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Streit um Kletterwand für Behinderte

Im Plauenschen Grund schufen zwei Dresdner eine weit und breit einzigartige Kletteranlage. Nun jedoch fordert das Umweltamt die Entfernung der Griffe.

Hier hat es sich vorerst ausgeklettert: Beate Lange und Jost Hartmann sind enttäuscht.
Hier hat es sich vorerst ausgeklettert: Beate Lange und Jost Hartmann sind enttäuscht. © Sven Ellger

Dresden. Das hätten sie auch nicht gedacht, dass sie selbst mal Absperrgitter vor "ihren" Felsen stellen würden. Absperrgitter, die sagen: Hier wird vorerst nicht mehr geklettert. Womöglich nie wieder.

Unter Insidern trägt die Felswand im Plauenschen Grund nahe der Grenze zu Freital den Namen "Prothesenwand". Ein wenig sehnsüchtig schaut Beate Lange nach oben. "Jahrelang war ich mindestens zweimal in der Woche hier", sagt die 63-jährige Dresdnerin. "Vielleicht könnte ich schon nicht mehr laufen, wenn ich das nicht gemacht hätte."

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Als die Ärzte bei ihr Multiple Sklerose diagnostizierten, folgte nach dem Schock schnell der dringende Wunsch, auch weiterhin klettern zu wollen. Bald hatte sie gemeinsam mit ihrem Partner Jost Hartmann die Idee, in Dresden eine Klettermöglichkeit im Freien, speziell für Behinderte, zu schaffen. 

Jahrelang kletterte Beate Lange mehrmals in der Woche an der Felswand.
Jahrelang kletterte Beate Lange mehrmals in der Woche an der Felswand. © privat

"Bis dahin konnten Behinderte nur die Kletterhallen nutzen und die kosten Geld", sagt Beate Lange. Im Plauenschen Grund fanden die beiden im Jahr 2014 die scheinbar perfekte Stelle. Ein Stück besonders stark zerklüftete Felswand, fünf Meter breit und etwa 15 Meter hoch. Besonders wichtig: Der Fels liegt direkt an einer frei zugänglichen Straße mit wenig Verkehr. Außerdem war das Gelände damals noch in privater Hand und der Eigentümer habe die Nutzung geduldet.

Also machten sich die Kletterfreunde ans Werk, räumten Müll und die eine oder andere Pflanze beiseite und schufen gemeinsam mit Helfern den womöglich einzigen Kletterfelsen für Behinderte in ganz Deutschland, wie sie nicht ohne Stolz betonen. Dafür schraubten sie etwa 200 große Griffe und einige Haken in die Felswand. Am Fuß der Wand stellten sie einen selbst zusammengebastelten Tisch und zwei Bänke auf und brachten ein Schild am Fels an, demzufolge die Nutzung der Kletteranlage für versehrte und behinderte Menschen gedacht sei.

Sechs Jahre lang wurde die Kletterwand daraufhin eifrig genutzt. Menschen mit Down-Syndrom, Lähmungen und Amputationen konnten hier das Gefühl der Freiheit genießen. Sogar ein Gipfelbuch hinterlegte Initiator Jost Hartmann. Die Behindertenklettergruppe des Sächsischen Bergsteigerbundes war hier genauso zu Gast wie der Polizistennachwuchs. Die Dresdner Berufsfeuerwehr nutzte die Wand für Höhenrettungsübungen.

Das war der romantische Teil der Geschichte. Seit nun jedoch die Stadt das Areal übernommen hat, ist es mit dem Kletterfrieden vorerst vorbei. Im Januar gab es einen Vororttermin, zum dem neben den Initiatoren und einem Vertreter des  Bergsteigerbundes auch Mitarbeiter der Stadt aus dem Grünflächen- und Umweltamt erschienen. Das Ergebnis: Die Kletteranlage ist ein unzulässiger Eingriff in ein geschütztes Felsbiotop.

Das "Zutritt verboten"-Schild ist bereits verschwunden.
Das "Zutritt verboten"-Schild ist bereits verschwunden. © privat

Zwei Wochen später ließ die Stadt die Absperrgitter in die Felswand schrauben und ein Schild mit der unmissverständlichen Botschaft anbringen: "Zutritt verboten! Lebensgefahr!"

Zwar verschwand das Schild bald darauf wieder und die Gitter werden von Unbekannten regelmäßig zur Seite gerückt - doch für Beate Lange und Jost Hartmann ist klar, dass sie sich an die Sperrung halten. Auch das Gipfelbuch haben sie eingesammelt. "Wir wollen keinen Ärger", sagt Hartmann, "aber ich will auch den Felsen nicht aufgeben". Seine Freundin ergänzt: "Immer heißt es, man wolle so viel für Behinderte tun. Und dann passiert so etwas."

Allerdings ist dies keine Geschichte von der bösen Stadt, die Behinderte schikanieren will. Die Lage ist komplizierter. Zweifellos ist die Felswand aus Monzonit nämlich Teil eines Schutzgebietes. In einem jüngst verschickten Schreiben wirft das Umweltamt daher Jost Hartmann Verstöße gegen das Naturschutzrecht vor und fordert ihn auf, die Griffe von einer Fachfirma beseitigen zu lassen und die Löcher zu verfüllen. 

Bis Ende Mai wurde Beate Lange und ihrem Partner Zeit gegeben, sich zu der Entscheidung zu äußern - was diese auch vorhaben. Sie argumentieren, das sei doch mal ein Steinbruch gewesen und nicht mal natürlich entstanden. "Von den Pflanzen, die hier vermeintlich wachsen sollen, gibt es nichts außer Moos, Flechten und Gras", sagt Beate Lange und verweist auf ihre eigene Fachkenntnis als Agraringenieur.

Und was ist mit dem seltenen Schmetterling namens "Spanische Flagge", dessen Lebensraum dem Umweltamt zufolge durch den Eingriff in die Natur massiv beeinträchtigt worden sei? "Den habe ich erst letztes Jahr hier fotografiert", sagt sie. "Dem geht's gut."

Wurde der Lebensraum der "Spanischen Flagge" durch die Kletterer beeinträchigt?
Wurde der Lebensraum der "Spanischen Flagge" durch die Kletterer beeinträchigt? © privat

Es gehe doch nur um eine im Vergleich winzige Fläche. "Wir hoffen, dass wir unter unseren Kletterfreunden Anwälte finden, die uns helfen können", sagt Beate Lange. Sie selbst seien als EU-Rentnerin und Hartz-IV-Empfänger nicht in der Lage, sich wehren zu können oder einen fachmännischen Rückbau zu bezahlen.

Ob der Streit wirklich vor Gericht gehen muss? Das Umweltamt hat daran wenig Interesse und betont auf SZ-Anfrage, man habe Verständnis für die Enttäuschung der Betroffenen und wolle sich um Lösungen bemühen.

"Zugleich müssen wir jedoch auf die Einhaltung des Bundesnaturschutzgesetzes und des Sächsischen Naturschutzgesetzes achten und handeln, wenn wir einen Verstoß bemerken." Auch wenn sowohl Bohrungen als auch Betrieb der Kletteranlage äußerst problematisch seien, prüfe man nun, "inwiefern Nutzungen möglich sein könnten. Dafür brauchen wir Geduld und verständnisvolle Gespräche."

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Die Stadt hat die speziell für für Behinderte gedachte Kletterwand sperren lassen. Das letzte Wort ist dabei aber noch nicht gesprochen.

Dafür sind auch Beate Lange und Jost Hartmann gern zu haben. Fortsetzung folgt.

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