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Kein Bock auf Schule

Ein 15-Jähriger aus Bautzen schwänzt wochenlang den Unterricht. Seine Mutter ist verzweifelt, seine Lehrer sind ratlos. Und was tun die Behörden?

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

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Bautzen. Der Junge, nennen wir ihn Lukas, sieht nicht aus wie einer, der gerade dabei ist, sich das Leben zu versauen. Lukas ist ein stiller, freundlicher und zurückhaltender Typ, ein schmächtiger Junge mit schmalen Schultern und offenem Lächeln. Der 15-Jährige hätte das Zeug zu guten Noten, sagen seine Lehrer. Aber bisher hat Lukas fast ausschließlich Sechsen. „Wegen nichterbrachter Leistungen“, so steht es auf seinem letzten Zeugnis. Lukas aus Bautzen ist ein notorischer Schulschwänzer.

Wann es angefangen hat und warum, das weiß der Junge selbst nicht mehr so genau. „Ich hatte immer Streit mit meiner Mutti“, versucht er eine Erklärung. „Und ich hatte einfach auf nichts mehr Lust.“ Er verlässt am Morgen mit gepackter Schultasche das Haus, kommt am Nachmittag wieder zurück. Nur in der Schule ist er nicht gewesen in der Zwischenzeit. Irgendwann, in der siebenten Klasse, beschließt er zum ersten Mal, heute einfach draußen zu bleiben. Den ganzen Vormittag drückt er sich in der Gegend herum. In der achten Klasse wird das Schwänzen zur Regelmäßigkeit. Lukas kommt tagelang nicht zum Unterricht. Allein vom 1. bis zum 17. November, so steht es in den Anwesenheitslisten, fehlt er komplett.

Nur Sechsen reichen nicht mal für ein Abgangszeugnis

„Ich war immer draußen und hab rumgehangen“, erzählt Lukas an einem Tag Ende Januar. Er sitzt im Dienstzimmer von Schulleiter Andreas Döring, der dem Jungen zu helfen versucht. Der 62-Jährige leitet die Schule zur Lernförderung am Bautzener Schützenplatz mit viel Engagement. „Ihr lernt hier nicht für die Zensuren und nicht für uns Lehrer“, sagt er seinen Schülern. „Ihr lernt für euch und eure Zukunft. Es liegt an euch selber, was ihr daraus macht.“ Auch Lukas sagt er das immer und immer wieder, wenn der Junge – so wie an diesem Januartag – gerade mal wieder in der Schule aufgetaucht ist.

Wegen der vielen Fehltage im letzten Schuljahr muss Lukas die 8. Klasse noch einmal wiederholen. Wegen der vielen Fehltage in diesem Schuljahr droht ihm jetzt, keinen Schulabschluss zu bekommen. Nur Sechsen reichen nicht für einen ordentlichen Schulabschluss, nicht mal für ein einfaches Abgangszeugnis. „Junge, damit verbaust du dir doch dein ganzes Leben“, versucht der Schulleiter den 15-Jährigen zu überzeugen. Der hält den Kopf gesenkt und nickt. Er weiß, was auf dem Spiel steht, sagt er leise.

Schule erlebt zunehmende Ohnmacht

In der letzten Zeit ist er deshalb auch wieder häufiger in der Schule gewesen. „Es hat ja eigentlich gar keinen richtigen Grund gegeben“, sagt Lukas. Es sei nicht die Angst vor einer Klassenarbeit gewesen, auch kein Ärger mit Lehrern, kein Stress mit anderen Schülern. Lukas hat Freunde in seiner Klasse, er ist kein Einzelgänger. Ob er vielleicht von irgendwem gemobbt wird? Er schüttelt den Kopf. Warum also schwänzt er die Schule? Er zuckt mit den Schultern. Der 15-Jährige ist kein Einzelfall. Manchmal schwänzen sie gleich zu zweit oder zu dritt. „Wir haben zeitweise richtige Schwänzercliquen“, weiß der Schulleiter. Es klingt nach Resignation. Und es klingt zornig.

Andreas Döring blättert in den Unterlagen. „Wir erleben eine zunehmende Ohnmacht“, sagt er. „Wir brummen den Eltern Bußgelder auf. Aber was hilft das denn? Die Systeme sind doch viel zu langsam und zu lasch.“ Als Schulleiter ist er gezwungen zu handeln. Er muss die Fälle beim Landratsamt anzeigen. Schulschwänzerei ist eine Ordnungswidrigkeit, die mit Geldbuße geahndet wird. Im vergangenen Jahr hat das Ordnungsamt des Landkreises mehr als 500 Bußgeldverfahren gegen Schulschwänzer und ihre Eltern eingeleitet. Die Geldbußen summieren sich auf über 42 000 Euro.

Mutter ist verzweifelt: 700 Euro Bußgelder

Im Fall von Lukas sind 700 Euro zusammengekommen. Seine Mutter ist verzweifelt. Die 35-Jährige ist alleinerziehend und verdient sich ihr Geld als Reinigungskraft. Lukas hat noch drei jüngere Geschwister. Mit keinem, sagt die Mutter, habe sie solche Probleme wie mit ihrem Großen. Dabei will sie ihm doch helfen. Aber wie, wenn der Junge sich abwendet, sich von ihr überhaupt nichts mehr sagen lässt? In der Hoffnung auf Hilfe wendet sie sich an das Jugendamt. Vielleicht ist es ja möglich, Lukas in einer betreuten Jugendwohngruppe unterzubringen, wo er erst einmal Abstand gewinnen und von geschulten Mitarbeitern betreut werden kann – besser als von ihr? Aber die Behörde lässt sie im Stich. Nicht einmal ein Brief des Schulleiters veranlasst die Mitarbeiter zum Handeln: „Wir bitten Sie dringend um Hilfe, um in diesem Fall eine Kindeswohlgefährdung zu vermeiden“, schreibt Andreas Döring Anfang November an das Amt. Er hat auf seinen Brief nicht einmal eine Antwort bekommen. „Es gibt keine Zwangsmaßnahmen, jemanden in die Schule zu prügeln“, sagt die zuständige Jugendamtsmitarbeiterin Kerstin Heuke. „Auch in einer Wohngruppe nicht.“ Zum Fall von Lukas sagt sie nichts. Datenschutz.

Stattdessen lobt die Teamleiterin die gute Zusammenarbeit mit den Streetworkern im Landkreis, die „ganz nah dran“ seien an den Jugendlichen und auch mit vielen Schulbummlern im Gespräch. Lukas hat noch kein Streetworker gesprochen. Seiner Mutter hat auch niemand gesagt, dass sie sich mit ihren Sorgen jederzeit und kostenlos an eine der Familien- und Erziehungsberatungsstellen bei der Arbeiterwohlfahrt, der Diakonie oder der Caritas wenden könnte oder dass es in Hoyerswerda ein Schulprojekt „Arbeiten und Lernen“ gibt, in dem Jugendliche wie Lukas aufgefangen werden.

Stattdessen geht in seinem Fall immer mehr Zeit verloren. Die Verfahren beim Ordnungsamt sind langwierig. Weil alle möglichen gesetzlichen Fristen eingehalten werden müssen, dauert es von der Anzeige bis zum Abschluss eines Verfahrens gute zwei bis drei Monate, erklärt Amtsleiter René Burk. Auch ihm gefällt das nicht. Denn Burk ist genauso wie Schulleiter Döring nicht in erster Linie daran interessiert, dass die Eltern Strafe zahlen, sondern viel mehr daran, dass den Schulbummlern geholfen wird.

Spielraum beim Strafmaß

Bevor er die Bußgeldbescheide verschickt, setzt er sich mit den betroffenen Schülern, ihren Eltern und Lehrern zusammen, versucht, die Ursachen zu ergründen, und klärt die Frage, ob die Betroffenen vielleicht psychologische Hilfe brauchen. „Wir müssen doch erreichen, dass die Bummler wieder regelmäßig in die Schule gehen, dass sie merken: Ich hab Mist gebaut“, sagt er. Dafür hat er beim Strafmaß auch Spielraum – je nachdem wie einsichtig sich die Kinder und Jugendlichen zeigen. Wenn sie die Strafe beispielsweise über Sozialstunden abarbeiten oder in regelmäßigen Raten vom Taschengeld abzahlen, ist ihm das das Liebste. Er kann die Geldbuße auch ganz erlassen.

Auch Lukas will den Bußgeldbescheid an seine Mutter jetzt abarbeiten. So ist es mit der Vollstreckungsstelle beim Jugendgericht vereinbart, die seinen Fall jetzt auf dem Tisch hat. Diese Woche hat er mit den Sozialstunden an einer Jugendeinrichtung begonnen. „Hoffentlich hält er durch“, sagt seine Mutter. Er geht jetzt auch wieder regelmäßiger in die Schule. Er will im Sommer wenigstens ein Abgangszeugnis bekommen, sagt er. Und er will ein Berufsvorbereitungsjahr beginnen. Falls er wieder rückfällig wird oder die Sozialstunden abbricht, dann drohen dem 15-Jährigen zwei Wochen Jugendarrest.