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"Der Kampf ist nicht zu gewinnen"

Der Borkenkäfer zerstört die Wälder im Landkreis. Die Folgen erläutert Sylvia Knote, Leiterin des Kreisforstamtes, im SZ-Interview.

Kreisforstamtsleiterin Sylvia Knote (rechts) und Jenny Lämmerhirt, Sachbearbeiterin Waldschutz, schauen sich in einem Wald zwischen Kodersdorf und Königshain eine vom Borkenkäfer befallene Fichte an.
Kreisforstamtsleiterin Sylvia Knote (rechts) und Jenny Lämmerhirt, Sachbearbeiterin Waldschutz, schauen sich in einem Wald zwischen Kodersdorf und Königshain eine vom Borkenkäfer befallene Fichte an. © SZ-Archiv / Nikolai Schmidt

Der Winzling ist nur wenige Millimeter groß. Und doch legt er ganze Wälder lahm: Die Massenvermehrung des Borkenkäfers führt erneut zu einem Negativrekord befallener Baumbestände. Der Wald im Kreisgebiet – geschwächt durch Dürre-Sommer und fehlenden Niederschlag – stirbt durch den Schädling großflächig ab. Als wäre das nicht schlimm genug, macht auch Corona den Waldbesitzern zu schaffen. 

Die SZ sprach mit Sylvia Knote, Leiterin des Kreisforstamtes, zur aktuellen Lage:

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Der Winter war viel zu mild. Hat das auch etwas mit der Vermehrung der Borkenkäfer zu tun?

Grundsätzlich sind Insekten darauf eingestellt, einen kalten Winter gut zu überleben. Höhere Temperaturen in dieser Jahreszeit wirken sich eigentlich eher negativ aus, weil sich Insekten, schädigende Parasiten und Pilze stärker vermehren. Der Borkenkäfer überstand allerdings das warme Winterwetter gut. Die milden Temperaturen hatten keine nachteiligen Auswirkungen auf seine Population. Leider. Die Lage ist und bleibt äußerst kritisch.

Wie massiv sind aktuell die Schäden?

Wir sind zuletzt von etwa 300.000 Festmetern Schadholz im Kreisgebiet ausgegangen. Doch es ist sogar mehr geworden, als befürchtet. Mittlerweile wurden 358.000 Festmeter Schadholz registriert. Das entspricht einer Kahlfläche von bis zu 1.200 Hektar. Dazu kommen noch die Sturmschäden durch Sturmtief „Sabine“ im Februar. Rund 6500 Festmeter Holz sind davon betroffen. Problematisch ist außerdem die Witterung, also die Dürre der letzten beiden Jahre, die sich bei Kiefer, Lärche und Laubholz abzeichnen.

Und wie wirkt sich das auf Umwelt und Natur aus?

Ein Borkenkäfer krabbelt auf einem entrindeten Fichtenstamm im Forst.
Ein Borkenkäfer krabbelt auf einem entrindeten Fichtenstamm im Forst. © dpa-Zentralbild

Wald hat eine wichtige Funktion für das Klima. Die Luft wird durch den Waldbestand gefiltert. Ohne Bäume fehlt dieser Filter. Auch für den Boden ist das schlecht. Offener Boden auf Berghängen und Kuppen trocknet rasant schnell aus. Erde wird ohne Bewuchs durch den Wind abgetragen und durch Niederschlag weggespült, wenn die Oberfläche ausgetrocknet ist. Besonders betroffene Gebiete sind unter anderem die Königshainer Berge, die Region Kottmar, das Königsholz und der Zittauer Bereich. Die Einschnitte sind groß, einige Bergkuppen bereits völlig kahl. Lebensraum für die Fauna – Insekten, Vögel, Waldtiere – geht verloren.

Was kann in dieser brisanten Lage überhaupt getan werden?

Die Erkenntnis ist wirklich bitter: Der Kampf gegen den Borkenkäfer ist wohl nicht zu gewinnen. Die „chemische Keule“ würde nicht funktionieren. Der Käfer sitzt unter der Rinde und da hilft kein Besprühen aus der Luft. Wichtig wäre, dass das befallene Holz so schnell wie möglich aus dem Wald rauskommt. Die Waldeigentümer arbeiten unter Hochdruck, was große Anerkennung wert ist.

Jedoch wird es aufgrund der dramatisch gefallenen Holzpreise für sie immer schwieriger, die Schadensbeseitigung kostendeckend durchzuführen. Wir haben in diesem Jahr Vorrang-Gebiete festgelegt, wo einiges an Beständen gerettet werden könnte. Das sind zum Beispiel Regionen bei Neusalza-Spremberg, Lawalde und Strahwalde, Herrnhut. Dort wird Sachsenforst die Privatwaldbesitzer bei der Schadholzberäumung mit Holzeinschlag und Rückung durch forstliche Unternehmen unterstützen.

Welche Maßnahmen greifen überhaupt noch für die Zukunft?

Bei kleineren Flächen wird mit der so genannten Naturverjüngung gearbeitet. Das heißt, die Bäume säen sich selbst aus. Laubhölzer sollen möglichst stehen gelassen werden, um die Bodenstabilität herzustellen. Es geht um einen schnellen Waldumbau. Birken gelten als „Amme des Waldes“, da sie schnell wachsen, den Boden bedecken und ein Klima für nachfolgende Jungpflanzen schaffen. Eichen, Roteichen, Buchen, Linden können gepflanzt, Mischbestände statt Monokulturen geschaffen werden. Die letzten 30 Jahre wurde bereits verstärkt auf Mischbestände gesetzt. Nun kommt auch noch die Corona-Krise dazu.

Gibt es dadurch zusätzliche Schwierigkeiten?

Im Wald darf weiter,  unter Einhaltung der geforderten Voraussetzungen,  gearbeitet werden. Sicher gibt es aber auch Auswirkungen, die sich im Moment nicht in Zahlen messen lassen. Das befallene Holz muss aus dem Wald raus. Zwei Drittel der Gesamtmenge an befallenem Holz konnten durch die Forstbetriebe bisher aufgearbeitet werden. Forstunternehmen, die polnische Mitarbeiter beschäftigen, haben es schwer, wenn ihre Leute nun nicht mehr über die Grenze kommen, weil sie in ihrem Land 14 Tage in Quarantäne bleiben müssen.

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Das  Gleiche gilt für die Holzindustrie. Da fehlen die Arbeitskapazitäten. Das Sächsische Umwelt- und Landwirtschaftsministerium bemüht sich deshalb, dass die Holzindustrie als systemrelevant eingestuft wird. Für polnische Staatsbürger sollen entsprechende Regelungen greifen, damit sie problemlos in Deutschland weiter arbeiten können. Einschränkungen sind auch marktbedingt zu erwarten, wenn Holzprodukte in Nachbarländer und in die USA nicht mehr abgesetzt werden können. Das wiederum hätte einen geringeren Holzeinschlag zur Folge, weil der Rohstoff von den verarbeitenden Unternehmen nicht abgenommen wird. Damit können sich ebenfalls negative Auswirkungen für die Schadholzberäumung ergeben.

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