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Katholisch, enterbt, links

OB-Kandidat Michael Richter (Linke) will näher ran an den Bürger. Nicht nur in Versammlungen, auch mit Sozialpolitik.

Von Andrea Schawe

Fünf Rechner plus Bildschirme stehen im Arbeitszimmer der Wohnung von Michael Richter, alle mit einem anderen Betriebssystem und verschiedenen Office-Versionen. „Die brauche ich für den Unterricht. Sowie zum Testen als Systemadministration“, sagt der 39-jährige Linken-Politiker. „Da kann ich zu Hause auch mal was ausprobieren.“ Richter ist gelernter Radio- und Fernsehtechniker, sattelte aber um und machte 2007 an der Fachhochschule in Düsseldorf seinen Abschluss als Diplom-Sozialpädagoge. Jetzt ist er in der beruflichen und Erwachsenenbildung tätig. Nur das Tüfteln ist geblieben.

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Seit August 2012 wohnt Michael Richter in einem Wohnblock an der Dresdner Straße in Freital-Hainsberg. Im Dachgeschoss und mit Balkon. „Ich finde es schnuckelig hier“, sagt er. „Quasi quadratisch, praktisch, gut.“ Der Linken-Politiker ist ein Fan der DDR-Bauweise. „Das ist eigentlich die ökologischste Wohnform.“ Der Flächen- und Energieverbrauch sei viel geringer als bei einem Eigenheim. „Und ich bin mehr an den Bürgern dran.“ Die Nachbarn sprechen ihn an, reden im Hausflur oder auf dem Parkplatz über ihre Probleme.

Nah dran sein am Bürger – das ist einer der Hauptgründe, warum der Linken-Politiker sich als Oberbürgermeister bewirbt. Mit ihm an der Stadtspitze würde es mehr Bürgernähe geben, mehr Bürgerversammlungen, in denen die Freitaler an wichtigen Themen beteiligt wären – beim Ausbau der Dresdner Straße oder der Asylpolitik. „Herr Mättig duckt sich bei den wichtigen Themen weg“, sagt er. „Ich möchte das nicht machen. Man muss sich dem stellen.“

Deswegen organisiert Richter seit Anfang März den Gegenprotest zu den Demonstrationen der Bürgerinitiative „Freital steht auf“. „Die Flüchtlinge können nichts für die Situation“, sagt er. „Die Informationspolitik des Rathauses, des Landratsamts und der Landesregierung ist verantwortlich.“ Das ist nicht alles, was ihn an den asylkritischen Demos stört. „Wenn ich die Kommentare auf Facebook lese, weiß ich, wo der Hase langläuft. Das hatten wir 1933 auch schon“, sagt Richter. „Solche Leute braucht es in Freital nicht. Freital ist an sich sehr bunt und vielfältig.“

Richter ist niemand, der ein Blatt vor den Mund nimmt. „Ich bin ein stachliger Mensch, weil ich immer meine Meinung sage.“ Passenderweise sammelt er Kakteen, die schön aufgereiht auf der Fensterbank im Wohnzimmer stehen. Richter ist gerade heraus, manchmal auch unbequem. Schon früher war das so.

Aufgewachsen ist er in Nottuln-Darup, einem erzkatholischen Dorf in Nordrhein-Westfalen. Bei der Bundestagswahl 1994 holte die damalige PDS in Nottuln genau eine Stimme – seine. „Die hatten damals diesen König-von-Deutschland-Wahlwerbespot mit Gregor Gysi. Der hat mich begeistert.“ Zur Wahl seines Studienfaches: „Meinen Eltern hat das nicht so gepasst, Betriebswirtschaft wäre besser gewesen“, sagt er. „Offiziell bin ich deswegen enterbt worden. Aber jetzt ist wieder alles gut.“

Später tritt er aus der katholischen Kirche aus. „Das heißt aber nicht, dass ich nicht mehr glaube“, sagt der 39-Jährige. Er habe lange mit der Entscheidung gerungen, auch weil die Kirche einer der wichtigsten Arbeitgeber im sozialen Bereich ist. „Ich habe aber ein Problem mit einer Institution, die sexuellen Missbrauch an Kindern duldet. Das ist eine komische Doppelmoral, die ich nicht verstehe.“

Nach seinem Studium zieht es Michael Richter nach Sachsen. „Der Osten war und ist mir sympathischer.“ Hier fängt er an zu arbeiten, erst in Radeberg, ab 2008 in Freital. Derzeit ist er in einer Reha-Klinik tätig. Die Jobs sind meist befristet, aber bisher „bin ich immer auf die Füße gefallen“. Nur sechs Monate sei er seit 1997 arbeitslos gewesen. In Sachsen beginnt auch seine politische Karriere. Seit 2011 ist er Ortsvorsitzender des Stadtverbands Freital der Linken, seit 2012 auch Fraktionsvorsitzender im Stadtrat. Die Linke ist für ihn „die einzige vernünftige Partei mit dem besten Programm. Aber das sagen bestimmt alle.“ Vor allem hinter der Sozial- und Bildungspolitik steht er. Auf den Plakaten heißt es: „Wir müssen sozialen Wohnraum für alle schaffen“ oder „Familienpass und Sozialticket müssen für Freital drin sein“.

Ein Schwerpunkt seiner Agenda ist auch der Ausbau von Städtepartnerschaften. Städtereisen sind ein Hobby von Richter. „Ich bin ein Fan von Couchsurfing.“ Immer wieder lässt er Leute aus anderen Ländern in seiner Wohnung übernachten und besucht sie dann im Gegenzug. Unzählige Postkarten hängen an der Wand im Arbeitszimmer, aus Kiew, Amsterdam, Paris, Prag. „Osteuropa fasziniert mich“, sagt er. „Wahrscheinlich, weil der Osten für uns aus dem Westen verboten war.“ In der tschechischen Hauptstadt hat er mittlerweile auch eine Zweitwohnung – nicht nur wegen der Stadt, sondern wegen seiner Verlobten, einer Grundschullehrerin für Deutsch.

Auch wenn ihm nur Außenseiterchancen attestiert werden, möchte Richter etwas verändern. „Die CDU-Politik stinkt mir“, sagt er.