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Geht es den Autozuliefer-Firmen schlecht?

Bei einigen wie MS Powertec hat die Krise der Branche voll eingeschlagen. Andere spüren davon nichts und suchen sogar Mitarbeiter. So sieht es bei den Unternehmen in Löbau/Zittau aus.

Die Firma MS Powertec am Rande von Zittau hat angeblich rund die Hälfte der Mitarbeiter entlassen.
Die Firma MS Powertec am Rande von Zittau hat angeblich rund die Hälfte der Mitarbeiter entlassen. © MS Powertec (Archiv)

Mit den Kündigungswellen beim Lkw-Zulieferer MS Powertec am Rande von Zittau ist sofort die Angst umgegangen, dass ein Flächenbrand bei den Autoherstellern und -zuliefern entsteht. Mit Massenentlassungen und Insolvenzen. Dass die Autoindustrie laut Kraftfahrbundesamt zwischen Januar 2019 und 2020 7,3 Prozent weniger Pkw verkauft hat, lässt die Sorgenfalten nicht kleiner werden.

Plastic Concept kündigt Personalabbau und Kurzarbeit an

Tatsächlich ist die Lage in der Region Löbau-Zittau zumindest derzeit nicht dramatisch. Neben der Firma MS Powertec, die sich bis heute gegenüber der SZ nicht zur  Zahl der Kündigungen äußert, sind nur wenige andere Unternehmen von der Krise wirklich stark betroffen. "Wir haben einen Auftragsrückgang um circa 20 Prozent", teilte Bernd Nebel, Geschäftsführer von Plastic Concept in Neusalza-Spremberg auf SZ-Anfrage mit. Die Firma stellt unter anderem Handschuhfächer und Becherhalter für die Automobilindustrie her. Ihre Mitarbeiterzahl ist im Vergleich zum März 2019 um über 50 auf aktuell 320 gesunken. "Grund für die Reduzierung der Mitarbeiter ist die Schließung unseres Standortes in Wolfsburg", so Nebel. "Wir müssen aber auch den Personalbestand in Neusalza-Spremberg an die geringen Abrufe der Automobilindustrie anpassen." Zudem plane man für 2020 teilweise Kurzarbeit. Zwar liefert Plastic Concept auch Kunststoffbaugruppen für E-Fahrzeuge. Diese Stückzahlen sind aber laut des Geschäftsführers noch sehr gering und liegen weit unter den geplanten Mengen.

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Auch digades betroffen

Der Technikhersteller Havlat in Zittau hat mit Kurzarbeit in den für die Autobranche tätigen Teilen der Belegschaft reagiert, ist aber optimistisch, die Mitarbeiter bald durch neue Aufträge aus anderen Industriebereichen wieder voll einsetzen zu können.  

Auch beim Elektronikspezialist digades aus Zittau, der unter anderem Fernbedienungen und Steuerungen baut, ist der Absatzrückgang bei den Auftraggebern aus der Automobilbranche angekommen. "Natürlich sind wir auch betroffen", teilte Inhaber Lutz Berger auf Anfrage mit. Kurzarbeit oder Entlassungen sind aber nicht geplant. "Wir steuern hier durch Investitionen in Innovationen, neue Technologien und neue Märkte gegen", so Berger.

In anderen Unternehmen der Branche scheint es noch rund zu laufen. Bei Sumitomo in Oberseifersdorf zum Beispiel gibt es keine Kurzarbeit. Es sei auch demnächst keine geplant, war aus dem Unternehmen, das Getriebe- und Motorenteile herstellt, zu erfahren. 

ATN sucht sogar noch Leute

Bei wieder anderen Firmen der Branche geht es sogar aufwärts. ATN in Oppach ließ  wissen, dass man keine Kurzarbeit habe und im Gegenteil sogar nach Arbeitskräften suche. ATN ist allerdings kein Automobil-Zulieferer im eigentlichen Sinne, sondern stellt  Anlagen her, mit denen Autos montiert werden. Zudem ist ATN auch für andere Branchen unterwegs. Spezifa Löbau ist spezialisiert auf Sonderfahrzeuge für Feuerwehren, Kommunen aber auch den privaten Unternehmenssektor.

Der Betrieb bekommt Fahrgestelle geliefert, auf denen die entsprechenden Aufbauten montiert werden. Eigentümer und Geschäftsführer Friedrich Neu sagt: „Im Feuerwehrbereich können wir gar keine Probleme feststellen. Im zivilen Bereich ist die Auftragslage nicht mehr so opulent wie vor einem Jahr um die Zeit. Aber von einer Krise kann gar keine Rede sein." Auch Palfinger in Löbau liefert nicht direkt Teile für Fahrzeuge. "Wir bauen Hebebühnen auf angelieferten Karosserien und Fahrzeugen auf", sagt Katja Kimmel vom Unternehmenssitz in Krefeld. "Aufgrund der hohen Nachfrage unserer Produkte haben sich die Lieferfristen sogar verlängert."

Experten sehen keinen Flächenbrand

Die Lage in den Unternehmen in der Region Löbau/Zittau ist also  ganz unterschiedlich. Droht nun ein Flächenbrand? "Ich glaube es eher nicht", sagt Matthias Schwarzbach, regionaler Chef der Industrie- und Handelskammer. "Der Strukturwandel im Automobilzulieferbereich ist aus meiner Sicht in zwei Belangen relevant: im Motorenbau und beim Abverkauf." Motorenbauer gebe es in der südlichen Oberlausitz wenige. MS Powertec gehört dazu. Die Gefahr ist also eher gering. Zum Verkauf sagt Bernd Nebel von Plastic Conzept aber: "Die Unsicherheiten bei Autokäufern ist einfach viel zu hoch. Die Politik und die Medien verteufeln den Verbrennungsmotor." Die E-Mobilität steckt seiner Ansicht nach aber noch in den Kinderschuhen und kann die Verluste nicht ausgleichen.

Das sieht das Netzwerk der Automobilbranche AMZ in Sachsen  ähnlich. Auf der einen Seite läuft der Wandel hin zu neuen Antriebsarten bereits mit einem oft unterschätzen Tempo. Die Zahl der Verkäufe von Autos mit konventionellen Antrieb wird demnach weiter sinken, aber die Nachfrage nach E-Autos noch nicht gleichzeitig in gleicher Zahl steigen.  Auf der anderen Seite bescheinigt das Netzwerk den einheimischen Autobauern und -zuliefern das Potenzial, auch in Zukunft vorn mit dabei zu sein.

AMZ rechnet damit, dass 2025 40 Prozent der Autoproduktion auf Fahrzeuge mit Elektroantrieb entfallen - und das der Wandel zwei Prozent der Arbeitsplätze kosten wird. Etwas 20 Prozent bei Herstellern von Antrieben, weil rund 65 Prozent der Komponenten nicht mehr gebraucht werden, dafür aber 19 Prozent zusätzlich hergestellt, 14 Prozent modifiziert werden müssen und nur der kleine Rest bleiben kann wie er ist. Der Elektronik-Bereich dagegen soll zulegen - um 17 Prozent.

Auch die Zahlen der Agentur für Arbeit zeichnen bisher kein Katastrophen-Bild. Die Gesamtzahl der Mitarbeiter im verarbeitenden Gewerbe und insbesondere im Fahrzeugbau sowie bei der Herstellung von Kraftwagen und -teilen ist im Landkreis Görlitz bis Ende 2019 nicht zurückgegangen. Nur Leiharbeiter werden nicht mehr so häufig angefordert. 

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