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Leben und Stil

Kartoffeln vom Balkon

Die Knollen müssen bald in die Erde. Wo man jetzt noch Pflanzgut herbekommt und was beim Anbau zu beachten ist.

Organic vegetables. Farmers hands with freshly harvested vegetables. Fresh bio potatoes
Organic vegetables. Farmers hands with freshly harvested vegetables. Fresh bio potatoes © 123rf

Kartoffeln sind keine Mangelware, auch wenn sie in den vergangenen Tagen nicht überall vorrätig waren. „Wir Erzeuger haben noch genug“, beruhigt Ariane Weiß vom Sächsischen Qualitätskartoffelverband in Leipzig. Die Engpässe im Handel erklärt sie damit, dass jetzt viele zu Hause kochen. „Es gibt jetzt eine enorme Nachfrage nach kleinen Abpackungen, auf die niemand vorbereitet war“, sagt Weiß. Aber die Verteilerzentren hätten bereits reagiert. So würden jetzt zum Beispiel bei Friweika in Weidensdorf bei Glauchau in drei statt zwei Schichten Kartoffelnetze für den Hausbedarf abgepackt.

Die 70 Mitgliedsbetriebe des Qualitätskartoffelverbandes bauen nicht nur Speisekartoffeln, sondern auch Pflanzkartoffeln an. „Damit sollte man sich rechtzeitig eindecken“, sagt Weiß. Ruft sie jetzt in Zeiten der Krise etwa den Eigenanbau als Versorgungsstrategie aus? Nein, wehrt sie ab, so sei das natürlich nicht gemeint. „Die Lust am Kartoffelanbau ist in den vergangenen zehn Jahren einfach deutlich gestiegen.“ Und zwar unabhängig vom Alter: Bei älteren Ehepaaren, die sich über die Rente freuen und mit ganzer Kraft um den Garten kümmern. Bei jungen Leuten, die auf gesunde Ernährung achten und es hip finden, in der Stadt ihr eigenes Gemüse anzubauen. Und bei Eltern, die ihren Kindern unbedingt vermitteln wollen, wie viel Arbeit in jeder einzelnen Frucht steckt. „Der Absatz ist spürbar gestiegen“, sagt Weiß.

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In normalen Jahren tourt die Fachberaterin mit ihren Kollegen kurz vor der Pflanzzeit über die Wochenmärkte der Region. Sie verkaufen dort zertifizierte Pflanzkartoffeln, geben Empfehlungen zur Sortenauswahl und Tipps zu Anbau, Düngung und Pflanzenschutz. Auch für dieses Frühjahr waren die Termine vereinbart. Corona hat sie alle platzen lassen. Auch Bau- und Gartenmärkte sind als Bezugsquelle für das Pflanzgut weggefallen. „Aber Kunden können auf die Hofläden unserer Mitgliedsbetriebe ausweichen. Die sind geöffnet“, sagt Weiß und verweist auf die Übersicht des Verbandes im Internet. Vielleicht könnten Kleingärtner Sammelbestellungen aus ihrer Sparte aufnehmen, überlegt sie. Dann müsste nicht jeder einzeln fahren. „Wichtig ist, dass die Pflanzkartoffeln jetzt für die Pflanzung vorbereitet werden müssen.“ Zwar gedeihen Kartoffeln auf fast jedem Boden und brauchen nicht viel Pflege. Damit die Pflanzen den gewünschten Ertrag bringen, sollte aber nicht nur der Pflanzzeitpunkt stimmen.

Die Vorarbeit

Bevor die Knollen in den Boden dürfen, müssen sie drei bis vier Wochen lang vorkeimen. Dann treiben sie aus den Keimanlagen, den sogenannten Augen. Nach dem Kauf sollten die Pflanzkartoffeln dafür sofort aus dem Netz genommen und in einem hellen, warmen Raum auf der Fensterbank nebeneinander gelegt werden, damit sie sich nicht gegenseitig das Licht nehmen. „Sie bekommen dann kräftige, kurze, gedrungene Keime“, so Weiß. Die beste Zeit für das Vorkeimen ist jetzt – von Ende März bis Mitte April. Sind die Keime zwei bis drei Zentimeter lang und treibt die Kartoffel aus mindestens drei bis vier Augen, ist sie reif fürs Beet. Mitte April, wenn die Nachtfröste vorüber sind, wird gepflanzt.

Das Beet

Wichtig für einen guten Start ist die Bodentemperatur. Idealerweise beträgt sie mindestens acht Grad Celsius, rät Ariane Weiß. „Der Boden sollte gut durchlüftet und oberflächlich abgetrocknet sein. Nass und kalt mag es die Kartoffel nicht.“ Die Pflanze verbraucht viel Energie. Am liebsten ist ihr humoser und lockerer Boden. Sie gedeiht auch in sandiger Erde, wenn sie ausreichend gegossen wird. Bevor die Knollen mit den Keimen nach oben in die Erde kommen, wird das Beet gegrubbert oder gehackt. Der Reihenabstand sollte 75 Zentimeter betragen. Die Saatkartoffeln werden fünf Zentimeter tief im Abstand von 25 bis 30 Zentimetern in die Erde gelegt. Danach wird angehäufelt. Weil das im Abstand von zwei Wochen zweimal wiederholt wird, entsteht dabei der typische Damm – an seinem Fuß ist er etwa 40 Zentimeter breit, am oberen Ende 20. „Ohne ihn würde die Kartoffel nicht in ihrem Nest bleiben, und die Ausläufer würden sich zu weit im Garten verteilen“, erklärt Weiß. Außerdem bietet er Kälteschutz für späte Nachtfröste.

Die Pflege

Drei Wochen nach dem Pflanzen schauen die ersten Triebe aus der Erde. „Danach ist kaum noch etwas zu tun. Ich muss nicht laufend Unkraut zupfen“, so Weiß. Es reiche aus, gelegentlich den Boden zwischen den Reihen etwas zu harken.

Die Ernte

Je nach Sorte haben Kartoffeln eine unterschiedliche Vegetationszeit. Sind die Knollen reif, wird das Laub gelb und stirbt ab. Frühe Sorten wie Solist können schon Anfang Juni geerntet werden. Späte Sorten brauchen bis September, zum Beispiel Afra. Geht es der Saatkartoffel gut, erzeugt sie zwischen acht und zehn Knollen, nach denen man vorsichtig, am besten mit der Hand, im Damm sucht. „Es macht Spaß, für die nicht übermäßig viele Arbeit eine so schöne Ernte einzufahren“, sagt Weiß. Zu lange sollten Kartoffeln aber nicht im Boden bleiben. Sie könnten faulen.

Der Anbau auf dem Balkon

Die Pflanze gedeiht auch in Töpfen, Eimern oder Pflanzsäcken auf dem Balkon. Aber sie braucht mit 40 mal 40 Zentimetern viel Platz. „In einen großen Kübel passen auch zwei Kartoffeln“, sagt Weiß. Die Pflanzen werden je nach Sorte 50 bis 100 Zentimeter hoch. Die Blüten des Nachtschattengewächses sind klein und unscheinbar, aber aus ihnen entwickeln sich giftige Früchte. Sie sehen aus wie kleine grüne Tomaten und enthalten viel Solanin. Das Alkaloid soll Fressfeinde abwehren. Beim Menschen kann es Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, eventuell Durchfall verursachen. Wer kleine Kinder hat, pflückt und entsorgt die Früchte vorsichtshalber.

Die Folgekultur

Weil Kartoffeln den Boden auflockern, hinterlassen sie für nachfolgende Kulturen gute Bedingungen. So könnte man nach der Ernte von Frühkartoffeln noch Erdbeerpflanzen ins Beet setzen. Erntet man die späten Sorten im September, lässt sich das Beet mit Salat, Feldsalat oder Gründünger bestellen. Weil sie viele Nährstoffe aus dem Boden ziehen und sich kartoffelspezifische Krankheitserreger auch eine Weile in der Erde halten, sollte man in den folgenden drei Jahren die Kartoffeln an eine andere Stelle im Garten setzen. Wer die Knollen auf dem Balkon anbauen möchte, wechselt einfach die Erde in den Pflanzgefäßen.

Beliebte Sorten

Eine Übersicht über die Hofläden finden Sie unter www.sz-link.de/Hofladen