merken
PLUS Kamenz

Kamenzer feiern mit Sigmund Jähn

Zum Höhepunkt des Forstfestes in Kamenz kam in diesem Jahr der erste Deutsche im All.

Dieses Gewimmel auf dem Markt bestaunte vom Rathausbalkon aus auch Fliegerkosmonaut Sigmund Jähn. Es sieht von oben chaotisch aus, aber jeder Klassenverband findet in einer fein ausgetüftelte Abfolge genau seinen Platz.
Dieses Gewimmel auf dem Markt bestaunte vom Rathausbalkon aus auch Fliegerkosmonaut Sigmund Jähn. Es sieht von oben chaotisch aus, aber jeder Klassenverband findet in einer fein ausgetüftelte Abfolge genau seinen Platz. © Matthias Schumann

Kamenz. Das war eine Überraschung! Die Schulleiterin der 1. Oberschule, die in diesem Jahr aus gutem Grund für die Festrede zum Forstfest-Auszug eingeteilt war, begrüßte als ersten Ehrengast auf dem Rathausbalkon keinen Geringeren als „Generalmajor a. D. Sigmund Jähn“. Kurze Schockstarre auf dem Platz, dann brandete überaus herzlicher Beifall auf. Der erste Deutsche im All, mittlerweile 82 Jahre alt, winkte im Kreise der Polit- und Forstfestprominenz nach unten, und die mehr als 1 500 Schülerinnen und Schüler in Weiß, die Lehrerschaft, die Musiker der Kapellen und Hunderte Kamenzer auf dem Markt begrüßten ihren Fliegerkosmonauten, als sei er soeben gesund und munter aus der Sojuskapsel gestiegen.

Sigmund Jähn – zum ersten Mal auf dem Rathausbalkon.
Sigmund Jähn – zum ersten Mal auf dem Rathausbalkon. © Matthias Schumann

Sigmund Jähn hatte 1955 in Kamenz seine Fliegerausbildung begonnen, aber das Forstfest erlebte er erst jetzt, fast 65 Jahre später zum ersten Mal. „Es ist unglaublich, was ich hier gesehen habe“, sagt der Rentner. Er, der einst die Erde aus dem Weltraum bestaunt hatte, schaute ganz gerührt auf ein Geschehen, das ihm großen Respekt einflößte. „Das gibt es auf der Welt gewiss nur einmal. Und das muss ja alles organisiert sein!“ Und als Sigmund Jähn vom Oberbürgermeister aus erster Hand erfuhr, dass der Auszug genau nach einem bald 175 Jahre alten Prozedere erfolgt, war es ganz und gar geschehen um den vielgereisten Mann. „Nicht zu fassen! Das ist eine Heimat-Tradition vom Allerbesten!“

Anzeige
Kirnitzschtal statt Grand Canyon
Kirnitzschtal statt Grand Canyon

Jeden Ferienmittwoch sind Sie mit der Tageskarte für eine Tarifzone im ganzen VVO-Netz unterwegs.

Am Sonntag war Sigmund Jähn, eingeladen von Fliegeroberst a. D. Gerhard Fiß aus Kamenz, auf einer kleinen Rundreise in der Lausitz gewesen und hatte auch dem Seenland einen Besuch abgestattet. Am Geierswalder Leuchtturm bewunderte er die Renaturierung einer ganzen Region. „Es ist einfach nur erstaunlich. Ich bin überrascht.“ Noch am Montag wollte sich der Rentner selbst hinter das Steuer seine Autos setzen, um zurück nach Strausberg bei Berlin zu fahren. „Mein linkes Bein macht in letzter Zeit ein paar Probleme. Das wird wohl das Alter sein ...“

Der Lauf der Zeit ist freilich insbesondere in Forstfesttagen sehr gut zu verfolgen. Ilona Träber, die Schulleiterin der 12. Oberschule, begrüßte auf dem Rathausbalkon nämlich auch Werner Geißler. Der ehemalige Lehrer feierte kürzlich seinen 99-jährigen Geburtstag und war am Montag das Objekt der Begierde einer Gruppe betagter Seniorinnen und Senioren. „Wir wollen unbedingt zu ihm. Er war unser Lehrer.“ Die Überraschung dürfte ebenso gelungen sein, wie der Besuch Sigmund Jähns.

Forstfest-Auszugsimpression mit kleinen Füllhörnern.
Forstfest-Auszugsimpression mit kleinen Füllhörnern. © Matthias Schumann

Die Festrede war – natürlich – der Einweihung der Kamenzer Stadt- und Bürgerschule taggenau vor 175 Jahren gewidmet. Die heutige Schulleiterin erinnerte an die „unglaubliche Energie“, die die Kamenzer nach dem verheerenden Stadtbrand in der Nacht vom 4. zum 5. August aufgebracht haben, „um ihre Stadt wieder erstehen zu lassen, die in Schutt und Asche lag“. Vor allem die Konzentration auf das Wesentliche ist es, die auch heute überrascht. Natürlich mussten vor dem nächsten Winter zunächst die privaten Behausungen gesichert werden. Aber schon kurz danach konzentrierte sich die ganze Stadt auf den Bildungsauftrag. Die Kamenzer bauten auf dem Gelände des früheren Klostergartens in nur 15 Monaten ihre neue Schule auf, die damals noch U-förmig war, aber bereits ihre dreistöckige, massive Struktur wie jetzt hatte. „Die Schüler wurden ermahnt, die Kosten des Wiederaufbaus auch durch gute schulische Leistungen zu würdigen“, so die Schulleiterin, was an anderer Stelle auch in die Hoffnung (und Erwartung) mündete, dass auch die Lehrerschaft die nötige Anerkennung für ihre großen Anstrengungen erfahren möge. Das war eine durchaus auch aktuell zu verstehende Replik. Immerhin stehe die sanierte grüne Schule weiter „ihren Mann“ als Bildungsstandort, wobei vor allem die weibliche Lehrerschaft dies im Umzug auch sinnbildlich zum Ausdruck brachte. Alle Lehrerinnen der 1. Oberschule hatten die gleichen, modisch-grünen Hüte auf, und das war einerseits ein Verweis auf die „grüne“ Schule, andererseits auch auf ein sehr gut funktionierens Kollegium.

An der St. Annen Kirche sammeln sich die Blumenkinder.
An der St. Annen Kirche sammeln sich die Blumenkinder. © Matthias Schumann

Wer lange genug dabei ist, weiß, dass auch das Forstfest mit seiner jahrhundertealten Tradition selbst sehr teambildend wirken kann. Auch die Schüler und Lehrer der Grundschule Schönteichen in Brauna werden dies zu spüren bekommen. Sie waren nach der Gemeindefusion mit Kamenz zum ersten Mal im Zug dabei. „Schön, dass sie dabei sind“, sagte Ilona Träber. Unter dem Beifall des vollen Marktplatzes.

Mehr zum Thema Kamenz