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Kein Sex mehr auf der Elisabethstraße

Direkt nach der Wende hat Inge Bullmann den Erotik-Markt in Görlitz eröffnet. Es war eine kleine Sensation.

Von Susanne Sodan
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Hier haben schon Pornostars auf Motorrädern gestript. Im Hinterhof gab’s Grillpartys. Nach 29 Jahren mit dem Erotik-Markt in der Görlitzer Innenstadt geht Inge Bullmann nun in Ruhestand.
Hier haben schon Pornostars auf Motorrädern gestript. Im Hinterhof gab’s Grillpartys. Nach 29 Jahren mit dem Erotik-Markt in der Görlitzer Innenstadt geht Inge Bullmann nun in Ruhestand. © Nikolai Schmidt

Ein Mann mit blauem Polohemd und guter Laune tritt durch den Kordelvorhang. „Hast du was Neues aus meiner Sparte?“, fragt er. Inge Bullmann weiß offenbar, welche Sparte gemeint ist, muss aber verneinen. Für einen kleinen Plausch bleibt der Mann trotzdem. Er scheint Stammkunde zu sein. Aber demnächst kann er hier nicht mehr mit Inge Bullmann plauschen. Sie hört im Oktober auf. 

„Eigentlich bin ich schon seit fünf Jahren im Rentenalter “, erzählt sie. Mit ihrem Mann gemeinsam wollte sie damals in Ruhestand gehen. Aber völlig überraschend verstarb ihr Mann. Daraufhin gab sie den Erotik-Markt an der Elisabethstraße doch nicht auf, machte weiter, „damit ich nicht in ein Loch falle. Es wäre mir zu viel geworden, was an Veränderungen zusammenkam.“ Am Schaufenster hängt nun ein Schild, dass ein Nachfolger gesucht wird. Einen Interessenten gab es, er hat aber abgesagt. Inge Bullmann würde sich freuen, wenn sich noch ein Nachfolger findet. Schließlich gibt es ihren Erotik-Markt schon seit 29 Jahren.

Ursprünglich stammt Inge Bullmann aus Thüringen und ist gelernte Friseurin. Durch ihren Mann kam sie nach Görlitz, hat 15 Jahre lang in der kommunalen Wohnungswirtschaft gearbeitet. „Mein Mann war Montagefahrer.“ Mit der politischen Wende kam für sie beide Unsicherheit auf. Was, wenn sie ihre Jobs verlieren würden, so wie plötzlich viele andere. Sie überlegten, was man sonst beruflich machen könnte. Lass uns doch so einen Uhse-Shop aufmachen, habe ihr Mann vorgeschlagen. Schief geschaut habe sie bei dem Vorschlag nicht. „Ich war ja nie im Leben arbeitslos, und wollte es auch nie werden.“ Und außerdem: Sex gehört zum Leben, sagt Inge Bullmann.

Deshalb wollten sie und ihr Mann sich mit dem Geschäft auch nicht verstecken. Sie gingen an die Elisabethstraße. „Ich kannte ja durch meine Arbeit in der Wohnungswirtschaft die Immobilien.“ Das Geschäft stand leer, früher war es eine Drogerie. Bei der Sanierung und Umbau der Räume machten Bullmanns vieles alleine, Freunde halfen. Unter anderem acht Videokabinen richteten sie ein. Finanziell aber hätte es alleine nicht geklappt. „Damals hat einem ja keine Bank Kredit gegeben.“ Deshalb suchte sie sich einen Partner, den sie später wieder ausbezahlte, „befreundet sind wir aber bis heute.“

An einem Montag im September 1990 eröffnete der Erotik-Markt. „Eine kleine Sensation waren wir schon. Die Leute standen sogar ein bisschen Schlange“, erinnert sie sich. „Und kurz vor Weihnachten hatten wir schon nichts mehr an Wäsche da. Unser Partner hatte dann noch kurzfristig Nachschub besorgt“, erzählt sie. „Es war ein unheimlicher Nachholebedarf da.“

Ärger wegen des Standortes mitten in der Innenstadt habe sie kaum gehabt. „Von der Kirche habe ich damals einen bösen Brief bekommen.“ Wie sie denn in der Nähe dreier Schulen einen Erotik-Shop eröffnen könne. „Tatsächlich habe ich immer überlegt, was ich im Schaufenster präsentiere, und was nicht.“ Ganz in der Anfangszeit hätten manchmal Kinder durch die Tür Beleidigungen gerufen, die sie nicht wiederholen mag. „Wer weiß, was die Eltern ihnen erzählt haben, was ich mache. Ich habe mich aber nie eingelassen auf solche Sprüche. Wenn, dann habe ich einfach erklärt, was ich mache.“ So manche Vermutungen dazu, habe sich allerdings auch ihr zweiter Sohn, der damals noch zur Schule ging, von Mitschülern anhören müssen. „Das war hart. Damals sind wir zum Direktor gegangen.“

Sex-Spielzeug gibt es bei ihr zu kaufen, Porno-Videos, Wäsche, Masken seien gerade ziemlich angesagt. Eigentlich schon, seit „Fifty Shades auf Grey“ in die Kinos kam. Danach habe sie deutlichen Zulauf gehabt an Kunden, die SM-Spielzeug und filigrane Spitzenmasken suchten, wie sie die weibliche Hauptfigur Anastasia trägt. An dem Regal hängen daneben Paddles und eine gedrehte Peitsche. Echtleder? „Ja klar. Von der kriegt man Striemen.“ Mit dem Wäscheverkauf dagegen habe sie sich nie recht anfreunden können, „ich denke, das muss man gelernt haben.“ Die Sexspielzeuge fand sie stets interessanter, „da bin ich immer neugierig geblieben.“ Ihre Aufgabe als Verkäufer: Sie muss wissen, was neu ist auf dem Markt, wie was funktioniert. „Es kommen Männer, die ganz schnell und verhuscht eine Penispumpe kaufen wollen, aber gar nicht wissen, wie man damit eigentlich trainiert. Oder die etwas im Internet gesehen haben.“ Wie viele Kunden täglich in den Erotik-Markt kommen, sagt sie nicht genau. Allerdings, die beiden heute noch offenen Videokabinen sind täglich zu reinigen. „Wenn hier zehn Leute auf einmal da wären, wäre mir das auch nicht recht. Man muss die Leute in Ruhe beraten können.“ Viele sind Stammkunden, „ich habe aber häufiger auch mit neuen Kunden zu tun, oft Touristen. „Ich lasse die Leute sich immer erst mal umsehen.“ Zeit für sie, zu beobachten. „Nach ein paar Minuten weiß ich meistens, in welche Richtung es gehen soll. Das macht die Erfahrung.“ Nach einer Weile spricht sie sie an.

„Es war eine wunderbare Zeit.“ Dieses Jahr wird Inge Bullmann 68 Jahre alt, „da habe ich mir den Ruhestand doch verdient, oder nicht?“, sagt sie. Wandern will sie viel. Am Stausee Quitzdorf hatten ihr Mann und sie einen Bungalow. Auch den hat Inge Bullmann nicht aufgegeben. „Zum Glück habe ich viele Freunde, die mich bestimmt auffangen.“ Sie haben sie schon zu einer Reise überredet, gegen Wehmut.

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