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Kein Zutritt für Behinderte

Die Treppe zur Brühlschen Terrasse ist seit Jahren ein Hindernis für Gehbehinderte. Wird sich das jemals ändern?

© Jörn Haufe

Von Marcus Herrmann

Die Brühlsche Terrasse ist als Balkon Europas bekannt. Doch den herrlichen Blick auf die Elbe und die Dampferanlagestellen kann nicht jeder problemlos genießen. Für Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte oder Frauen mit Kinderwagen wird die vom Schloßplatz nach oben führende Freitreppe immer wieder zum unüberwindbaren Hindernis. So auch für den Niederländer Leo Molenaar. Der 87-jährige Rollstuhlfahrer ist das erste Mal in Dresden zu Gast. Begleitet wird er von seiner Tochter Erna. „Wir wissen leider nicht, wie wir mit dem Rollstuhl die Treppe hochkommen sollen“, sagt sie. Damit spricht die Touristin ein Problem an, das am Schloßplatz bereits seit Jahren für Unmut sorgt. Nur getan hat sich bislang noch immer nichts.

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„Rollstuhlfahrer werden klar um ein kulturelles Erlebnis gebracht, wenn sich an der Treppe nichts tut“, sagt Matthias Pohle, Geschäftsstellenleiter des Verbandes der Körperbehinderten Dresden. Der von ihm unterstützte diesjährige Protesttag für Menschen mit Behinderungen lockte zwar mehr als 650 Betroffene in die Innenstadt, zeigte bislang aber keine Wirkung. „Es setzten sich alle für die Barrierefreiheit ein, doch passiert ist danach einfach nichts“, so Pohle. „Langsam macht sich Resignation breit.“ Hoffnung, dass der rund 500 Meter lange Umweg über das holprige Kopfsteinpflaster bis zum rollstuhlgerechten Zugang an der Synagoge bald nicht mehr nötig ist – beispielsweise durch einen speziellen Lift – gibt es derzeit jedoch kaum. Vom Sächsischen Immobilien- und Baumanagement (SIB), das für die Freitreppe zuständig ist, gibt es keine positiven Signale. „Es kann nicht gesagt werden, wann Haushaltsmittel für das Vorhaben da sind“, sagt Sachbearbeiter Tobias Lorenz.

Barockes Flair muss erhalten bleiben

Das Landesamt für Denkmalpflege schlägt ähnliche Töne an. Oberste Devise sei, dass „weder wertvolle Substanz beschädigt noch das aktuelle Erscheinungsbild nachhaltig beeinträchtigt wird“, so Michael Kirsten, Abteilungsleiter für Gebietsdenkmalpflege. Er kann sich nicht vorstellen, dass ein Lift an die Treppe montiert wird. „Auch in die Nische neben der Treppe, die als Feuerwehrzufahrt dient, könnte man einen solchen Aufzug nur schwer bauen. Hier gibt es Sicherheitsbedenken vonseiten des Oberlandesgerichts“, erklärt Kirsten. Er betont aber, dass nach wie vor nach einer Lösung gesucht wird. Diskussionen dazu seien „im Fluss“, derzeit allerdings noch nicht spruchreif.

Nach den jüngsten Gesprächen zwischen dem SIB und der Stadt gibt es jedoch zumindest eine Übereinstimmung: Am ehesten könne ein Fahrstuhl – wie es ihn unter anderem auch auf dem Neumarkt gibt – hinter der Brühlschen Terrasse gebaut werden. Das entspräche im Wesentlichen den kulturhistorischen Anforderungen, teilt das Rathaus mit. Es gibt jedoch auch für diese Variante Hemmschwellen: So muss der Ein- und Ausstieg später zu ebener Erde sein, und die Beschilderung der Zugänge darf nicht zu auffällig werden. Denn sonst wird das barocke Flair im Stadtkern negativ beeinflusst.

„Trotz dieser Schwierigkeiten muss alles für den Bau eines Fahrstuhls getan werden, damit bei Menschen mit Mobilitätsbehinderungen nicht der Eindruck entsteht, dass sie nicht auf der Terrasse erwünscht sind“, sagt Sylvia Müller, die städtische Behindertenbeauftragte. Sie weiß von einem Umsetzungsvorschlag, der sowohl im Interesse der Stadtplaner als auch des Denkmalschutzes wäre. „Den gibt es bereits. Damit geht es nun eigentlich nicht mehr um die Machbarkeit, sondern um die Finanzierung“, so Müller.

In den kommenden Monaten wird sich an der Brühlschen Terrasse aber mit Sicherheit noch nichts ändern. Im Winter droht sich die Situation bei Schnee oder Glätte deshalb weiter zu verschärfen. Davon lässt sich Sylvia Müller ihren Optimismus allerdings nicht nehmen. „Ich bin guter Dinge, dass schon sehr bald ein Aufzug gebaut wird, der dann voll sein wird mit Kinderwagen, Senioren, Rollatoren und Rollstühlen.“

Das würde auch die holländischen Touristen Erna und Leo Molenaar freuen. Sie wollen gern wieder nach Dresden kommen. „Wenn es so weit ist, wünsche ich mir natürlich keine holprigen Umwege mehr, sondern einen Aufzug zur Brühlschen Terrasse“, sagt Rollstuhlfahrer Leo Molenaar.