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Ausgetanzt im Schlesischen Tor

Das Haus war immer eine gute Adresse für Tanz und Gastronomie. Jetzt ist es verkauft. Was der neue Inhaber plant, ist einmalig in der Stadt.

Vorbei sind die Zeiten von Kaffeekränzchen mit Tänzchen im Schlesischen Tor in Görlitz - vorerst zumindest wegen Corona.
Vorbei sind die Zeiten von Kaffeekränzchen mit Tänzchen im Schlesischen Tor in Görlitz - vorerst zumindest wegen Corona. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Zehn Jahre lang war Diana Mix* Stammgast im Schlesischen Tor. Das Restaurant in der Lutherstraße in Görlitz, schräg gegenüber des Siemens-Werkes, war für die Görlitzerin  eine gute Adresse, wenn ihr nach einem Tanzabend war. Doch das Lokal ist geschlossen seit Mitte März - auf behördliche Anordnung im Corona-Lockdown. 

Als Gaststätten wieder öffnen durften, blieb das Gasthaus in der Lutherstraße trotzdem zu. Nun verkaufte Inhaber Bernd Ribke das Gebäude, das er 1996 von Siemens erwarb. Noch im April dieses Jahres hatte er in einem SZ-Beitrag zum Wohnungsleerstand um das Schlesische Tor herum gesagt, er wolle bleiben. Denn "wir sind die Insel des Frohsinns" hatte er damals gesagt. Nun, nach 24 Jahren Bewirtschaftung durch Bernd Ribke und mithilfe seiner Ehefrau Kerstin, ist alles anders.

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Noch Ende April dieses Jahres sagte Bernd Ribke der SZ, dass er weitermachen wolle mit dem Schlesischen Tor. Doch jetzt ist alles anders.
Noch Ende April dieses Jahres sagte Bernd Ribke der SZ, dass er weitermachen wolle mit dem Schlesischen Tor. Doch jetzt ist alles anders. © nikolaischmidt.de

Schneller fündig geworden als gedacht

Ribke ist jetzt 57 Jahre alt. Bis 60 zu arbeiten, war sein Ziel. Vor ein, zwei Jahren machte er sich Gedanken um die Nachfolge im Schlesischen Tor. Seine Kinder kamen dafür nicht infrage. Sie haben sich im Norden Deutschlands neu orientiert.

Ribke, der gelernte Koch, hatte gehört, dass manche Wirte sehr lange suchen oder gar keinen geeigneten Nachfolger finden. Also ging er beizeiten in die Spur. Bernd Ribke warb auf einem IHK-Portal im Internet um einen Käufer für das Gebäude und schaltete zusätzlich einen Makler ein. Ribke ahnte nicht, dass er schon recht bald fündig werden würde. Ein Bewerber kristallisierte sich heraus, der das Haus in der Lutherstraße wirklich wollte, erklärt der Koch.

Der Verkauf ist schon über die Bühne gegangen. Vor zwei Wochen übergab Ribke das Gebäude an den Käufer. Das kam für ihn aus heutiger Sicht dann doch  recht schnell. "Ich konnte mich von meinen Stammgästen gar nicht verabschieden", bedauert der Mann, der in Schönau-Berzdorf lebt. Hätte der Verkauf nicht geklappt, hätte er bis 60 weitergemacht im Schlesischen Tor und mit Mama Afrika. Jetzt hat er Zeit - für mehr Sport zum Beispiel und für Ideen zur Neuorientierung. "Fest steht aber nichts", sagt er.

Kochen vor den Augen des Gastes

Der Käufer des Gebäudes ist Müslüm Güneri, genaugenommen seine Ehefrau. Der 42-Jährige ist gebürtiger Türke. Seit 1993 lebt er in Deutschland, seit Juni 1998 betreibt er in Bernstadt das Bazur Kebap Haus. Nun expandiert er nach Görlitz. Einen weiteren Döner-Imbiss will er aber nicht eröffnen. "Mir schwebte schon immer vor, ein echt türkisches Restaurant mit türkischen Fleischspezialitäten vom Holzkohlegrill zu eröffnen, also weit abseits von Kebap", erzählt er. "Alles soll vor den Augen des Gastes zubereitet werden, gemütlich türkisch eben", erklärt er weiter. Mit dem Gebäude, das einstmals Klubhaus des Siemens-Vorgängers Görlitzer Maschinenbau war, will er seinen Plan umsetzen.

Dafür fehlen ihm allerdings noch einige behördliche Genehmigungen, denn gerade erst ging der Kauf über die Bühne. Wenn alles klappt, will Güneri Ende September, Anfang Oktober das Lokal eröffnen. Zuvor wird aber umgestaltet und neu möbliert - vorerst in den Räumen des Restaurants Schlesisches Tor. Über einen neuen Namen seines Lokals hat sich der Bernstädter Gedanken gemacht. Aber er überlegt noch, ob und wie er vielleicht den ursprünglichen Namen beibehalten oder integrieren kann. Denn der sei in Görlitz bekannt. Und weitere Mitarbeiter, meist in Teilzeit, braucht Güneri.

Das im Keller befindliche Lokal "Mama Afrika" wird er nicht weiterführen. Ein Restaurant im Keller, das geht für den Mann gar nicht. Vielleicht stellt er dort ein paar Spielautomaten auf. So, wie es sie im Bazur Kebap Haus in Bernstadt auch in einem kleinen Raum gibt.

Angebot für Genießer aus Görlitz und dem Umland

Müslüm Güneri sieht sein türkisches Lokal als ein Angebot, das es in Görlitz und dem Umland noch nicht gibt. Er spekuliert auf Landsleute, die hier leben und auf Menschen, die im Urlaub die türkische Küche schätzen lernten. Und natürlich auf viele Gäste aus Görlitz und dem Umland - auch aus Polen - , die neugierig sind.  Auf Touristen setzt er dabei weniger, "zu abseits der Touristenpfade liegt das Gebäude", ist dem 42-Jährigen bewusst.

Diana Mix kann zu den Erinnerungen an schöne Tanzabende im Schlesischen Tor vielleicht bald neue Erfahrungen hinzufügen. Denn auch Müslüm Güneri plant Tanzveranstaltungen  - wenn sie wegen Corona wieder erlaubt sind - , ebenso Familienfeiern wie Hochzeiten und Geburtstage. Und wer weiß, wenn Diana Mix dann Leute aus der Tanzgemeinschaft "Schlesisches Tor" in der Stadt trifft, grüßt man sich nicht nur, sondern verabredet sich zum nächsten Tanzabend im türkischen Restaurant.

*Name geändert

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