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Diese Frau weiß, was sie will

Katja Knauthe ist die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Sie will sich für alle benachteiligten Gruppen einsetzen. Dafür hat sie schon einen Plan.

Katja Knauthe, die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Görlitz seit 1. Juni.
Katja Knauthe, die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Görlitz seit 1. Juni. © Nikolai Schmidt

Die Bezeichnung ihrer neuen Funktion als "Gleichstellungsbeauftragte" würde Katja Knauthe gern als Erstes ändern. "Ich bin auch keine Frauenbeauftragte", sagt die 36-jährige Görlitzerin. "Und ich bin nicht hauptverantwortlich für das Willkommensbündnis." – Anders als Romy Wiesner, die bis vor einem Jahr die danach vakante Stelle ausfüllte. 

Auch Menschen mit dementen Eltern sind erschöpft

In einer Stadt wie Görlitz, mit einem Altersdurchschnitt von 47 Jahren und einer fast doppelt so hohen Sterbe- wie Geburtenrate, seien nicht hauptsächlich Frauen gegenüber Männern benachteiligt, sagt Katja Knauthe. "Wir haben kein Gleichstellungsproblem, sondern ein Vereinbarkeitsproblem." Besonders Menschen mit Sorgeverantwortung seien benachteiligt, ob finanziell, zeitlich oder beruflich. Und zwar nicht nur Mütter jüngerer Kinder, sondern besonders eine große Gruppe werde häufig gar nicht richtig wahrgenommen: die der pflegenden Angehörigen. 

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"Die 55- bis 65-Jährigen sind meist noch voll berufstätig", sagt Katja Knauthe. "Wenn man sich ausrechnet, in welchem Alter deren Eltern sind, weiß man auch, welche große Rolle die Pflege in dieser Generation spielt." Aber keiner erkläre seinem Arbeitgeber gern, dass er erschöpft ist, weil der demente Vater in der Nacht unruhig war, ins Bett gemacht hat oder gestürzt ist und Hilfe braucht. "Keiner will seine Eltern bloßstellen. Und keiner bittet deshalb gern um einen freien Tag." Doch obwohl die Pflege so viele betrifft, die ihre Eltern noch nicht ins Heim geben möchten, sei es viel akzeptierter, erschöpft zu sein, weil ein Kind krank ist oder nächtelang die Familie wach hält.

Promotion zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf

In diesem Sinne geht es Katja Knauthe um die Vereinbarkeit der familiären Situation mit dem Beruf in allen Lebenslagen. Das ist auch ihr Spezialgebiet. Bevor sie am 1. Juni ihre Funktion als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt antrat, war sie Wissenschaftlerin, Dozentin und Gleichstellungsbeauftragte an der Hochschule Zittau/Görlitz. Dozentin ist sie dort nach wie vor. In Görlitz 1983 geboren und aufgewachsen, hat Katja Knauthe nach ihrem Realschulabschluss zunächst Mediengestalterin in Leipzig gelernt. Bald spürte sie, dass sie mehr wollte, holte das Abitur nach, studierte Soziale Arbeit und Sozialpädagogik in Görlitz und Mittweida, studierte dann noch weiter Sozialpolitik.

Bereits vor ihrem Masterabschluss 2012 baute sie den Studiengang Soziale Gerontologie an der Hochschule Zittau/Görlitz mit auf und wurde dort akademische Mitarbeiterin. Seit 2016 arbeitet sie an ihrer Promotion zum Thema Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, die sie 2021 abschließen will. Dank eines Stipendiums konnte sie dafür über zwei Jahre an den Partneruniversitäten der Hochschule in Liverpool und Sheffield arbeiten.

Görlitzer mit Sorgeverantwortung unterstützen

Diesen erfahrungsreichen Hintergrund bringt Katja Knauthe nun in ihre Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte ein. Insgesamt gehe es ihr um eine familienfreundliche Infrastruktur in Görlitz, die dafür steht, allen Menschen mit Sorgeverantwortung den Spagat zwischen beruflichem und privatem Leben zu erleichtern. "Arbeitgeber benötigen kommunale Strukturen, die einen Teil der Sorgearbeit abdecken", sagt sie. Die große Politik stelle zwar Gesetze bereit, die bezahlte Pflegeauszeiten ermöglichen, aber kleinere Unternehmen mit weniger als 15 Angestellten könnten davon nicht profitieren. 

Deshalb will sie sich zunächst einen Überblick verschaffen, eng mit Unternehmen zusammenarbeiten, Arbeitgeber für das Thema pflegende Angehörige sensibilisieren, um dann zu schauen, was die Kommune tun kann, um Benachteiligten zu helfen. "Manche Unternehmen reservieren für ihre Angestellten mit Kindern eine Kita mit auf die Arbeitszeiten angepassten Öffnungszeiten", sagt Katja Knauthe. Warum solle es solche Kooperationen nicht auch mit Pflegediensten geben. "Ich sehe mich mitverantwortlich, solche möglichen Unterstützungsnetzwerke sichtbar zu machen und auszubauen." 

Ex-Mann AfD-Stadtrat

Trotz ihres Wissen und ihrer Erfahrung gab es einigen Wirbel im Rathaus, als Katja Knauthe sich als neue Gleichstellungsbeauftragte bewarb. Denn bis vor zwei Jahren war sie mit dem Justizvollzugsbeamten und AfD-Mitglied Norman Knauthe verheiratet. Inzwischen sind die beiden geschieden, ihr gemeinsames Kind betreuen sie im Wechselmodell. Ist sie politisch neutral?

Katja Knauthe macht daraus kein Geheimnis: Es komme vor, dass sich Partner auseinanderentwickeln. Das sei in ihrer Ehe geschehen. Die verschiedenen politischen Ansichten hätten dazu beigetragen. "Konservative Haltungen und meine Arbeit, mit der ich eingefahrene Strukturen reformieren möchte, passen nicht zusammen." Als Eltern vertrügen sie und ihr geschiedener Mann sich aber gut, auch habe er sie immer unterstützt, beruflich voranzukommen, und sich zum Beispiel mehr um die Kinderbetreuung gekümmert, als sie im Ausland war.

Dass die neue Gleichstellungsbeauftragte keine Integrationsbeauftragte mehr ist, hat der Görlitzer Stadtrat entschieden. Auch der Landkreis hat ein Sachgebiet Integration. "Natürlich sind auch Flüchtlinge und Menschen, die Asyl beantragen, strukturell benachteiligt und bekommen insofern meine Unterstützung", sagt Katja Knauthe. "Aber ich bin weder rot noch grün, noch schwarz, noch blau, sondern werde moderne Gleichstellungspolitik betreiben und dabei immer für die Kommune argumentieren."

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