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Keine Perspektive für alte LPG-Küche

Das stolze Schloss war einst Küche und ist jetzt Ruine. Da das Haus nicht verschlossen ist, wird immer wieder randaliert.

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Von Anja Beutler

Wenn Karl-Heinz Ludwig vom Schloss seiner Kindheit erzählt, kommt kaum einer auf den Gedanken, dass er das neue Schloss auf dem Gutshof in Rosenhain meinen könnte. So weit gehen Gestern und Heute inzwischen getrennte Wege. Während Karl-Heinz Ludwig vom Treppenhaus mit rotem Teppich und einem großen Flur mit vielen Hirschgeweihen an den Wänden schwärmt, sieht man heute nur noch Scherben, Dreck und Tierkot in den Gängen. Das, was in den Räumen im ersten Stock an Inventar noch vorhanden war – vom Schrank bis zum Waschbecken –, ist gänzlich zerlegt, auch die restliche Kücheneinrichtung und der einstige Speisesaal sind demoliert. „Damals war es ein Schloss, heute ist es eine Bruchbude“, stellt Ludwig nüchtern fest.

Damals, das waren für ihn die Jahre zwischen 1946 und 1954. Mit seinen Eltern ist er als Siebenjähriger aus Görlitz nach Rosenhain gekommen und hat mit weiteren Familien in dem einstigen Schloss gewohnt. „Das war herrlich, als Kinder haben wir da viel entdecken können“, sagt der einstigen Schlossbewohner. Immerhin war das Schloss bis Kriegsende im Besitz der Schnapsbrenner-Familie Hünlich aus Wilthen, weiß der Rosenhainer Ortschronist Siegfried Neitsch. Karl Albert Hünlich gilt heute als Begründer des deutschen Weinbrandes.

Nun ist das Haus eher ein Sorgenkind des Ortes. Ortsvorsteher Friedhelm Gerlich versucht seit einiger Zeit, das einstige Schloss sichern zu lassen. Doch die Besitzverhältnisse auf dem Gutsgelände machen das nicht gerade einfach, denn das Gelände ist total zersplittert: Das alte Gutshaus gehört der Wobau, die dort Wohnungen vermietet, die einstigen Stallungen gehören verschiedenen privaten Besitzern, so wie offenbar auch das einstige Schloss. „Ich habe schon an Besitzer geschrieben, aber da kommt selten eine Antwort“, sagt Gerlich.

Wann es das letzte Mal Krach und Randale in dem Haus gab, kann niemand so genau sagen. Anwohner berichten, dass es die letzten Wochen ruhig gewesen sei. „Im November muss was gewesen sein“, sagt Gerlich. Anzeige hat freilich keiner erstattet, weder bei Ordnungsamt noch bei der Polizei. Dennoch will der Ortsvorsteher das Gebäude gern gesichert sehen. So wie den einstigen großen Stall beispielsweise, wo die Fenster mit Brettern vernagelt und die Türen mit einem Vorhängeschloss gesichert sind.

Dass von dem früheren Glanz des 1885 erbauten Schlosses heute kaum noch etwas zu erkennen ist, liegt vor allem daran, dass die LPG beschlossen hatte, das Haus als Küche und auch Wohngelegenheit für Jungfacharbeiter zu nutzen.

Anfang der 1960er Jahre verlor das Haus dann den stattlichen Charakter: Das Obergeschoss und das Dach wurden abgenommen, erinnert sich Manfred Lucas, der lange bei der LPG gearbeitet hat. Eine Modernisierung des Dachs und des Dachgeschosses wäre einfach zu teuer gewesen und gebraucht hätte man so viele Räume wohl auch nicht, erinnert sich Lucas. Seitdem wirkt das alte Schloss eher wie ein moderner Zweckbau. Und da kein Land dazu gehört, ist es auch für neue Investoren uninteressant. „Schade“, sagt Karl-Heinz Ludwig ein bisschen traurig, „das Haus war wirklich schön.“