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Dresden

Kaum Platz für rechten "Trauermarsch"

Rund 3.000 Gegendemonstranten verhinderten am Samstag, dass Neonazis durch die Altstadt laufen konnten. Einige riskierten dafür Ärger mit der Polizei.

Die Gegendemonstranten wollten den Rechten nicht so einfach die Stadt überlassen.
Die Gegendemonstranten wollten den Rechten nicht so einfach die Stadt überlassen. © René Meinig

Es war ein Bild mit Symbolkraft: Noch bevor die ungewöhnlich lange Abschlusskundgebung der Rechtsextremen hinter dem Hauptbahnhof offiziell mit der Nationalhymne beendet wurde, hatten sich etliche der Neonazis schon wieder auf dem Weg nach Hause gemacht. Für sie war dieser Sonnabend ein Tag zum Vergessen. Dabei sollte ihr "Trauermarsch" in Erinnerung der Bombardierung Dresdens 1945 doch genau das Gegenteil bewirken.

Lange, bevor sich die Rechten an der Lingnerallee zusammenfanden, hatten sich am Mittag vom Hauptbahnhof und vom Alaunplatz in der Neustadt aus zwei Züge von Gegendemonstranten auf den Weg gemacht. Für die Stadt lief Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) an der Seite von "Dresden Nazifrei" und vertrat damit Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), der auf Dienstreise war. Der Neustadt-Zug trug ein Banner mit der Aufschrift "Gemeinsam gegen den Rechtsruck in Europa" vor sich her.

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Das Ziel war klar: Sie wollten den rund 1.200 Neonazis so wenig Platz wie möglich lassen und vor allem verhindern, dass die Gruppe um den NPD-Stadtbezirksbeirat Maik Müller durch die Altstadt spazieren durfte.

Einige Sitzblockaden, wie hier auf der Waisenhausstraße, erfüllten ihren Zweck.
Einige Sitzblockaden, wie hier auf der Waisenhausstraße, erfüllten ihren Zweck. © Alexander Schneider

Statt der angemeldeten 1.700 stellten sich rund 3.000 Menschen mit viel Lärm den Rechtsextremen entgegen, und das, obwohl zeitgleich im thüringischen Erfurt eine Demonstration unter dem Motto “Unteilbar” stattfand.

Mit Sitzblockaden wurde zunächst den Beginn des “Trauermarsches” verzögert. Als später immer mehr Gegendemonstranten den Pirnaischen Platz und den Dr.-Külz-Ring blockierten, war schnell klar, dass der Weg in die Innenstadt in diesem Jahr für die Rechten versperrt war.

Widerwillig ließen die sich über die St. Petersburger Straße in Richtung Hauptbahnhof leiten, bevor sie zum Trotz wenigstens noch eine kleine Runde über die Wiener und die Strehlener Straße drehten. Insgesamt kamen sie diesmal nur knapp zwei Kilometer weit.

Der "Trauermarsch" der Neonazis wurde von den Gegendemonstranten ausgebremst.
Der "Trauermarsch" der Neonazis wurde von den Gegendemonstranten ausgebremst. © Jürgen Lösel

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren fast doppelt so viele Neonazis noch den Dr.-Külz-Ring und die Budapester Straße entlang marschiert.

Eingekesselt zwischen Polizei und Gegendemonstranten, blieben Maik Müller und seinem Gefolge nach 16 Uhr nichts anderes übrig, als zur Abschlusskundgebung überzugehen. Die sollte dafür aber besonders lang ausfallen, wobei ihre klassische Musik vom Gebrüll und Getrommel der Gegendemonstranten übertönt wurde.

Als der auffallend friedliche Demo-Nachmittag schon seinem Ende entgegen ging, machten sich einige Linksradikale aus dem “Schwarzen Block” bei der Polizei unbeliebt. Mehrere Vermummte wurden gewaltsam aus der Menge geholt, um ihre Personalien aufzunehmen. Begleitet wurden die Aktionen von Buhrufen und Pfiffen.

Manch einer mag sich dabei auch an die Aussage von Polizeipräsident Jörg Kubiessa erinnert gefühlt haben, der im Vorfeld davon gesprochen hatte, dass es beim Freiräumen der Strecke zu “blauen Flecken” kommen könnte.

Die Bilanz der Polizei, die mit rund 1.500 Einsatzkräften vor Ort war: 25 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet, unter anderem wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz, Körperverletzung, Landfriedensbruch sowie Beleidigungen. Sieben Personen wurden in Gewahrsam genommen.

„Es war ein hochdynamischer Einsatz”, sagte Kubiessa. “Dennoch haben wir unsere Aufgaben erfüllt und die Ausübung der Versammlungsfreiheit für jedermann gewährleistet sowie den Protest in Hör- und Sichtweite ermöglicht.“

Die Polizei schaffte es, die Lager voneinander zu trennen.
Die Polizei schaffte es, die Lager voneinander zu trennen. © Jürgen Lösel

Den vielleicht größten Unmut könnte es bei den Autofahrern gegeben haben, die am Sonnabend unbedingt durch die Innenstadt fahren mussten. An vielen Stellen war zeitweise Geduld gefragt, als Pirnaischer Platz, Albertplatz und der Tunnel unter dem Wiener Platz gesperrt werden mussten.

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Der Demonstrationszug aus der Neustadt lief über die Carolabrücke in Richtung Altstadt.
Der Demonstrationszug aus der Neustadt lief über die Carolabrücke in Richtung Altstadt. ©  Rene Meinig

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