SZ +
Merken

„Kaufhaus Martha“ kannte schon die Oma

Wegen des selbst gemachten Sauerkrauts und der frischen Salzheringe stoppt auch schon mal ein Touristenbus vor dem „ Kaufhaus Martha“. Das Geschäft an der B 96 ist aber auch deshalb eine Rarität, weil...

Teilen
Folgen

Von Andreas Herrmann

Wegen des selbst gemachten Sauerkrauts und der frischen Salzheringe stoppt auch schon mal ein Touristenbus vor dem „ Kaufhaus Martha“. Das Geschäft an der B 96 ist aber auch deshalb eine Rarität, weil es zu den wenigen wirklich kleinen Lebensmittelläden gehört, die sich seit der Wende ohne wesentliche bauliche Veränderungen im Landkreis mit Erfolg gehalten haben.Nur etwas über zwei Meter hoch ist die alte Oberlausitzstube in dem alten, wahrscheinlich 1866 erbauten Umgebindehaus an der B 96. Die Verkaufsfläche straft Marketingexperten Lügen, denn Platz für Waren ist nur auf rund 35 Quadratmetern. Trotzdem es gibt eigentlich alles, was der normale Mensch für den täglichen Bedarf so braucht. Wer darüber hinaus speziell Ostprodukte sucht – da gibt es zum Beispiel Bautzener Senf oder Essina-Essig. Liebhaber Schwäbischer Spätzle kommen auf ihre Kosten genauso wie Leute, die Einkellerungskartoffeln oder richtig scharfe Rettiche aus der Oberlausitz suchen.Wer hinter dem Ladentisch Martha erwartet, der wird allerdings auf Erika Rudolf treffen, die seit November 1990 das Geschäft führt, obwohl sie sich eigentlich hätte auch zur Altersruhe setzen können. Die Inhaberin ist die Tochter der Namensgeberin, Martha Israel, die den Laden schon vor über 100 Jahren gründete.„Viele Leute aus der Nachbarschaft kommen bei mir einkaufen. Zum Eibauer Bierzug, der regelmäßig vorbeiführt, gehen die Fischsemmeln am Stand vor dem Laden besonders gut“, berichtet die Rentnerin hinter dem Ladentisch über ihre Kundschaft und beklagt dann aber auch, „dass sich der Bürgermeister noch nie hat blicken lassen. Früher, da haben wir auch schöne, individuelle Präsentkörbe für Geburtstage oder Jubiläen in der Ge-meinde zusammengestellt, aber die haben ja kein Geld mehr. Wegen der großen Supermärkte steigt außerdem auch der Straßenverkehr, weil die Leute dort alle mit dem Auto vorfahren.“Zu den Zeiten von Mutter Martha, die mit über 80 Jahren noch verkauft hat, hieß das Geschäft der „schwarze Konsum“. Diese Bezeichnung geht auf die bürgerlichen Konsumgenossenschaften zurück. Deren Philosophie bestand damals darin, schwächeren Unternehmungen durch gemeinsame wirtschaftliche Betätigung die Vorteile von Großunternehmen zu verschaffen. Die Konsumvereine in Deutschland vor dem ersten Weltkrieg waren auch politisch geprägt. „Kaufhaus Martha“ muss dabei einen eher konservativen Hintergrund gehabt haben, denn das war ja der „schwarze Konsum“ und es gab in Eibau natürlich auch das Gegenstück, den „roten Konsum“, berichtet der Ehemann von Erika Rudolf. „Bis zum Einmarsch der Naziwehrmacht in das Sudetenland 1938 waren wir so ein Konsum, später dann in der DDR rein privat. Die Behörden kamen zwar immer wegen eines Vertrages mit der HO, aber das wollten wir nicht, und da sind die auch wieder gegangen.“Nachfolger für das Geschäft in dieser Form sind nicht in Sicht. Die einzige Tochter der Familie lebt im Westen. Erika Rudolf selbst möchte noch „so lange hantieren, wie es Spaß macht und gesundheitlich geht“. Auf die Frage nach der Zeit danach zuckt sie etwas fragend mit den Schultern und sagt, dass „es eine Suppenküche für Sozialhilfeempfänger möglichst nicht werden soll“ .Im Kreis stehen gegenwärtig 1101 aktiven Einzelhändlern in der Lebensmittel- und Getränkebranche 30 Supermärkte gegenüber. Die Zahlentrends zeigen allgemein kontinuierliches Wachstum seit 1990. Beim Einzelhandel gibt es im Vergleich zu 1995 gegenwärtig 132 Geschäfte weniger.(Quelle: Landratsamt, SG Ordnung, Sicherheit, Gewerbe)