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Kein einsames Instrument mehr

Patrick Süßkind hat es mit seinem weltberühmten Einakter „Der Kontrabass“ auf den Punkt gebracht: Normalerweise gehen diese Instrumente im Orchester unter, es gibt kaum Soloparts, allenfalls ein Duett....

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Von Ina Förster

Patrick Süßkind hat es mit seinem weltberühmten Einakter „Der Kontrabass“ auf den Punkt gebracht: Normalerweise gehen diese Instrumente im Orchester unter, es gibt kaum Soloparts, allenfalls ein Duett. Aber im Leben eines Künstlers kann der Kontrabass Geliebte, Freund, Feind oder auch Verhinderer des eigenbestimmten Weges sein. Das auf Deutschlands Bühnen am meisten aufgeführte Stück rückt das riesige Instrument mit den dicken Saiten eigentlich schon ins richtige Licht. Und doch wird es nach wie vor irgendwie stiefmütterlich in der Szene behandelt.

Auch an der Kreismusikschule Kamenz gab es bisher keinen Schüler für das Fach. Schade eigentlich, denn das wundervolle Instrument hat die Missachtung nicht verdient. Letztendlich dachten das wohl auch die Lehrer und machten sich auf die Suche nach potenziellen Schülern. Ein bisschen unhandlich, sehr teuer im Erwerb und nicht gerade einfach zu spielen – das lockte nicht unbedingt reichlich Enthusiasten im jugendlichen Alter hinter dem Ofen vor. Doch das stete Suchen zeigte Erfolg.

Seit Beginn des Schuljahres wagt sich der 14-jährige Felix Scharr aus Bischheim wöchentlich einmal an die Saiten. Noch werden diese zögerlich gezupft, ähneln die Übungen mehr einem kleinen Krampf, doch Lehrer Thomas Reuter ist durchaus zufrieden. „Er macht das in den Anfängen schon ganz gut“, sagt der Dresdner Musiker, der neben seiner Tätigkeit als Unterrichtender auch ganz praktisch in vielen Rockbands und Ensembles mitspielt. Dadurch weiß er um das Einsatzgebiet des Kontrabasses und kommt schnell ins Schwärmen. Gerade im Jazzbereich finden sich da herrliche Zukunftsaussichten für Felix. „Ich könnte mir schon gut vorstellen später mal in so einem urigen Jazzkeller zu spielen“, freut dieser sich. Aber dafür heißt es erst einmal fleißig üben. Denn die Arbeit mit dem Bogen und den Fingern gestaltet sich als schwer. Vorher probierte sich Felix ein paar Jahre am Akkordeon aus. „Aber irgendwann wollte ich etwas ganz anderes machen!“ Warum er gerade vom Tasteninstrument auf den Kontrabass kam, weiß er selbst nicht mehr so genau. „Meine Mutter hat mich zuerst ganz erstaunt angeguckt und mehrmals gefragt, ob ich meine Wahl auch ernst meine. Aber mir gefallen der Klang, die tiefen Töne sehr gut. Und dass man den Bass zupfen und streichen kann“, erklärt er. Schon hat sich erste Hornhaut am Finger gebildet. Ein bisschen stolz zeigt der Gymnasiast sie vor. Ein Zeichen, dass er zu Hause auch wirklich übt. Möglich ist das, weil sich die Kreismusikschule zusammen mit den Eltern um einen Bass gekümmert hat. Mit der großzügigen Leihgabe vom Dresdner Heinrich-Schütz-Konservatorium ist ihnen vorerst eine glückliche Lösung für alle eingefallen. Denn so ein Kontrabass kostet mehrere tausend Euros, selbst gebraucht! „Es war schon immer der Wunsch der Musikschule, Kontrabassschüler zu haben“, erzählt Reuter. Nun hat man es geschafft. Ein zweiter Junge hat sich bereits angemeldet. Für den Unterricht bringt Thomas Reuter sein privates Instrument mit.

Leider sieht es auch im Fach Bassgitarre etwas dürftig aus: Nur sechs Schüler lernen in Kamenz und den Außenstellen. Dabei ist ein guter Bass in jeder guten Band, jedem Ensemble unentbehrlich. Felix Scharr ist also so was wie ein Vorreiter. Der Neuntklässler am Gotthold-Ephraim-Lessing-Gymnasium Kamenz hat dennoch neben der Musik viele andere Interessen. „Ich mache eigentlich alles gern, was schön ist. Lesen, ins Kino oder Theater gehen, Verreisen, Musik hören. Außer Sport, den habe ich irgendwie überhaupt nicht gern“, schmunzelt er. Nach dem Abi will er vielleicht irgend etwas in Richtung Sprachen machen – denkt er sich heute so. Mit der Unbekümmertheit der Jugend stehen ihm alle Wege offen. Die Musik als Broterwerb soll es aber nicht unbedingt sein. „Das muss mir nur einfach Spaß machen“, findet er.

In der so genannten Lagentechnik am Kontrabass hat er sich bereits bis zur dritten Lage vorgearbeitet. Wann er in der Lage sein wird, seinen ersten Solopart zu spielen, steht noch in den Sternen. Aber man weiß ja seit Patrick Süßkind: Der Bass ist kein einsames Instrument, er bedarf der anderen Geschwister…