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Kamenzer Raum schrumpft

Studie. Die Städte in der Region werden in Zukunft weniger und zugleich ältere Einwohner haben.

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Von Iris Hellmann &Reiner Hanke

Großröhrsdorf und Kamenz altern rasant. Im Jahr 2020 wird sich die Zahl der Einwohner, die 80 Jahre oder älter sind mehr als verdoppeln. Gleichzeitig geht in beiden Städten die Einwohnerzahl zurück. Das prognostizieren Experten der Bertelsmann-Stiftung, die deutsche Städte und Kommunen zur Bevölkerungsentwicklung untersucht haben. Kamenz und Großröhrsdorf wurden dem Typ „Schrumpfende und alternde Städte und Gemeinden mit hoher Abwanderung“ zugeordnet.

Fachleute wandern ab

Bau- und Immobilienexperte Wolfgang Taufkirch kann die trockene Statistik aus eigener Erfahrung bestätigen. Seine Gesellschaft kauft, baut und verwaltet Eigenheime nördlich von Dresden. Eigentlich seien gerade die ländlichen Gebiete mit Ruhe, Natur und Platz für Zuzügler aus der Großstadt interessant, sagt Taufkirch. Aber: „Nach Großröhrsdorf ist der Interessentenstrom von Dresden weitaus geringer als beispielsweise nach Wachau“, so der Geschäftsführer. Ursachen dafür gebe es sicher viele, aber in einem seien sich die Kaufinteressenten einig gewesen, sagt Wolfgang Taufkirch: „Die Straße von Radeberg nach Großröhrsdorf ist zu schlecht.“ Laut Prognose der Bertelsmann-Stiftung wird die Bevölkerungszahl von Großröhrsdorf bis zum Jahr 2020 um 8,1 Prozent zurückgehen, in Kamenz sogar um 9,8 Prozent: „Auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit und geringen wirtschaftlichen Potenziale wird der Alterungs- und Abwanderungsprozess der gut gebildetet Fachkräfte und Akademiker anhalten.“

Großröhrsdorf und Kamenz teilen sich die düstere demographische Prognose laut Studie mit 70 Prozent der Ost-Kommunen. So fallen im Landkreis sogar sechs von acht Kommunen in diese Kategorie (Kasten). Darunter auch Radeberg und Pulsnitz. Insbesondere bei der Bevölkerungsentwicklung fällt das Resümee dort aber nicht so dramatisch aus. Pulsnitz wird sogar eine „stabile Entwicklung“ bei der Bevölkerung bescheinigt Bürgermeister Rückwardt sieht mehrere Gründe für die Einschätzung der Experten: Die Geburtenzahlen hätten sich zwischen 50 und 60 Babys pro Jahr stabilisiert. Außerdem könne die Stadt bei den Zuzügen ein Plus verbuchen: „Das hängt auch mit der gut entwickelten Infrastruktur zusammen“, so Rückwardt. Die Stadt habe zum Beispiel viel Geld in die Bildungseinrichtungen gesteckt. Die beiden großen Kliniken spielen in dem Faktorenmix ebenso eine Rolle wie die Nähe zu Dresden. Wo Licht ist, gibt es auch Schatten. Pulsnitz altert bis 2020 stärker als der Kreisdurchschnitt. Der werde bei 48 Jahren liegen, in Pulsnitz bei 51. Die über 80-Jährigen verdreifachen sich sogar. Aus der Reihe tanzen nur die Stadt Wittichenau und Ottendorf-Okrilla. Sie landeten in anderen Kategorien. Die Perspektiven werden aber nur unwesentlich besser eingeschätzt. In Wittichenau zum Beispiel verbunden mit dem größten zu erwartenden Bevölkerungswachstum der betrachteten Kommunen von gut 3 Prozent.

Dem Problem stellen

In Großröhrsdorf will man sich jetzt den Problemen stellen. Noch in diesem Jahr soll eine Belegarbeit zu Handlungsmöglichkeiten erstellt werden. Bei der jüngsten Ratssitzung sprach Stadtrat Robert Fuchs (SPD) das Thema an. Er sieht in der Bertelsmann Studie eine Daten-Grundlage, mit der man für die Zukunft planen kann. „Großröhrsdorf hat Möglichkeiten, zu reagieren, wir sind im stadtnahen Gebiet, und können von der Nähe zu Dresden profitieren“, ist Fuchs überzeugt.

Jens Gebert vom Projektteam der Bertelsmann-Stiftung denkt: „Unsere Ergebnisse sollen Anregung sein, sich damit auseinander zu setzen“, so Gebert. Im lokalen Bereich komme man um das Thema Bevölkerungsentwicklung nicht herum.