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Kein Bauland für junge Familien

Wer in Görlitz den Traum vom Eigenheim träumt, braucht einen langen Atem. Es gibt kaum Grundstücke und auch nach Häusern muss man fast ewig suchen.

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Von Susanne Sodan

Endlich passt alles. Ein halbes Jahr lang war Familie Franke auf der Suche. Das Ziel: Bauland für das eigene Haus. „Ein Grundstück zu finden, bei dem Lage und Preis stimmen, ist in Görlitz wirklich schwierig“, sagt Ronald Franke. Fündig geworden ist er schließlich in Klein Neundorf, direkt man See. Mit einer halbjährigen Suche ist es für die meisten nicht getan. „Ich bin selber in der Baubranche tätig und weiß von anderen Familien, dass sie teils länger als zwei Jahre gesucht haben.“

„Die Wartelisten sind lang“, bestätigt der Görlitzer Immobilienmakler Michael Schiemenz. „Gerade, wenn es um Bauland geht, noch dazu in der Stadt oder im näheren Umkreis.“ Interessenten seien oft junge Familien, Anfang dreißig bis Mitte vierzig. Nur den wenigsten von ihnen kann er im Moment weiterhelfen. Das führe durchaus zu Unzufriedenheit, vielleicht gar zu Abwanderung. Das ländliche Umland, wo die Chance auf Bauland größer ist, sei für viele keine Alternative, erzählt Schiemenz. Ist kein Bauland zu kriegen, weichen viele auf das aus, was schon da ist: ein gebrauchtes Einfamilienhaus. Auch da sehe die Lage nur wenig entspannter aus. Die Liste der Immobiliengesuche scheint endlos: Ein Ehepaar mit Sohn sucht schon sehr lange ein Einfamilienhaus in Görlitz. Ein anderes Ehepaar hätte gern ein Einfamilienhaus in der Umgebung – bitte mit großem Wohnzimmer. Eine vierköpfige Familie möchte ein Haus in der Stadt kaufen. Vier bis fünf Zimmer wären ideal. Bis sich der Traum vom eigenen Heim erfüllt, braucht man einen langen Atem in Görlitz. Bauland wie auch Einfamilienhäuser sind knapp.

Warum aber ist der Wunsch nach den eigenen vier Wänden so groß, wenn in der Stadt so viele Altbauwohnungen leerstehen? „Wir wollten etwas Eigenes“, erzählt Ronald Franke. „Ein Ort, an dem es ruhig ist. In der Stadt hat man auch das Problem, dass Stellplätze für Autos fehlen.“ Zudem sei das nachbarschaftliche Verhältnis bei den Häuslebauern ein anderes als bei den Mietern in der Stadt. „Hier redet man viel mehr miteinander, die Nachbarn passen auch aufs Grundstück mit auf“, erzählt Ronald Franke.

Aber es gibt auch die andere Seite, die, die nicht nach Bauland oder Eigenheim suchen – sondern lieber nach einer Wohnung in den vielen Görlitzer Altbauten. Zum Beispiel Philipp Bormann, Mitarbeiter am Görlitzer Theater: „Sicher, beim Hausbau kann man seine eigenen Vorstellungen umsetzen“, sagt er. Auf der anderen Seite aber biete es sich gerade in Görlitz an, den Bestand zu nutzen. Denn der sei zu großen Teilen noch gut erhalten und hochwertig. „Man ist zwar in der Gestaltung abhängig vom Gegebenen. Aber die historischen Häuser in der ganzen Stadt geben Görlitz seinen Charakter. Man sollte sie nutzen.“

Für den aber, der Bauland oder Eigenheim sucht, ist die aktuelle Situation ein Problem. Besonders schwierig sieht es in den westlichen und südlichen Randgebieten der Stadt aus, in Biesnitz und Rauschwalde. „Die Anfragen steigen auch, weil die Zinsen bei einer Baufinanzierung niedrig sind. Außerdem ist das eigene Haus natürlich auch eine Altersvorsorge“, erklärt die Görlitzer Immobilienmaklerin Andrea Zarth. Und mit der großen Nachfrage steigen auch die Preise: Im Durchschnitt liegen die für Bauland bei 85 Euro pro Quadratmeter. Je nach Lage kann das aber stark schwanken. In Biesnitz legt man auch mal 100 Euro pro Quadratmeter auf den Tisch. Das Minimum liegt in Görlitz bei 70 Euro .

Großflächige Baustandorte findet man dabei nicht mehr. Die meisten der ohnehin rar gesäten Grundstücke werden von Privatleuten über Anzeigen oder Immobilienmakler angeboten. Die Stadt weist kaum noch Flächen aus. Nach vielen Jahren mit einer eher zögerlichen Nachfrage seien die freigegebenen Gebiete nun beinahe vollständig bebaut, erklärt Hartmut Wilke, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung. Dabei gebe es durchaus Spielraum, sagt Michael Schiemenz. „Zum Beispiel das ehemalige Gewerbegebiet in Klingewalde. Das Areal ist erschlossen, die Infrastruktur ist da. Das wäre doch ein idealer Standort“. Ist es nicht, erklärt Wilke. Der Bebauungsplan weist das Areal als Gewerbegebiet aus. Das heißt, es gelten andere Bedingungen bei der Lärm- und Abgasbelastung. Will man Bauland aus dem früheren Gewerbegebiet machen, könnte das problematisch sein.

Ein paar grüne Flecken gibt es noch in Görlitz. Bei Bedarf will die Stadt auch künftig Bauland ausweisen. Das heißt aber auch, dass zunächst neue Bebauungspläne erstellt werden müssen. „Für die Kunden, die jetzt gerade suchen und die günstigen Bedingungen nutzen wollen, kann das aber zu spät sein“, befürchtet Andrea Zarth.