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Kanadier und Mexikanerin bringen die Kirche mit

Seit anderthalb Jahren kommen Blanca und Gerry Dueck jeden Dienstag zu den Leuten von der Parkbank. Seit gestern mit einem neuen Fahrzeug mit Holzpaneel.

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Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Feldsergeant Gerry hätte heute seinen letzten Arbeitstag. Der 65-jährige gebürtige Kanadier könnte nach 20 Jahren seinen Dienst bei der Heilsarmee quittieren. Doch gerade jetzt denkt er nicht ans Aufhören. Denn die Heilsarmee hat eine neue Kirche auf Rädern bekommen. Die sieht nicht mehr gleich nach dem Kantinenwagen aus, mit dem Gerry und seine Frau Blanca (59), eine gebürtige Mexikanerin, seit Sommer vorigen Jahres auch nach Großenhain auf den Nixplatz kommen. Es ist ein VW-Crafter, der mit Spendenfinanzierung von einer Zirkusfirma umgebaut wurde. Nach wie vor gibt es hier einen Suppenbehälter, aus dem gestern Soljanka ausgeschenkt wurde. Doch im Innenraum ist Platz zum Kaffeetrinken und zum Reden.

Essen ausgeben, reden

Blanca und Gerry reden mit allen, die jeden Dienstag an die Bankreihe kommen. Vorbehalte scheinen sie nicht zu kennen, es ist ihre Berufung. Sie reden zum Beispiel mit Uwe (49). Der Großenhainer hat wie die anderen Männer seine Bierflasche mitgebracht. „Ich komme gern hierher um mich zu unterhalten,“ sagt er. Und überrascht Gerry mit seinen guten Geografiekenntnissen. „Die Passanten haben sich an uns gewöhnt“, sagt Uwe. Die vom Nixplatz sind harmlos, heißt es in der Stadt. Aber andere machen um sie lieber einen Bogen.

Rentnerin Erna findet das ungerecht. „Ich bin alleinstehend, und wenn ich Hilfe brauche, sagt hier keiner Nein.“ Die Männer sind einfach, zugänglich und unterstützen gern. Und Frauen sind auch darunter. „Nicht so eingebildet wie andere Menschen“, so die Rentnerin. Eine warme Mahlzeit würden sich die jungen Männer, die auch hier sind, selbst nicht kochen.

„Kirche muss zu den Menschen kommen“, hat der Gründer der Heilsarmee als Ziel ausgegeben. Denn diese Bedürftigen finden sonst kaum Anschluss, auch nicht an eine Kirchgemeinde. Gerry und Blanca dutzen alle, sie hören sich die Wehwehchen einer korpulenten Frau an, sie laden ein, am 6. Januar wieder da zu sein. „In Meißen sind schon Leute durch uns zum Glauben gekommen“, verkündet Gerry stolz.

Er selbst, christlich erzogen, war auf der Suche nach „echten Christen“, als er in die karitative Heilsarmee eintrat. Auf seinen vielen Reisen lernte er seine Frau in Mexiko kennen. Beide haben zwei erwachsene Kinder, die studieren. Beide bringen viel Herzlichkeit mit. „Ich will diese Leute mögen“, sagt Gerry Dueck, und er muss sich bestimmt nicht dazu zwingen. Er umarmt sie vielmehr. Wie einst Jesus als Wanderprediger.

Dieses Fahrzeug fällt auf

Anderthalb Stunden steht die „Kirche auf Rädern“ auf dem Nixplatz. Dann fahren die Duecks ohne Eile nach Meißen zurück, wo sie stationiert sind. Seit sechs Jahren ist das nun ihr Zuhause. Es gefällt den Duecks, mit der rollenden Kirche aufzufallen. Im 30 bis 40-Kilometer-Radius fahren die beiden noch andere Kleinstädte an. Die Begleitung der unterschiedlichen Bedürftigen beginnt einfach schon beim Zuhören und Zuwenden. Auch wenn kleine leere Schnapspullis im Gebüsch liegen und oft geraucht wird.