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Kein Schwein gehabt

In vielen Ställen gibt es wie in Krankenhäusern gefährliche Keime, belegt eine Erhebung. Das kann gefährlich werden.

Von Udo Lemke

Das Ergebnis ist „ernüchternd“. So kommentierte Dr. Sven Biereder, beim Landkreis Meißen für Tierseuchenbekämpfung und Tiergesundheitsschutz zuständig, das Ergebnis einer kürzlich vorgestellten Studie zu multiresistenten Keimen in sächsischen Schweineställen – also zu solchen Erregern, die etwa gegen herkömmliche Antibiotika resistent sind.

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Sozialministerin Christine Clauß (CDU) hatte auf eine Anfrage der Grünen im Landtag geantwortet. Danach wurden 2012 bei Stichproben 32 Ställe von Ferkelerzeugern sowie Mast- und Aufzuchtbetrieben untersucht. In über 78 Prozent der Betriebe wurden dabei sogenannte MRSA-Keime nachgewiesen. Unabhängig davon, ob es sich um kleinere Anlagen, um sogenannte Tierfabriken mit bis zu 19.000 Mastschweinen oder um einen Biobetrieb handelte.

Sven Biereder verweist darauf, dass es sich um eine Stichproben-Erhebung gehandelt habe: „Es gibt in Sachsen keine flächendeckenden Untersuchungen in Schweinebeständen.“ Insofern sei die vom Dresdner Sozialministerium als zuständige Kontrollbehörde veröffentlichte Behauptung, der „Freistaat Sachsen wird seiner Verantwortung für die Bekämpfung von MRSA gerecht“, Unsinn. Man kann gefährliche Keime nur bekämpfen, wenn man weiß, wo sie sich befinden.

Das Sozialministerium teilte mit: „MRSA steht für ein weit verbreitetes Bakterium. Es besiedelt Haut und Schleimhäute von Menschen und Tieren, ohne dass diese aufgrund der bloßen Besiedelung Krankheitserscheinungen zeigen. So tragen zum Beispiel circa 30 Prozent aller Menschen das Bakterium auf der Haut. Dies ist kein Zeichen mangelnder Hygiene.“ Die Grünen im Landtag reagierten harsch auf die Antwort der Sozialministerin. Der landwirtschaftspolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Michael Weichert, erklärte: „Antibiotika sind notwendig, weil die Haltungsbedingungen in der industriellen Tierhaltung alles andere als artgerecht sind. Überzüchtete, auf engem Raum zusammengepferchte Tiere sind besonders anfällig für Krankheiten. Darum bekommen sie zum Teil prophylaktisch Antibiotika verabreicht. Die Keime passen sich an und bilden Resistenzen, gegen die unsere Medikamente zunehmend machtlos sind.“ Landwirtschaftsminister Frank Kupfer (CDU) habe zudem den Bau neuer Tierfabriken in Sachsen noch gefördert.

Der Minister erklärte auf SZ-Anfrage: „Tierwohl hat nichts mit der Größe der Ställe zu tun. Wir haben in der Vergangenheit Investitionen sowohl in kleinere und größere Tierhaltungen gefördert und werden es auch künftig tun. Diese Investitionen sind in erster Linie darauf gerichtet, die Haltungsbedingungen zu verbessern. So haben wir in der Eierproduktion den Weg von der Käfighaltung zur Bodenhaltung unterstützt, ebenso die artgerechte Haltung bei Schweinen“. Das Argument der Grünen, dass die Größe der Ställe einen besonders hohen Einsatz von Antibiotika erfordere, weist Ministeriumssprecher Frank Meyer zurück: „Der prophylaktische Einsatz von Tierarzneimitteln ist nicht erlaubt.“ Was die Schweinehalter in der Region angeht, so zeigen sie sich wenig informiert, was MRSA-Keime betrifft. Katrin Steinbach, die 1 900 Schweinemastplätze in Klipphausen hat, erklärt, dass sie von den Keimen schon gehört hätte, aber die kämen ja nur in Krankenhäusern vor. „Die kommen nicht aus der Tierhaltung.“ Karsten Herrmann von der Priestewitzer Agrarprodukte GmbH sagt: „Mit dem Thema habe ich mich noch nicht beschäftigt.“ Und Johannes van den Borne von der Vabor GmbH, die ihre Anlage bei Streumen von 22 000 auf 44 000 Schweine verdoppeln will, hat noch nichts von der Untersuchung des Sozialministeriums gehört: „In unseren Ställen spielt das keine Rolle.“

Das Sozialministerium verweist darauf, dass „2010 nur drei Prozent der in Krankenhäusern nachgewiesenen MRSA den hauptsächlich bei Nutztieren vorkommenden Stämmen zugeordnet“ werden können.

Was passiert, wenn sich ein Mensch mit einem solchen Nutztier-MRSA ansteckt, beschreibt Sven Biereder: „Dann wird es problematisch, weil eine solche Entzündung kaum behandelbar ist.“