfertigen. In Kamenz werden die Flieger komplett montiert, ausgebaut, getestet und ausgeliefert. Das sind mittlerweile Zweisitzer mit einigem Komfort. Dazu gehören bequeme Schalensitze, LCD-Bildschirme für das digitale Cockpit. Und Details wie die Einstiegshilfe am Rumpf.

So etwas sei früher einfach nicht möglich gewesen, da um jedes Gramm Gewicht gefeilscht werden musste. Das Flugzeug sei jetzt nicht nur mehr etwas für das Freizeitvergnügen einiger Freaks: „Unsere Ziegruppe sind Vereine und Flugschulen, die Allrounder der Lüfte suchen“, so Dr. Kuhn. Im Durchschnitt mit bis 210 km/h sei man mit einem Ultraleichtflieger auch deutlich schneller am Ziel als mit einem Auto, sagt Dr. Kuhn. Zum Beispiel in knapp zwei Stunden an der Ostsee.

Fallschirm für Notsituationen

Man habe die Corona-Zwangspause immerhin genutzt, um die Zulassung des Eigenprodukts und zwei weiterer tschechischer Modelle voran zu treiben. Ein aufwendiges Prozedere. Es müsse ja alles sicher sein. Sollte es mal eine Havarie geben, haben alle Flugzeuge aber auch ein Notfall-Rettungssystem an Bord. Das aktiviert einen Fallschirm, der das Fluggerät - immerhin fast mit Trabi-Gewicht - im Ernstfall mehr oder weniger sanft zu Boden gleiten lässt.

Er selbst habe die Notfallvariante noch nicht gebraucht. Aber eine brenzlige Situation bei über 4.100 Flugstunden sei ihm noch gut in Erinnerung. Ein Schlechtwetterflug, bei dem nicht nur die Scheiben, sondern auch die Vergaser vereisten. Dennoch brachte Kuhn die Maschine herunter  -  mit stotterndem Motor, aber heil.

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