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Bautzen

Kaufmannsladen XXL trotzt dem Ladensterben

Alexandra und Ariana von Gostomski pflegen in Crostau alte Verkaufskultur. Ihr Geschäft bietet fast alles, was man täglich braucht – aber noch viel mehr.

Von der Kartoffel bis zum Kaffee – Ariana (l.) und Alexandra von Gostomski verkaufen in Crostau vor allem Lebensmittel. Das Geschäft, das gegenüber vom ehemaligen Gasthaus „Zur Grünen Aue“ liegt, ist seit 95 Jahren in Familienbesitz.
Von der Kartoffel bis zum Kaffee – Ariana (l.) und Alexandra von Gostomski verkaufen in Crostau vor allem Lebensmittel. Das Geschäft, das gegenüber vom ehemaligen Gasthaus „Zur Grünen Aue“ liegt, ist seit 95 Jahren in Familienbesitz. © SZ/Uwe Soeder

Crostau. Mit der Ladentür öffnet sich ein Tor in eine längst vergangene Zeit. Hölzerne Regale, Tongefäße, Bonbongläser und vieles mehr erinnern an die Verkaufskultur von einst. „Fast die ganze Ladeneinrichtung ist noch original von 1938“, erklärt Alexandra von Gostomski. Zusammen mit ihrer Tochter Ariana betreibt sie in Crostau im Erdgeschoss ihres Hauses ein kleines Lebensmittelgeschäft. Sie führt damit fort, was ihre Großeltern einst aufgebaut haben. 1924 eröffneten sie den Laden. „Er besteht jetzt also 95 Jahre, ist seitdem in Familienbesitz und ohne Unterbrechung geöffnet“, sagt die Inhaberin stolz. Sie übernahm das Geschäft 2014, als ihre Mutter starb.

Hier gibt es vieles, was man zum täglichen Leben braucht. Nudeln, Linsen, Kloßmehl, Schokolade und mehr sind in den Regalen auf der rechten Seite liebevoll drapiert. Auf der Theke stehen Brot und Kuchen von der Schirgiswalder Bäckerei Kloßmühle. In einem Kühlschrank mit gläsernen Türen lagern Butter, Käse und andere frische Produkte. „Wir haben auch Getränke, Waschmittel, Heftpflaster, Kohleanzünder…“, zählt Ariana von Gostomski auf.

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Die linke Seite des Geschäfts gleicht einem Museum. Dort stellen die Frauen all das aus, was aus früheren Zeiten erhalten blieb. Und das ist eine ganze Menge. Historische Schreibwaren und Verbandsmaterial, Schuhputzzeug und Waschpulver, mundgeblasene Glühbirnen, volle Kaffeepackungen aus DDR-Zeiten, leere Metalleimer, aus denen einst Marmelade abgefüllt wurde… In der Mitte zwischen den alten und den aktuellen Waren befindet sich die Kaffeestation, die auf Initiative von Ariana von Gostomski eingerichtet wurde. Schließlich wollen die Frauen mit der Zeit gehen. Und so gibt es bei ihnen Latte macchiato und andere Sorten – zum Mitnehmen oder Gleich-Trinken. Dafür stehen hölzerne Hocker vorm Ladentisch. „Jeden Freitag hält der Fleischerwagen am Haus. Da kommen viele Leute. Vorm Einkauf sitzen sie bei uns, trinken Kaffee und quatschen“, erzählt die Tochter. Die Mutter fügt an: „So ein Laden gehört einfach zum Dorf dazu. Dabei geht es auch um Tradition und Herzenswärme.“

Die Einrichtung des Ladens ist zum größten Teil schon 80 Jahre alt. Außerdem sind viele Waren und anderen Gegenstände von früher erhalten geblieben. Ein Einkauf bei Familie von Gostomski ist somit auch ein Museumsbesuch.
Die Einrichtung des Ladens ist zum größten Teil schon 80 Jahre alt. Außerdem sind viele Waren und anderen Gegenstände von früher erhalten geblieben. Ein Einkauf bei Familie von Gostomski ist somit auch ein Museumsbesuch. © SZ/Uwe Soeder

Während es in Crostau noch ein zweites Lebensmittelgeschäft und einen Bäcker gibt, müssen viele andere Orte ohne Läden auskommen. Zählte das Statistische Landesamt 2012 noch rund 5 900 niedergelassene Einzelhändler in Sachsen, waren es 2018 fast 1 000 weniger. „Das ist ein sozialer Verlust. Die Menschen haben weniger Möglichkeiten, sich zu begegnen, die Vereinsamung steigt und damit auch der Frust“, sagte Rico Gebhardt, Fraktionsvorsitzender der Linken im Landtag, der diese Zahlen vom Wirtschaftsministerium erfragt hat, unlängst in einem SZ-Bericht. Auch in der Bautzener Gegend werden immer wieder Läden geschlossen, kürzlich zum Beispiel in Doberschau. Alexandra und Ariana von Gostomski wollen ihr Geschäft so lange wie möglich erhalten, auch wenn sich damit kaum etwas verdienen lässt und es sich nur rechnet, weil im eigenen Haus keine Miete fällig wird. „Es ist uns ans Herz gewachsen“, sagt die Mutter, und die Tochter nickt bekräftigend. Beide sind im Laden aufgewachsen. „Als Kind habe ich meinen Eltern geholfen, Butter zu portionieren und Mehl abzuwiegen. Damals gab es ja das Meiste noch lose“, erinnert sich Alexandra von Gostomski. Und Ariana sagt schmunzelnd: „Ich habe schon mitgemacht, da konnte ich gerade so über den Ladentisch gucken. Für mich war das wie Kaufmannsladenspielen in XXL.“

Heute bedeutet das Geschäft vor allem viel Arbeit. „Die Abrechnungen müssen stimmen, die Hygieneanforderungen erfüllt werden“, nennt die Inhaberin zwei Beispiele. Darüber hinaus machen sich die Frauen die Mühe, eins der beiden Schaufenster vier- bis fünfmal im Jahr aufwendig zu dekorieren; mal mit hübsch angezogenen Puppen, mal mit Naturmaterialien, mal mit alten Kaffeekannen…