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Kein Schubladendenken im Schloss

Der Holzgestalter Georg Brückner zeigt im Struppener Festsaal eine Auswahl seiner Objekte. Manche bewegen sich sogar.

Der Holzgestalter Georg Brückner aus Goes mit seinem Schubladenkopf in seiner Ausstellung im Schloss Struppen.
Der Holzgestalter Georg Brückner aus Goes mit seinem Schubladenkopf in seiner Ausstellung im Schloss Struppen. © Thomas Morgenroth

Mit geübtem Griff öffnet Georg Brückner die Schädeldecke des Mannes, die an einem Scharnier befestigt ist, und stützt sie vorn mit einem Stab ab, etwa so, als würde er den Deckel an einem Flügel öffnen. Musik kommt freilich nicht heraus. Vielmehr werden kleine Fächer sichtbar, in die sich allerlei einsortieren ließe. Damit nicht genug: Brückner zieht mit schelmischen Lächeln kleine Schubladen aus den Ohren, den Augen, dem Mund, ja selbst die Nase lässt sich mit einer Klappe öffnen, und im Hinterkopf befindet sich ein Schließfach.

Es ist „Der Kritiker“, so wie ihn Georg Brückner sieht – kritisch. Das Objekt aus Mahagoni entstand 1984, als dem Holzgestalter aus Goes bei Pirna wieder einmal der Kragen platzte, weil einer versuchte, seine Kunst und sein Handwerk in irgendeine Schublade zu sortieren. „Das geht bis heute nicht“, sagt der 73-Jährige. Und er ließ sich auch nicht beirren, als ihm Künstlerkollegen in den Siebzigerjahren den Rat gaben, seine Arbeiten doch mal auf eine erkennbare Linie zu bringen, damit er leichter in den Verband Bildender Künstler aufgenommen würde. „Die haben mich trotzdem genommen“, sagt er und lacht.

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Immerhin mündeten diese Debatten in einem Kunstwerk, seinem wundersamen Kopf, der in diesen Tagen auf dem Flügel im Festsaal des Schlosses Struppen steht. Georg Brückner, der in Schneeberg ein Studium zum Diplomholzgestalter absolvierte, hat dort seine bislang schönste Ausstellung, wie er findet. Mit seinen herrlich verspielten und verschrobenen Objekten, die fast immer aus Holz sind, mitunter drehbar und beleuchtet, sendet Brückner Botschaften aus, die ihm am Herzen liegen.

Das ist schon zu DDR-Zeiten so. 1979 zum Beispiel nagelt er als Mahnung an die Zerstörung der Landschaft durch den Braunkohlentagebau einen Jesus ans Kreuz, der aus einer dicken Astgabel besteht. Als Dornenkrone trägt er die Kette einer Motorsäge. Statt der Inschrift „INRI“ bringt Brückner ein Brikett mit dem eingepressten Produktnamen „Rekord“ an. Ihn wundert bis heute, dass diese freie Arbeit keine Konsequenzen für ihn hatte.

Er befasste sich auch mit dem Kalten Krieg, einige Objekte dazu sind in Struppen zu sehen: Eine bedrohliche Wolke aus US-amerikanischen F16-Bombern, die von West nach Ost fliegen sowie Granaten, die verknotet sind oder zum Lippenstift mutieren. Seit den Neunzigern thematisiert Georg Brückner die Verwerfungen und Folgen der deutschen Einheit, den Mammon, die rechtsradikalen Tendenzen in der Gesellschaft oder wieder die Zerstörung der Umwelt, nun mit dem zunehmenden Autoverkehr. Um die 800 kleine Fahrzeuge aus Holz verstopfen bei ihm eine Stadt – ein dreidimensionales Wimmelbild.

Bis zur Wende hielt sich Georg Brückner, seit 1976 freischaffend, mit architekturbezogener Kunst, etwa der Gestaltung von Gaststätten in Neubaugebieten, über Wasser. Damit war 1990 Schluss: „Es gab keine Aufträge mehr.“ Im Landschloss Zuschendorf fand er zeitlich befristete Anstellungen, ein Glücksfall für beide Seiten. Bis heute verdient er sich ein Zubrot als Händler auf Flohmärkten und mit Schrott.Auch das führte zu einem Kunstwerk: Zur „Wahnsinnsstadt“, die Georg Brückner aus Resten von Computern und Aluminiumbeinen eines Tisches gebaut hat. Angeregt von seinem Enkelsohn Bruno. Es ist der beste Beweis, dass der Holzgestalter tatsächlich in keine Schublade passt.

Bis 30. Juli, Sonntag bis Donnerstag 12 bis 17 Uhr.

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