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Radebeul

Keine Angst vorm Stürzen

Die Geriatrischen Fachkliniken bieten nicht nur Kurse zur Sturzprophylaxe. Sie bilden dafür auch Therapeuten aus.

Ingrid und Hans-Ulrich Köpper führen vor, was sie im Präventionskurs „Standfest im Alltag“ im Zentrum für Altersmedizin, Geriatrische Fachkliniken in Radeburg, gelernt haben. Physiotherapeut Jens Gerlach kann jederzeit Hilfestellung geben.
Ingrid und Hans-Ulrich Köpper führen vor, was sie im Präventionskurs „Standfest im Alltag“ im Zentrum für Altersmedizin, Geriatrische Fachkliniken in Radeburg, gelernt haben. Physiotherapeut Jens Gerlach kann jederzeit Hilfestellung geben. © Arvid Müller

Radeburg. Er soll sich auf den Bauch legen. Der lautstark begrüßte Vorschlag aus dem Kreis der sportlich gekleideten Damen und Herren gilt nicht einem Mitstreiter, sondern dem Fotografen. Für den besten Blick auf das Paar in der Raummitte. Ingrid, 68, und Hans-Ulrich (71) Köpper zeigen, wie gut sie mit wackligen Situationen umgehen können. Ein Bein auf dem Ball, dazu der Luftballon, der gekonnt von einer Hand zur anderen wandert. Und sollte es doch mal kippeln: Physiotherapeut Jens Gerlach, Sturzpräventionstrainer an den Geriatrischen Kliniken Radeburg, weicht den beiden nicht von der Seite.

Köppers finden trotz aller Konzentration Zeit zum Schmunzeln. Wie die anderen Kursteilnehmer bei den nächsten Übungen. Scherzen, schwatzen, lachen. Eine Stimmung wie unter guten Freunden. Dabei sind die sechs Frauen und zwei Männer erst seit zwölf Wochen zusammen aktiv im Präventionskurs „Standfest im Alltag“.

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Für Gerda Fels ein Jungbrunnen. „Das gibt uns die Jugend zurück“, sagt die 75-Jährige und zeigt gleich mal bei Square-Stepping exercise, wie ernst sie alles nimmt. So kompliziert der Name der Übung – von einem japanischen Professor erfunden, inzwischen weltweit bewährt –, so schwer sieht es auf den ersten Blick auch aus, sich an die Schrittfolge-Anweisungen zu halten, beschwingt, ja tanzend, über die gekennzeichnete Fläche zu laufen. Auf welches Quadrat kommt denn nun welcher Fuß? In welcher Reihenfolge geht es weiter? Zum Glück ist da eine Gedankenstütze, der Bildschirm an der Wand zeigt die Schritte.

Und wenn es mal nicht richtig klappt: Jens Gerlach verhilft wieder zum nötigen Rhythmus. Auch die Teilnehmer untereinander haben Verständnis für kleine Fehltritte, unterstützen sich gegenseitig. Hauptsache, das Gesamtbefinden stimmt.

Was offensichtlich passt, denn obwohl alle ins Schwitzen kommen, jammert niemand. Im Gegenteil. Späßchen sind jederzeit willkommen. Wie wäre es mit Picasso? Der spielt nämlich beim folgenden Kreistraining eine große Rolle. Jens Gerlach hat sich als Maler betätigt, um die Aufgaben an den einzelnen Stationen zu veranschaulichen. Den Beinspreiz gegen den Widerstand eines Plastikbandes, die Liegestütze auf den Stuhl-Armlehnen, das Ballprellen rund um den Körper.

„So meine Lieben, jetzt geht es los“, sagt der Therapeut und zückt die Stoppuhr. Schaut aber nicht nur von Weitem zu, sondern geht von einem zum anderen, hat dabei die Augen überall, korrigiert, lobt, scherzt. Um mental und fachlich das Optimale für jeden zu erreichen.

„Das Beste, was uns passieren kann“, erklärt Gerda Fels mit Blick auf Kurs und Therapeuten. „Das passt zwischen uns“, bestätigt auch Ingeborg Beer, 79.

Eine gute Bilanz für den im März nach umfangreichen Vorbereitungen, darunter eine umfangreiche Sturz-Pilotstudie, gestarteten Präventionskurs, organisiert durchs Zentrum für Altersmedizin in Radeburg. Ein Erfolg aus Sicht der Teilnehmer und des Therapeuten. Als Jens Gerlach die Unterlagen zum Kursabschluss ausgibt – darunter Tipps fürs Weiterüben zu Hause wie Einbeinstand beim Zähneputzen –, bescheinigt er den Senioren auch, dass sich bei den Gleichgewichtsübungen fast alle gesteigert haben.

Verbesserte Gleichgewichtsfähigkeit und Muskelaufbau, so in Oberschenkeln und Armen, sind Ziele des Kurses, sagt Sandy Meusel vom Geriatrischen Netzwerk Radeburg. Gedacht als Vorsorge für Versicherte ab etwa 65 Jahren, die sich beim Stehen und Gehen unsicher fühlen, aber Wert auf gute Beweglichkeit und Selbstständigkeit legen.

Oft würden Betroffene das Risiko unterschätzen, durch einen Sturz in eine bedürftige Lage zu kommen. Hängenbleiben, stolpern, umknicken – das passiert immer nur den anderen. Da erfolgt der nächtliche Toilettengang im Dunkeln, um Strom zu sparen. Da werden Medikamente nicht oder nicht regelmäßig genommen, wird nicht genug getrunken oder unpassendes Schuhwerk gewählt. Die Kurse sollen auch ins Bewusstsein rufen, was alles noch wichtig ist, um Stürze zu vermeiden.

Für die Donnerstagsgruppe ist das regelmäßige Anti-Sturz-Training in den Fachkliniken für Geriatrie nun beendet. Sie würden alle gern wieder mitmachen, heißt es. Kopfnicken rundum. Ingeborg Beer sagt, es hat sich bei ihr so vieles verbessert, sie habe sogar wieder knien gelernt. Und beim Üben brauchte sie gar keine Angst zu haben, weil der Therapeut sofort da war, wenn er gebraucht wurde.

Im Herbst soll es in Radeburg zwei weitere Präventionskurse geben. Der Wunsch der Experten: Dass solche Kurse bald auch in anderen Orten stattfinden können, um die Anfahrtswege zu verringern. Außerdem sollen noch mehr Therapeuten ausgebildet werden, die nächste Schulung ist für März 2020 geplant.

Infos unter  Telefon 035208 88624; www.gern-radeburg.de

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