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Die Linke und ihr Lifestyle-Problem

Sahra Wagenknecht sieht Defizite bei ihrer Partei. Linkssein heiße nicht, einen elitären Lifestyle zu pflegen. Was hat das mit Bioläden zu tun?

Katja Kipping (links) sieht die Linke als Partei, die um die Alltagssorgen der Menschen weiß. Sahra Wagenknecht hat da ihre Zweifel. Arme empfänden die Linke als belehrend, sagt sie.
Katja Kipping (links) sieht die Linke als Partei, die um die Alltagssorgen der Menschen weiß. Sahra Wagenknecht hat da ihre Zweifel. Arme empfänden die Linke als belehrend, sagt sie. © dpa/Gregor Fischer

Der Bioladen wird zum Erklärmodell für gesellschaftliche Veränderung. Sprechen Politiker vom Bioladen, geht es selten um ökologisch produzierte Lebensmittel aus der Region. Wer vom Bioladen spricht, meint meistens dessen Kunden. In der Politik gelten diese häufig als urbane Besserverdienende, die hohe Mieten zahlen können.

Auch die scheidende Chefin der Linksfraktion, Sahra Wagenknecht, sieht den Bioladen als Chiffre für Gentrifizierung. In der Neuen Osnabrücker Zeitung stellt sie fest: „Den Bioladen können sich nur Gutverdiener leisten, und wer eine Wohnung in teurer Innenstadtlage bezahlen kann, hat es in der Regel auch leichter, den Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad zu bewältigen.“ Wagenknecht kritisiert allerdings weniger die Reichen, sondern ihre eigene Partei: „Linkssein heißt, soziale Missstände zu bekämpfen, und nicht etwa, einen bestimmten Lifestyle zu pflegen, der womöglich sogar noch ziemlich elitär ist.“

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Es ist nicht das erste Mal, dass Wagenknecht so etwas sagt. Dennoch haben ihre Äußerungen Tragweite. Wagenknecht füllt Säle und ist routinierter Talkshow-Gast. Aus gesundheitlichen Gründen verzichtet sie auf eine erneute Kandidatur als Fraktionschefin im Herbst. Auch aus der Spitze der von ihr mitgegründeten Aufstehen-Bewegung zieht sich Wagenknecht zurück, bleibt aber Abgeordnete.

Ihre Partei bescheinigt die Fraktionsvorsitzende Defizite. Die Linke, kritisiert sie in dem Zeitungsinterview, „hat sich von den ärmeren Schichten teilweise entfremdet, weil sie oft nicht deren Sprache spricht und von ihnen als belehrend und von oben herab empfunden wird“. Zudem bezeichnet Wagenknecht es als „eine große Lüge“, dass Armut in der Dritten Welt durch Migration bekämpft werde: „Das Gegenteil ist der Fall. Denn es verlassen nicht die Ärmsten ihre Länder, sondern eher die Mittelschicht und die etwas besser Ausgebildeten.“ Das verstärke die Armut vor Ort, während es hiesigen Firmen billige Arbeitskräfte verschaffe.

Parteichefin Katja Kipping widerspricht Wagenknechts Beschreibung. Sie erlebe eine Linke, betont Kipping im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, die „um die Alltagssorgen der Menschen weiß und im Gespräch mit ihnen ist“. Kipping sieht eine Partei, die wie sie „voll Leidenschaft gegen Armut und Hartz IV kämpft“.

In Sachsen droht der Linken der Verlust ihres Ranges als stärkste Oppositionskraft im Landtag. Die jüngste Umfrage sieht die AfD mit 25 Prozent der Stimmen zwar hinter der CDU (28) aber deutlich vor der Linken (17).

Die künftige Fraktion wird von neuen Gesichtern mitgeprägt. Auf einer vom Landesvorstand beschlossenen Vorschlagsliste für die ersten 20 Listenplätze tauchen die Namen von profilierten Abgeordneten wie Enrico Stange und Verena Meiwald nicht auf. Derzeit stellt Sachsens Linke bei einem Wahlergebnis von knapp 19 Prozent 27 Abgeordnete. Es ist also wahrscheinlich, dass auch Kandidaten ab Platz 21 realistische Chancen haben. Prognosen sagen der Linken zudem drei Direktmandate in Leipziger und Dresdner Wahlkreisen voraus.

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Nach der Wahl im September steht wohl eine komplizierte Regierungsbildung an. Im Bund sieht Wagenknecht keine linke Mehrheit, aber einen „sozialen Zeitgeist“ mit breiter „Mehrheit für mehr sozialen Ausgleich, bessere Löhne, höhere Renten“. Linke und SPD müssten sich ändern, um zu koalieren. In Sachsen regiert die SPD mit der CDU. Allerdings kommt sie derzeit nur auf maximal elf Prozent.

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