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Kamenzer fotografiert Wolfsangriff auf Muffelwild

Uwe Mittrach joggt gern in der Nähe von Wohla. Jetzt hatte er eine Kamera dabei und einfach mal drauf gehalten.

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Von Frank Oehl

Uwe Mittrach ist ein eher ruhiger Zeitgenosse. Was er aber am vergangenen Sonntagmorgen erlebte, bringt ihn auch heute noch emotional auf Touren. Kein Wunder: Es war eine Begegnung der etwas anderen Art. Sein Gegenüber war ein panisch fliehendes Mufflon-Rudel, dem ein Wolf nachstellte. So wurde der 46-Jährige Zeuge einer Isegrim-Attacke am helllichten Tage. Wenn das nicht bewegt!

Doch der Reihe nach: Der OSSV-Ausdauersportler aus Kamenz läuft auch bei zweistelligen Minusgraden gern über die Hügel südlich der Stadt. Die 18-km-Runde führt ihn öfter auch auf den Wohlaer Berg, wo er sich ins Gipfelbuch einträgt. Neulich mit der Bemerkung: „Sieben Wildschweine gesichtet.“ Der naturbegeisterte Jogger („Wenn ich laufe, schaue ich mich auch gern in der Landschaft um.“) hatte sich am 5. Februar extra eine kleine Kamera aus dem Supermarkt eingesteckt, weil er zuvor bereits Muffeltiere entdeckt hatte. Die wurden hier ab Mitte der 70er-Jahre vom Hochstein aus eingebürgert.

Ein Adrenalin-Ausstoß

Und siehe: Als sich Uwe Mittrach in der Nähe des alten Marktsteiges bei Wohla befand, jagte gegen 8.10 Uhr plötzlich vom Waldrand her ein ganzes Rudel Mufflons auf ihn zu. „Ich merkte gleich: Das ist etwas Außergewöhnliches.“ Tatsächlich wurde die große Gruppe von einem „wolfs- oder hundeähnlichen Tier“ verfolgt. „Sofort schoss Adrenalin durch meinen Körper.“ Als das Rudel nur noch etwa 30 Meter entfernt war, machte sich der Jogger bemerkbar. „Ich schrie irgend etwas!“ Mit der aus der Rückentasche gefischten Kamera verfolgte Mittrach das Geschehen: Isegrim (inzwischen hat auch der Wolfsexperte des Jagdverbandes bestätigt, dass es sich um einen Wolf handelte) griff sich ein Tier aus der Gruppe, indem er es mehrfach an den Hinterläufen attackierte. Das ist ungewöhnlich, könnte aber auch in der besonderen Situation begründet sein. Der Wolf isolierte das (wie sich später herausstellte) trächtige Muttertier und trieb es in hoher Geschwindigkeit ins Fichtendickicht zurück. Uwe Mittrach nahm nach einer kurzen Schockstarre allen Mut zusammen und folgte übers Feld. „Ich dachte: Vielleicht zeigt er die Zähne?“ Aber bis ins dichte Unterholz war der Jogger dem wilden Tier dann doch nicht gefolgt.

Artgerecht gerissen

Uwe Mittrach war anschließend Gast beim politisch-karnevalistischen Frühschoppen des KKC im Hotel Stadt Dresden, wo er sein Erlebnis schilderte. Zufällig saß er neben einem Narrenfreund, der die Handynummer eines Jagdpächters dabei hatte. „Eine halbe Stunde später war das tote Tier gefunden.“ Der Wolf hatte das Mufflon artgerecht gerissen, hatte sich aber offenbar durch den nachstellenden Jogger gestört gefühlt. Dies bestätigt auch der zuständige Jagdpächter, Dietrich Schniebel aus Wiesa, der mit vor Ort war. „Die Untersuchung zeigte Reißzähne von 4,5 Zentimetern Länge.“ Für Schniebel nichts Ungewöhnliches mehr. „Den ersten Wolfsriss bei Wohla hatte es am 16. April 2010 gegeben, nur 50 Meter von einem Haus entfernt.“ Seit fast 40 Jahren jage er in seinem Pachtgebiet, seit etwa zwei Jahren haben die Risse deutlich zugenommen. Dreimal seien auch Hunderisse dabei gewesen, die Mehrzahl aber stammte vom Wolf, der nun auch hier heimisch geworden ist.

Die Freude darüber hält sich in Grenzen. „Dass wir Jäger in dieser Frage eine schlechte Lobby haben, könnte man ja noch gelten lassen“, sagt Schniebel. Es könne aber nicht sein, dass die Schafhalter vom Freistaat, der die Wiedereinbürgerung ja befürwortet, im Regen stehen gelassen werden. „Sie werden zur Gatterpflicht verdonnert, kriegen aber nur 60 Prozent der Kosten erstattet. Das geht nicht.“

Schniebel sieht den Wolf weder als Jagdkonkurrenten, noch will er ihn dämonisieren. „Es ist eine wirklich interessante Tierart.“ Darüber dürfe aber nicht auf dem Alexanderplatz in Berlin abgestimmt werden, sondern nur vor Ort. Die 70 Quadratkilometer der Königsbrücker Heide würden durchaus gute Lebensbedingungen ermöglichen, in alle Wälder unserer Zivilisation gehöre der Wolf aber nicht.

Und die These von der „Gesundheitspolizei im Wald“ lässt Schniebel in Bezug auf Isegrim auch nicht gelten. Das Erlebnis des Kamenzer Joggers bestätigt ihn darin. „Der Wolf hat kein schwaches Tier erwischt, sondern ein trächtiges.“ Wozu habe man die Mufflons angesiedelt, wenn sie jetzt dem Verzehr preisgegeben werden? „Der Wolf braucht zwei bis vier Kilo Frischfleisch pro Tag.“ Da könne man sich ausrechnen, wann das letzte Mufflon dran glauben muss. „Ich denke, es geht auch um die Erhaltung eines artenreichen Wildbestandes“, fragt der Jagdpächter. In der Lausitz habe sich das Muffelwild bislang bloß als leichteste Beute für den Wolf erwiesen. Weil es nicht wie „das Rehwild eine Fluchtdistanz von 500 Metern“ habe, sondern „sich stelle“. Wie das geht, hat auch ein Kamenzer Jogger am vergangenen Sonntag eindrucksvoll demonstriert bekommen.