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Kay kehrt ins Leben zurück

Lichtblick. Kay Schätz aus Königsbrück liegt im Koma. Das Leben seiner Familie hat sich seitdem komplett verändert.

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Von Carolin Barth

Das Ehepaar Schätz hat keine ruhige Minute mehr. Jede Sekunde könnte das Telefon klingeln. Wenn es so weit ist, muss ihr Sohn Kay seine hoffentlich letzte Operation über sich ergehen lassen. Seit Juli dieses Jahres liegt der 15-Jährige im Koma, auf einen Schlag veränderte sich das Familienleben. Seine Eltern erinnern sich genau an jenes Wochenende, nach dem ihr Sohn nicht mehr der alte war, der Lego und die „Zauberhaften Hexen“ liebte. „Ihm ging es den ganzen Tag über nicht gut, er klagte über Übelkeit und Kopfschmerzen“, erzählt Vater Maik. Am Wochenende wollte er sich ausruhen. Schon in der Vergangenheit kämpfte er mit ständigen Kopfschmerzen, für die aber keine Ursache gefunden wurde. „Einen Tag später klappte er in der Küche zusammen“, erzählt seine Mutter Rika leise. Gerade so konnte sie ihn halten, verhindern, dass er mit größerer Wucht aufprallte. Sofort war die benachbarte Ärztin zur Stelle, der Rettungswagen brachte Kay in die Hoyerswerdaer Klinik. „Er war ganz blass und hatte blaue Lippen“, erzählt die 40-jährige Mutter. Noch immer tun die Erinnerungen weh. Denn alles kam so plötzlich, nie war der Junge ernsthaft krank. Deshalb war sein Zustand ein unfassbarer Schock, für dessen Verarbeitung bis heute noch keine Zeit war. Im Krankenhaus ging es Kay wieder ganz gut, er flachste noch über das schlechte Essen. Maik und Rika Schätz hofften, alles würde gut ausgehen. Doch einen Tag später zerbrach die Hoffnung wie Glas. Es war ein warmer Sommertag, dieser 3. Juli. „Die Ärzte sagten am Telefon, wir sollten sofort kommen.“ Im Krankenhaus dann die erschütternde Nachricht: Für Kay bestand akute Lebensgefahr. Er hatte eine Lungenembolie sowie eine Rest-Thrombose im Bein. Ein Rettungshubschrauber flog ihn ins Carl-Thiem-Klinikum nach Cottbus. „Da konnte er noch sprechen“, so der 36-jährige Maik Schätz.

Dann verlor der Teenager das Bewusstsein. Für fünf Minuten hörte sein junges Herz auf zu schlagen. Die Ärzte holten ihn ins Leben zurück, operierten sofort. Zwei Tage später die nächste Hiobsbotschaft: Ein Blutgerinsel im Gehirn. In der bis dahin vierten OP wurde es entfernt, doch Kays Zustand war ernst. Dann klingelte wieder das Telefon. Mittlerweile versetzt das Schellen die beiden jedes Mal in Angst und Schrecken. Die Worte am anderen Ende der Leitung vergessen sie nie: „Wir sollten kommen, um uns von unserem Kind zu verabschieden. Die Ärzte gaben ihm noch 12 Stunden“, sagt der Vater unter Tränen.

Nach der komplizierten Gehirn-OP war er in ein künstliches Koma versetzt und an unzählige Geräte angeschlossen. Sein Kopf war geschwollen. Ein furchtbarer Anblick. Sein Zustand schien hoffnungslos, nur ein Wunder konnte ihn retten. Aber Kay ist ein Kämpfer. Entgegen aller Erwartungen ging es ihm langsam besser. „Als er die Augen das erste Mal aufschlug, bin ich umgekippt“, erzählt Maik Schätz. Die Nerven lagen blank, die ständige Angst hatte schwach gemacht.

Seit dem 8. August ist Kay in Kreischa. Pünktlich zum Geburtstag gab es dorthin einen „Freiflug“, über das Dach seines Kinderzimmers in Königsbrück hinweg. Neun Operationen hatte er zu diesem Zeitpunkt hinter sich. Heute ist sein Zustand relativ stabil. Noch immer im Koma, nimmt Kay seine Umwelt inzwischen gut wahr. So oft wie es nur geht, besuchen ihn die Eltern. Doch das teure Benzingeld reißt immer ein großes Loch in die Haushaltskasse der beiden Ein-Euro-Jobber, die von Hartz IV leben. Doch sie müssen hin, verzichten lieber auf ihre eigenen Wünsche.

„Er erkennt und versteht uns“, erzählt sein Vater, „sprechen kann er noch nicht. Kopfschütteln und Armbewegungen müssen zur Verständigung genügen. Hebt er den rechten Arm, bedeutet das Ja.“ Bei der Frage, ob er fernsehen möchte, geht der Arm immer nach oben. Punkt 16 Uhr läuft seine Lieblingsserie „Zauberhafte Hexen“. „Früher hat er oft geknetet, das fängt er jetzt wieder an“, sagt Rika Schätz stolz und erleichtert zum Fortschritt.

Noch einmal Daumen drücken

Die Bewegungs- und Sprachtherapie schlägt gut an. Eine Wahnsinnsleistung. Denn seine Schädeldecke ist noch abgetrennt, ein Knochen liegt in der Cottbuser Klinik. Zum Schutz trägt er einen Helm. Sobald wie möglich wird der Knochen wieder eingesetzt, die Schädeldecke vernäht. „Die OP ist unsere größte Angst, ich hoffe, Kay übersteht alles.“ Wie es danach weitergeht, wissen die Ärzte nicht, auch nicht, ob Hirnschäden zurückbleiben. Das Weihnachtsfest müssen sie ohne ihren Sohn feiern, damit haben sich Rika und Maik Schätz schon abgefunden. Denn die Behandlung wird noch lange dauern. Sie hoffen, dass es weiter vorwärts geht. Wenn auch langsam, Stück für Stück. Vielleicht sogar in Richtung Normalität.