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Kanzlerin ist froh über Kaesers Entschluss

Der Siemens-Chef belohnt Görlitz für seinen Widerstand gegen Streichpläne. Das freut Angela Merkel.

Siemens-Mitarbeiter Martin Nitsche (re.) und Felix Kohlsdorf (2. v. re.) trafen gestern mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Sachsens Premier Michael Kretschmer zusammen.
Siemens-Mitarbeiter Martin Nitsche (re.) und Felix Kohlsdorf (2. v. re.) trafen gestern mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Sachsens Premier Michael Kretschmer zusammen. ©  Nikolai Schmidt

Felix Kohlsdorf hatte sich gut vorbereitet auf dieses Treffen. Seit einigen Tagen wusste der 18-jährige Görlitzer, dass er an diesem Montagnachmittag die Kanzlerin sprechen würde. Er übte vor dem Spiegel, ihm kam zugute, dass er gern redet. So erklärte er der Kanzlerin zusammen mit seinem Vorarbeiter Martin Nitsche 20 Minuten lang Details an einem großen Fertigungsautomaten für die Turbinenschaufelproduktion.

Sie sei nett gewesen, aufgeschlossen, habe sich interessiert gezeigt, sagen die beiden anschließend den Journalisten. Sonst kenne man sie ja nur aus dem Fernsehen. „Und angesichts der Berichte über ihren Gesundheitszustand“, fügt noch Martin Nitsche an, „habe sie einen vitalen Eindruck gemacht“. Die Kanzlerin wird nach einer Belegschaftsversammlung später von hochmotivierten, gerade auch jungen Mitarbeitern sprechen.

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„Jede gute Idee ist willkommen“

Kohlsdorf lernt seit knapp zwei Jahren den Beruf eines Zerspanungsmechanikers im Görlitzer Siemens-Werk. Kaum hatte er seine Ausbildung im Herbst 2017 begonnen, da drohte auch schon wieder das Ende. Denn der Siemens-Konzern gab im November 2017 bekannt, dass er das Görlitzer Werk stilllegen wolle. Dieser Schritt war Teil des Umstrukturierungsprozesses, mit dem Siemens auf den dramatischen Wandel in der Energiebranche reagieren musste. Große Dampf- und Gasturbinen finden kaum noch Absatz. Die werden zwar im Görlitzer Werk gar nicht produziert.

Doch die rund 950 Mitarbeiter sollten trotzdem dem Rotstift zum Opfer fallen. Seitdem ist viel passiert. Görlitz und das Siemens-Werk wurden deutschlandweit zum Symbol beim Kampf gegen die Streichpläne und für den Erhalt von Industriearbeitsplätzen, zu denen in Görlitz auch die Bombardier-Mitarbeiter zählen. Das merkt man auch an diesem Montag: Fast jeder namhafte Fernsehsender in Deutschland hat ein Journalisten-Team nach Görlitz geschickt, Reporter vom Deutschlandfunk und Spiegel sind genauso vor Ort. Zu der Erzählung vom geschickten Widerstand der Görlitzer, der auch Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser beeindruckte und dazu führte, dass Görlitz nun zur weltweiten Siemens-Zentrale für Industriedampfturbinen wurde, kommt in diesen Tagen mindestens eine zweite hinzu: Wirtschaft und Politik wollen zeigen, dass ihre Zusagen an Randregionen wie Görlitz nicht Schall und Rauch sind. Es sei ein Signal an alle, die den Menschen einreden würden, es ginge alles bergab. „Wir schaffen wirkliche Alternativen für Ostsachsen und Görlitz“, sagt Kaeser. 

„Es ist keine Garantie, aber eine enorme Chance, die sich die Menschen in Görlitz verdient haben.“ Der Siemens-Chef ist für seine klaren politischen Aussagen bekannt. Nachdem er die Seenotrettung im Mittelmeer verteidigt hatte, wurde am Wochenende bekannt, dass er eine Morddrohung per E-Mail erhalten habe.

Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser reiste in der Arbeitskampfzeit selbst zweimal nach Görlitz. Am gestrigen Montag bereits zum dritten Mal innerhalb von eineinhalb Jahren. Doch der Charakter seiner Visite unterschied sich grundlegend von den beiden anderen. „Dies ist ein guter Tag für Görlitz“, erklärte Kaeser vor der Belegschaft. Neben dem Geschäft mit den Industriedampfturbinen will Siemens in Görlitz nun weitere Standbeine aufbauen. 

Zusammen mit Partnern aus der Forschung wie Fraunhofer und aus der Wirtschaft. So lud Kaeser kleine, neu gegründete Unternehmen ein, sich in dem künftigen Innovationscampus anzusiedeln und an der Industrieentwicklung nach der Kohlezeit zu beteiligen. „Jeder, der eine gute Idee hat, ist willkommen“, sagte Kaeser. Der Schwerpunkt soll auf der Digitalisierung, der Automatisierung und der Energietechnik liegen. Siemens will dabei auch mit gutem Beispiel vorangehen und das Görlitzer Werk bis 2025 zu einer Kohlendioxid-neutralen Fabrik umbauen, indem Energie reduziert und Wärme aus der Produktion verwendet wird.

Unterschrieben eine Absichtserklärung für den Innovationscampus: Siemens-Forschungschef Armin Schnettler, Ministerpräsident Michael Kretschmer und Fraunhofer-Präsident Professor Reimund Neugebauer (v. li.).
Unterschrieben eine Absichtserklärung für den Innovationscampus: Siemens-Forschungschef Armin Schnettler, Ministerpräsident Michael Kretschmer und Fraunhofer-Präsident Professor Reimund Neugebauer (v. li.). ©  Nikolai Schmidt

Vor allem aber soll in Görlitz an der Wasserstoffwirtschaft geforscht und gearbeitet werden, der Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer eine große Zukunft verheißt. Tatsächlich wird überall daran gearbeitet, Wasserstoff als Antrieb bei Fahrzeugen einzusetzen, bei der Speicherung von Energie und auch in der Stahlindustrie, wenn dort künftig Kohle und Koks ersetzt werden müssen. Um „grünen“ Wasserstoff in großem Maße aber verwenden zu können, muss viel Ökostrom produziert werden. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, spricht etwa vom Fünffachen der gegenwärtigen Wasserstoff-Menge. 

Dass dafür auch Windparks und Sonnenkollektoren in großem Maßstab nötig sind, ist an diesem Tag kein großes Thema. Für deren Akzeptanz bei der Bevölkerung zu werben, muss ein andermal geschehen. Für alle die Einsatzgebiete für Wasserstoff gibt es mittlerweile in Sachsen und Brandenburg Testvorhaben, die nun mit den Geldern des Kohleausstiegs umgesetzt werden sollen. „Wir verwenden die zugesagten 40 Milliarden Euro sehr klug“, wird Kretschmer an diesem Nachmittag nicht müde zu erklären, weiß er doch, wie umstritten die Gelder sind. Auch außerhalb der Kohleregionen würden sich Bundesländer über solche Summen freuen. 15 Millionen Euro gibt der Freistaat zu dem Siemens-Innovationscampus in Görlitz in den nächsten fünf Jahren dazu, Siemens investiert dieselbe Summe. 

Die Fraunhofer-Gesellschaft, die 2.200 Wissenschaftler an acht Instituten in Sachsen beschäftigt, sieht Görlitz daher auch als Teil, um eine neue Wertschöpfungskette zu kreieren. Mit den Worten Kretschmers: „Wir haben nur eine Chance, wenn wir besser und innovativer als andere sind und unsere Produkte auf den Märkten weltweit verkaufen können“.

Zukunft für die jungen Mitarbeiter

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Während die Politiker von einer Halle zur nächsten gehen, raucht Matthias Hentschel derweil seinen Pausen-Zigarillo. Seit über 40 Jahren ist er im Siemens-Werk tätig, jetzt als Turbinenmonteur. Er findet die Zukunftsprojekte für den Görlitzer Standort richtig. „Wenn Sie überlegen, dass wir vor zwei Jahren noch zugemacht werden sollten, dann ist das doch allemal besser.“ Industriedampfturbinen würden zwar immer gebraucht, weil in der Produktion Wärme entsteht, die über Turbinen abgeleitet wird. Aber ein zweites Standbein kann nicht schaden, auch wenn es ihn selbst kaum noch betrifft, weil er bald in Ruhestand gehen wird. „Aber die jungen Leute brauchen doch eine Zukunft.“ Leute wie Felix Kohlsdorf, die von ihrem Zusammentreffen mit der Kanzlerin noch lange erzählen werden.

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