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Kamenzer Jugend schafft sich Raum

Lieber im eigenen Club Spaß haben, als auf der Straße abhängen: Im Neubaugebiet von Kamenz gibt es jetzt eine Alternative.

Von Ina Förster
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Jessi, Jawad und Kristina (v.l.) weihten am Mittwochnachmittag offiziell und stellvertretend für ihre Freunde den neuen Jugendraum im Haus der Begegnung in Kamenz-Ost ein. Sie bezeichnen das Haus selbst als ihr zweites Zuhause. Und freuen sich auch auf ne
Jessi, Jawad und Kristina (v.l.) weihten am Mittwochnachmittag offiziell und stellvertretend für ihre Freunde den neuen Jugendraum im Haus der Begegnung in Kamenz-Ost ein. Sie bezeichnen das Haus selbst als ihr zweites Zuhause. Und freuen sich auch auf ne © René Plaul

Kamenz. Früher schaute Kristina auch ab und zu am Macherplatz vorbei. Dort trifft sich aktuell die Kamenzer Jugend. Man hat Spaß, manchmal ziemlich lauten. Oft auch lange. Und ab und zu geht dabei etwas zu Bruch – leere Flaschen oder ganze Freundschaften. Dann kracht es gewaltig oder einer bekommt etwas auf die sprichwörtliche Mütze. Einige Anwohner sind genervt, auch die Polizei muss hin und wieder Streife fahren. Es gab auch schon Einsätze mit dem Rettungswagen vor Ort. Die Bilder der Generationen gleichen sich. Nicht alles war früher besser. Auch da gab es immer schon Orte, vor denen uns unsere Eltern gewarnt haben. Und man ging trotzdem hin.

Heute sitzt Kristina mit ihren Freunden dennoch lieber im Clubraum an der Weißmantelstraße 3. Dessen Wände hat sie in mühsamer Kleinstarbeit mit angemalt nach der Schule. Und dekoriert, liebevoll eingerichtet. „Ist echt gemütlich geworden“, wirft sie den Blick in die Runde. Stolz klingt aus ihren Worten. Das hier haben die Jugendlichen ohne fremde Hilfe hinbekommen. Das meiste jedenfalls. Ihre Freundin Jessi nickt. Zuvor war der Raum vollgestellt mit ausrangierten Dingen. Die neue Nutzung finden alle cool. An den Abenden und am Wochenende trifft man sich seit vielen Jahren im Haus der Begegnung. Kamenzer, Russen, Kasachen, Usbeken, Spätaussiedler. Und es wird immer internationaler. Seit Ende der Neunziger ist das Haus eine feste Größe im Wohngebiet Kamenz-Ost. Vieles ist hier möglich. Theater-AG, Back-Nachmittage, Hausaufgabenbetreuung, monatliche Geburtstags-Runden, Faschingspartys. Draußen locken Sportangebote, ein Basketballplatz und mehr. Und neuerdings eben auch der kleine Jugendklub. Zusammen mit anderen verbringen zwei Handvoll Mädchen und Jungen fast täglich nach der Schule ihre Freizeit. Spielen Uno auf der Decke auf dem Fußboden, hören Musik. Oder schließen ihre PS 3 an. Auch ein Tisch-Kicker steht bereit. Keiner quatscht rein, keiner sagt ihnen, was als Nächstes zu tun ist. „Außerdem ist es wärmer als auf der Straße“, sagt die 16-Jährige.

Gemütlich zum Abhängen, Spielen, Quatschen und Chillen – der neue Raum wurde an einem Wochenende von den Jugendlichen selbst renoviert. Darauf ist man stolz.
Gemütlich zum Abhängen, Spielen, Quatschen und Chillen – der neue Raum wurde an einem Wochenende von den Jugendlichen selbst renoviert. Darauf ist man stolz. © René Plaul

Im Haus der Begegnung hat die Jugend ein offenes Ohr. Am Mittwoch präsentierte der Verein sein neuestes Projekt. „Freizeit macht stark“, titelt es und wird vom Europäischen Sozialfonds gefördert. Seit November 2018 läuft es und dauert bis Oktober 2020. „Wir hoffen natürlich, dass es weiter geführt werden kann“, heißt es in einem Einführungsvortrag. Von 15 bis 20 Uhr steht die Tür wochentags offen. Nach Bedarf etwas länger. Edith Ewert macht das als Projektbetreuerin möglich. Sie kennt das Haus der Begegnung wie ihre Westentasche. Und auch viele der Jugendlichen, die hier seit Kindesbeinen an ein- und ausgehen. Kristina ist eine davon. Sie leitet sogar die Theater-AG für Kinder. „Solche Leute brauchen wir, auf die kann ich mich verlassen“, meint Edith Ewert. Und Kristina zieht andere mit ihrem Enthusiasmus und ihrer Lebenfreude mit. Doch es gibt Regeln im Haus: Kein Alkohol auf dem Gelände. Keine Drogen. Dafür ist aber jeder willkommen. „Wir sind offen für alle. Egal welcher Herkunft man ist, egal, ob man in Kamenz-Ost wohnt, in der Altstadt oder auf dem Dorf“, so Edith Ewert. Anmelden braucht man sich auch nicht vorher. Wer Lust hat, zu kommen und mal reinzuschnuppern, kann das einfach tun. Für 30 Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre ist das Projekt zugeschnitten. Auch Sonderaktionen wird es noch im Jahresverlauf geben. Die Ideen dazu kommen von den jungen Leuten selbst.

Im Jugendraum wird unterdessen das Schwarzlicht ausprobiert. „Das sieht abgefahren aus“, schwärmen Kristina und Jessi. Jawad, der im Kamenzer BSZ lernt, kann das nur bestätigen. „Wir wollen nicht auf der Straße rumhängen, und bis hoch in die Stadt zu laufen, ist uns echt zu weit“, sagt er. „Außerdem steht das Haus abseits, niemand stört sich hier an zu lauter Musik“, weiß Jessi. Die Kids haben sich einen eigenen Rückzugsort geschaffen. Auf den wird man aufpassen, den wird man würdig behandeln. Neue Gesichter willkommen.

Kontakt: Telefon: 03578 310432

Mail: [email protected]