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Keine Chance für Auguste

Eine Gans ersteht von den Gerupften auf, kriegt einen Pullover gestrickt und darf sich damit des Lebens freuen. Die Gans heißt Auguste, und jeder kennt sie. Auch hier, auf dem Geflügelhof Fröde in Ulbersdorf bei Hohnstein, ist Augustes Geschichte geläufig.

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Eine Gans ersteht von den Gerupften auf, kriegt einen Pullover gestrickt und darf sich damit des Lebens freuen. Die Gans heißt Auguste, und jeder kennt sie. Auch hier, auf dem Geflügelhof Fröde in Ulbersdorf bei Hohnstein, ist Augustes Geschichte geläufig. Aber es ist nicht der Ort, an dem sie spielt. Hier, in einem niedrigen Raum unter dem Scheunendach, im Wassernebel des Brühkessels, ist die letzte Konsequenz der Nutztierhaltung unabwendbar.

Heute ist der Tag, an dem Simone Fröde, 48, die Chefin des Hofs, ihre große Gänseschar vom Leben zum Tode bringt. Seit Mai hat sie mit ihrer Familie die Küken umsorgt, hat sie morgens auf die Weide entlassen und abends eingetrieben, hat ihnen Wasser gebracht, Kartoffeln gedämpft und Schrot gestreut. Und jetzt soll alles vorbei sein. Weil Weihnachten ist. Für Simone Fröde eine ganz normale Sache. Man hält das Vieh, um es irgendwann zu schlachten, stellt sie nüchtern fest. „Das ist halt so.“

Den Gänsen freilich fehlt diese Einsicht. Sie haben ein feines Gespür dafür, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Deshalb müssen auch alle auf einmal geschlachtet werden, sagt Frau Fröde. Würde nur ein Teil der Tiere verschwinden, käme keine Ruhe mehr in den Rest der Herde. Der Stress könnte bis zur Nahrungsverweigerung führen.

Bankerin mit Schlachtemesser

Für die Massenschlachtung hat Frau Fröde Freunde, Nachbarn und ihre Kinder Marcel und Marlen angeheuert. Jeder steht an einer ganz bestimmten Stelle im Raum und erledigt seinen Teil der fließbandartigen Aktion. Die Köpfe der Leute verschwinden manchmal ganz im Wasserdampf, der unter der Decke wallt. Die Vögel werden bei 70 Grad gebrüht, damit ihr Gefieder rupfbar wird. Wohl deshalb erinnert der Geruch hier drin an ein köchelndes Suppenhuhn.

Die 25-jährige Marlen Fröde hat den heikelsten Job. Sie führt das Schlachtemesser. Träfe man die Blondine mit den schmalen Brillengläsern – sie ist gelernte Bankkauffrau – auf der Straße, man würde ihr keine Bluttat zutrauen. Aber sie ist damit aufgewachsen, und sie benutzt die selben Worte zur Schilderung der Sachlage, wie ihre Mutter: „Das ist nun mal so.“

Marlen öffnet die Klappe des geschlossenen Viehwagens. Drinnen harren die Gänse dicht aneinandergeschmiegt ihres Schicksals. Ohne Umschweife greift sich das Mädchen einen Vogel, klemmt ihn sich unter den Arm. Er leistet kaum Gegenwehr, quäkt nur bang, bevor ihm der Schnabel zugedrückt wird.

Der Schlachtapparat ist eine Metallschüssel auf Beinen, über der mehrere Trichter angebaut sind. In einen dieser Trichter kommt die Gans kopfüber hinein. Die Trichterwandung drückt die Flügel an den Gänsekörper, Kopf und Hals schauen unten aus der Öffnung. Marlen greift zu einem hölzernen Axtstiel, hält den Gänsekopf am Schnabel fest und schlägt kurz und trocken zu. Dann schneidet sie dem Tier die Schlagader durch. Tiefrot strömt das Blut in die Auffangwanne, und von da durch eine Tülle in einen grünen Plastikeimer.

Der Gänsekörper zappelt ein wenig, das Schwanzgefieder bebt, ein Watschelfuß wackelt. Nach wenigen Augenblicken ist der Kampf vorbei. Marlen trennt die Flügelspitzen ab. Sie sind beim Braten nicht verwertbar. Die Flederwische – so sagt man hier dazu – fliegen auf einen Haufen, der schon ziemlich groß ist. Der Anblick wirkt seltsam. Als ob die komplette himmlische Heerschar hier ihre Flügel abgestreift hätte. Ganz nutzlos sind die Federbüschel jedoch nicht. Mancher verwendet sie zum Staubwedeln und Spinnwebenwischen, heißt es, und lässt sich extra ein paar Stück reservieren.

Den ausgebluteten Gänsekörper greift sich Jens, der Mann am Brühkessel. Er trägt lange, blaue Handschuhe, die bis zum Ellbogen reichen. Ohne Schutz löst sich die Haut durch Hitze und Wasser ab, sagt er. Wer nicht aufpasst, kann sich nach einer Aktion wie dieser die Fetzen von den Fingern ziehen.

Jens taucht die Gans in das Bad und massiert den Körper gegen den Strich. Das heiße Wasser soll in alle Poren dringen, damit sich die Federn gut lösen lassen. Das schöne, weiße Federkleid wird ganz stumpf vom Wasser, in dem schon gehörig Fett mitschwimmt. Das gefällt Marcel, dem Bediener der Rupfmaschine, gar nicht. Sein Apparat verliert den Biss, wenn zu viel Fettigkeit im Spiel ist. Wasserwechsel!

Neues Brühwasser schleppt man heran vom alten Waschkessel, der gut gefeuert draußen auf dem Hofe thront. Der Rupfautomat brummt los. Das ist eine waagerecht gelagerte Trommel mit dichten Reihen fingerlanger Kunststoffnoppen. Marcel hält die Gans an den Beinen über die rasende Walze, und die Kunststofffinger streifen die Federn ab. Zwanzig Sekunden höchstens, und die Gans ist splitternackt.

Chefin isst lieber Schokolade

Die Gänsehaut macht einen selber frösteln. Man will dem Tier doch gern einen Pulli überziehen. Aber nein. Es soll abkühlen. Die Gans kommt an einem blauen Bändchen baumelnd zu den anderen. Ausgenommen wird sie erst, wenn das Fett wieder fest ist, sagt die Chefin, indem sie prüfend die Gänsepopos befühlt. „Sonst rennt mir das weg.“

Zaungäste haben sich eingefunden. Stefan Richter, 58, und seine 78-jährige Schwiegermutter Elly stehen an der Tür, neben ihnen eine schnatternde Kiste. Die beiden wollen ihre zwei grauen Gänse gleich mit schlachten lassen. „Habt ihr euch von ihnen verabschiedet?“, ruft es aus dem Schlachthaus. Stefan Richter ruft zurück: „Verabschieden tue ich mich, wenn sie auf dem Teller liegen, mit Rotkohl und Klößen!“

Der Gänsebraten von der heimischen Wiese ist begehrt. Die Hälfte der Frödeschen Gänse hat schon als Küken einen Interessenten. Die anderen werden das Jahr über bestellt. Wer jetzt erst anruft, und das tun etliche, hat das Nachsehen.

Und was kommt bei Frödes auf den Festtagstisch? Keine Gans! Simone Fröde mag keinen Gänsebraten. Sie mag überhaupt kein Geflügel. Warum, weiß sie nicht. Muss wohl in der Familie liegen, sagt sie. Sie kann sich durchaus mit Kartoffeln und Rotkohl begnügen. Oder mit einem großen Stück Schokolade. „Das reicht mir.“